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Jüdische Rundschau · 1906-01-19 · Heft 3 (19.1.1906) · page 16

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XI (1906)
Issue
Heft 3 (19.1.1906)
Date
1906-01-19
Page
– (sequence 16)
Language
German
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Seite 42 No. 3 JÜDISCHE RUNDSCHAU dungstief einen Prolog, in dem Hilfe für die Opfer des brutalen russischen Barbarentums, die russischen Juden, angcruien wurde. Herr“ Musikdirektor Alt. Herr Magistratssckretär F rotscher. Herr Pianist Ritter. Oberkantor de Beer. Opernsänger Meyer, Frl. Burckhardt erfreuten durch Musik. Herr Stern. Mitglied des Kattowifzer Iheaters. sprach hierauf jungjiidische Dichtungen, den ..Sturm“ und ״D e Landstreicher“ von Morris Rosenfcld. Die Festrede hielt Herr Zahnarzt Hugo Schachtel aus .Breslau, der Vorsitzende der dortigen Ortsgruppe. Die Rede gedachte der alten Heldentaten der Makkabäcrfiirsten über syrische Bluthcrrschafi. Eir. neues Makkabäer tum sei nun wieder in unseren Tagen erstanden. Der alte Heldenmut der Sohne Judas sei wiederaufgeflammt. Drüben im dunklen, von dem Fanal der Revolution grell und schaurig durchleuchteten Zarenreiche, wo der verbrecherische Barbarismus der ״Schwarzen Banden“ metzelnd und mordend seine Menschenopfer sucht, haben die Scharen der Jüdischen Wehr heldenmütig gekämpft gegen den judenabschlachtender• Pöbel, haben viele Greuel und Mordtaten verhütet — ein modernes Makkabäertum. Bisher habe man geglaubt, dass der Jüdische ״Schnorrer“, dem man in Deutschland begegne, der Typus des russischen Juden sei. Die Helden* taten der Jüdischen Selbstwchr in Russland, das Ringen um Menschenwürde und Aufklärung, haben gezeigt, dass der russisehe Jude, der emanzipierte Verfechter dieser Ideale, doch ein anderer ist. Den zweiten Teil des Programms leitete Bruchs Kolnidre ein. das eigentlich mehr eine Pharaphrase ist zu der mehr als tausendjährigen ergreifenden Traditionalmelodie, von der die Legende erzählt dass sic bereits im Heiligtum der alten Gottesstadt, als sie zerstört worden, erklungen. Die durchweg vollkommenen Darbietungen wurden sämtlich mit lebhaftem Beifall aufgenotumen. ..Die hiesige zionistische Ortsgruppe hat mit der Makkabäerfeier — schreibt die OBERSCHLES1SCHF GRENZZEITUNG — eine Veranstaltung geschaffen, der bei ihrer die Gegensätze des Kastengeistes, der auch innerhalb unserer Jüdischen ־Mitbürger zur Geltung kommt, versöhnenden Popularität nicht der gute Geschmack und das vornehme Gepräge fehlte." Dessau. In der hiesigen Ortsgruppe wurde am 30. Dezcr.i ber das Makkabäerfest gefeiert Das Fest verlief glänzend. Herr Konzertsänger Rubin Hotstein aus Dresden kam hierher und entzückte durch seinen herrlichen, hinreissenden Gesang die Zuhörer. Auch Frau Rabbiner Dr. Seligkowitz aus Cöthen, die sich in hochherziger Weise dem Verein zur Verfügung stellte, erfreute ebenfalls die Zuhörer durch ihrer« schönen Gesang. Herr Hofschauspieler brachte Lieder von Morris Rosenfeld innigst und tiefempfunden zum AusJruck. Herr Blitz hielt die Festrede, deren wesentlicher Inhalt weiter bekannt zu werden verdient: ״Wiederum", sagte der Redner, ״waren die Chanukkahlichter entzündet, wiederum haben sie unser Herz durchleuchtet, als helle 2eugen einer grossen Vergangenheit, deren wir uns mit Entzücken erinnern. Damals lebte unser Volk frei und glücklich in einem freien Lande. Der jüdische Landmann ging hinter seinem Pfluge einher und lustwandelte auf den