Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 3 (19.1.1906)
- Date
- 1906-01-19
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Das Kennzeichen der Delegiertcnversaimnlung war erstlich die Ansschliessung russischer Juden von der Konferenz, die als eine. Quantite negligeable angesehen wurden und dann die absolute Ablehnung jedes Gedankens, dass man jemals in Palästina etwas tun kenne oder dürfe. Die einzige 1, die aui der Konferenz den palästinischen Standpunkt vertraten, waren Dr. Hirsch Hildesheimer und ganz besonders auch Dr. Heinrich Meyer Cohn, der sich lebhaft für eine zionistische Studentenpetition und die darin geforderte planmässige Kolonisation Palästinas einsetzte. Sonst aber war Lrasilien der grosse Trumpf, den Karl Emil Franzos gegen die ״grosse Beduinengefahr im Ostjordanlande“ gegen ״den Versuch, die Angelegenheit unter dem Gesichtspunkt jüdischnationaler Aspirationen zu erledigen" und gegen Anatolien, dessen ״politische Zukunft unsicher, dessen Rcchtszustand der Gegenwart traurig“ wäre, ausspielte. Die Zeiten, wo Männer wie Karl Emil Franzos es wagen durften, über die Geschicke eines Volkes mitzu sprechen und seinem Gedeihen entgegenzuwirken, sind zwar noch nicht ganz vorüber, aber gehen bereits ihrem Ende entgegen. Wenn heute eine wirkliche Aus- Wanderungskonferenz stattfinden soll, die zu einer brauchbaren Hilfsaktion für die russischen Juden werden soll, so sind zwei Faktoren die wichtigsten, die man deshalb nicht mehr ausschalten kann, nämlich die russischen Juden selbst und ״Jene iüdischnationalcn Aspirationen“, vor denen den deutschnationalen Franzos aus Russland, bztl. Galizien ein gelindes Grauen anging. Diese jüdischnationalen Aspirationen leben, und sind samt den russischen Juden über den russlandbürtigen deutschnationalen Juden Franzos zur Tages- Ordnung übergegangen. Wer wirksam für die russisehen Juden tätig sein will, muss heute mit dem Zionismus als einem der wichtigsten Faktoren rechnen. Unter dem Zeichen der gewaltigen Massennot hat in Russland der Präsident der Zionistischen Partei auf den 29. Januar eine allgemeine Konferenz zur Beratung der Frage einberufen, was man ausserhalb und im E:n klang mit dem Basler Parteiprogramm für die äugenblickliche Linderung der J11de״not »un kann. W׳'r wissen zwar, dass eine dauernde Hilfe, ja sogar eine grössere Augenblickshilfe nur durch unsere Tätigkeit in dem alten ewigjungen Ju enlande gebracht werden kann, dass aber gegenüber dem schrecklichen No:- Stande des Augenblicks eine Notstandsaktion in Angriff genommen werden muss, d e keineswegs irgend wie eine Art von Kolonisation sein kann, sondern nur eine, im Sinne der bisher unausgeführt gebliebenen Frank• fnrter Beschlüsse, Regelung und Pfeilung der Auswanderungsbewegung, die wie ein wilder Strom sich über die Ufer ergiesst. Man kann den Strom nicht eindämmen, man kann ihm nicht Einhalt gebieten, aber man kann es verhindern, dass er vernichtet statt z1.׳ be iruchten. Die Brüsseler Konferenz, ׳die kein Kolonisation- Projekt im Sinne eines Charters ins Auge fassen kann, soll ein Auswanderungsamt schaffen, wie es in Frankfurt vorgesehen war. Sie soll die Fragen erwägen, die sich täglich neu ergeben und soll vor allem unsere Brüder aus Russland über ihre eigenen Bedürfnisse und ihren eigenen Willen hören. Denn wir. sind über die Theoreme von 1891 doch endlich hinausgelangt, wo wir glaubten, die russischen Juden auch wider ihren Willen glücklich machen zu können. Wir werden ja auch aus Russland keine unbedeutenden Vertreter des Jüdischen Volkes haben. Voran wird Jener selbe Ussischkin dort sein, der seit 1879 dau - ernd im Vordertreffen der iüdischnationalcn Phalanx steht, ihm zur Seite sein treuer Kampfgenosse Tentkin. der ״Rufer auf den! Kongresse.“ Daneben werden Dr. Tschlenow und Dr. Schemarjah Lewin mit ihrem einsichtigen Rat nicht fehlen und ebensowenig Goldberg aus Wilna. Ausser den eigentlichen Zionisten, wird die jüdische Mittelpartei sehr stark vertreten sein, ganz besonders die Herren von Jewrejskij Sojuz, die sich ja ebenfalls offen und uneingeschränkt als jiidischnatino?! bekennen. Aus Kiew allein wird eine nicht geringe Zahl von Vertretern kommen, beinahe e.ne grössere ms zu erwarten gewesen wäre. Sie werden zum ersten Male Gelegenheit haben mit einer so ganz anders entstandenen Organisation zusammenzuarbeiten, wie es der Hilisverein Deutscher Juden ist. Diese rührige Gesellschaft, deren deutschnationale Entstehungsgeschichte sie beinahe in einen dauernden Gegensatz zu den Zionisten gebracht hätte, wird in den Personen Dr. Paul Nathans und Dr. ITrsch Hildesheimers sowie anderer Vertreter be-