Gefilden Judas, die seine fleissigen Hände mit grünen Auen und Matten geschmückt. In den Städten ging der Bürger ungestört seinem Berufe nach und in der Hauptstadt wimmelte es von Scharen froher Mensehen, die im Gefühle der Unabhängigkeit sich einem ungetrübten Lebensgenuss hingeben durften. Dieses stille Glück, gegründet auf tiefe Sittlichkeit, getragen von den gemeinsamen Interessen aller Volksgenossen, die den besten Kitt fü» den Fortbestand eines Gemeinwesens bilden. Hess die neidi• sehen Griechen nicht ruhen. Sie drangen in Judaea ein. zerstörten Glück und Wohlhabenheit und richteten Verheerungen und Verwüstungen an. In dem Tempel, der eine Betstätte für das allunifassende Wesen sein sollte, wurde ein steinernes Bild errichtet, vor dem der Jude sich bücken sollte, wie es der Grieche tat. Mit Schrecken sah die jüdische Nation ihre Freiheit und Unabhängigkeit, ihre geistigen und materiellen Güter bedroht Aber Entsetzen ergriff sie, als sie sahen, dass ein Teil ihrer Glieder gemeinsame Sache mit dem Feinde machten und in ihrer Verblendung glaubten, durch Kriecherei und Nachäffung sich die Gunst ihrer Bedrücker zu erwerben. Umso tapferer und mannhafter traten die Nationalhelden auf, entschlossen, die Ehre ihres Vaterlandes zu retten. In Mizpa, einem Orte, wo schon früher die Juden eine Art Rütli-Schwur getan. Jeden Angriff auf die nationale Selbständigkeft zurlickzuweisen, forderte Jehuda Makabbi die Nationalgesinnten auf, ihr Vaterland zu verteidigen, die Freiheit zu schützen und die nationale Ehre zu retten. Freudig folgten sk seinem Rufe. Sic ergriffen das Schwert und steckten es nicht eher in die Scheide, als bis sie den Feind zum Schweigen brachten und ihm Achtung vor dem jüdischen Stamme abrangen. Die Jüdische Nation durfte sich wieder ihrer geachteten Steilung erfreuen. Von Nah und Fern brachte man dem jüdischen Fürsten, der aus jener Hasmonäcr-Heldenfamilie hervorgangen war, Huidigungen dar, und selbst der stolze römische Senat bot ihm seine ßundesgenosscnschaft an. Die judäischcn Volkskrcise konnten sich wieder ihrer friedlichen Beschäftigung hingeben. Aber wann hat je Neid, Hass und Scheelsucht den friedlichen Menschen in dem Besitz seines stillen Glückes gelassen? Abermals drangen Feinde in Juda ein. abermals kämpfte unsere Nation heldenmütig gegen den Feind, allein diesmal waren die gewaltigen Hccresmasscn der römischen Legionen viel stärker und zahlreicher, so dass die römische Eroberungssucht den Sieg über den jüdischen Mut davon trug. Römische Tücke hat unsere nationale Selbständigkeit zerstört: sie hat uns in die finstere, einsame Nacht hinansgestossen, und nur die Chanukkahlichtcr waren die blitzenden Sterne, die uns auf den finstern Weg begleiteten und die uns die Hoffnung auf die nationale Wiedergeburt auch erhielten. Mit dieser Hofinung traten wir die tausendjährige Wanderung an, diese Hcmnung hob uns über die Leiden der Zeit hinweg. Mit dieser Hoffnung bestieg freudig der Jude den Scheiterhaufen in der iesten Zuversicht, dass die Leiden bald zu linde sein werden und er als Enkel jener Makkabäer die Pflicht habe, zu dulden, wie Jene gelitten und die Leiden überwunden haben. Mit dieser Hoffnung ziinden wir alljährlich die Chanukkahlichter an, die weder durch die Inquisitionsfeuer verzehrt, noch durch das Blut jüdischer Märtyrer erstickt werden konnte. Diese Hoifnung soll 1ms endlich w ieder mit Zuversicht erfüllen, dass die Zeit nicht fern sei, die auch uns Juden Licht und Freiheit bringen wird. — Freilich hat in manchen Wcitstrichcn finsteres Gewölk den jüdischen Himmel verdeckt. Rohe Horden haben wiederum ihr Mütchen am jüdischen Blut gekühlt; aber bei all dem Entsetzen dürfen wir 11ns die freudige Oeliugtuimg nicht versagen, dass unsere Feinde diesmal nicht auf scheue Männer, sondern auf die Nachkommen jener Makkabäerhelden gestossen, welche die Ehre jüdischer Frauen, das Leben jüdische* Mütter und Väter mit ihrem Herzblut verteidigt haben. Dies ist ein günstiges Zeichen, welches zeigt» dass in unserem Volke alle Vorbedingungen vorhanden sintl, die zur Bildung eines geschlossenen Gemeinwesens notwendig sind: Mut, Tapferkeit and Ausdauer. Die Verheisstmgen aller jüdischer Propheten, die die Zukunft des Judentums in der nationalen Aufrichtung zusainmciitassen und die nicht müde werden, diese Zukunft in den lielUeuclitendsten Farben auszumalen, sind demnach kein leerer Wahn. An uns ist es nur für die Eriiillung jener Verlicissungcn zu sorgen und unser altes Vaterland für unsere zerstreutet! Brüder zu schaffen, das allein sie in den Stand setzt, frei nach ihrer Individualität zu leben, wie ihre Ahnen einst froh und glücklich gelebt haben. Aus den Funken nationaler Erhebung gingen die Flammen *der Chanukkahlichter hervor, für die nationale Hofinung haben sie Jahrtausende gebrannt, die nationale Wiedergeburt möge der Lohn jener Helden sein, die sie zuerst entzündet und den Boden Judäas mit ihrem Blut getränkt, auf welchem nach Jahrtausenden neues jüdisches Leben emporblühen soll. — Man sagt, die Chanukkahlichter sind fiir die Religion entzündet worden, gewiss war den Makkabäern nichts teurer und nichts heiliger, als das Gesetz, als für die Sitte der Väter einzutreten, aber sie haben auch für die nationale Selbständigkeit gekämpft, weil sic wussten, dass auf eigenem Herd die Flamme der Religion am besten brennt. Schaffen Sie einen solchen Herd, eine Zentrale, wo die Flamme jüdischen Lehens ungestört lodern könnte, dann werden die Funken auch zu Ihnen hinüberfliegen und ihr Herz erhellen, wenn Sie sehen werden, dass Ihre Brüder glücklich, unabhängig und frei leben und einen geachteten Faktor in der Reihe der Völker bilden! Man schrecke nicht zurück vor der Schwierigkeit. D<־r Erfolg wächst mit der Grösse der Aufgabe! Auch die Chanukkahlichter sind zuerst winzig, aber sie vermehren sich' zu einer vielfältigen Flamme. Eine solche Flamme soll einst auf dem Altäre jüdischen Lebens brennen, unbekümmert, ob ihr Licht auch weitere Kreise erwärmt. — ln geschlossenem Kreise hat unser Volk viel fiir die Menschheit getan, denn dadurch, dass das jüdische Volk in der Makkabäerzeit den nationalen Bestand rettete. w׳ar es möglich, dass jüdische Wahrheiten der weiten Welt zugänglich g:macht wurden, in geschlossenem Kreise werden w ir noch viel fiir die Menschheit tun können. In dieser Hofinung wollen wir dasCliamikkahfest beschliessen. und uns der Freude hingeben, dass cs uns bald vergönnt sein wird, das Chanukkahiiclit, wie es das Gesetz befiehlt, nicht in der Ecke, sondern auf öffentlichen jüdischen Plätzen anzuzünden• ln den Chanukkahtagcn. sagt das Gesetz, sollt Ihr nicht trauern Auch v.'ir wollen heute nicht trauern, sondern uns der Freude hingeben und uns mit Mut erfüllen, vorwärts zu schreiten auf dem Wege zum Glücke, zur Freiheit, zur nationalen Unabhangigkeit.“ — Die Feier war sehr gut besucht und hatte einen grossen agitatorischen Erfolg,

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