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Jüdische Rundschau · 1905-12-29 · Heft 52 (29.12.1905) · page 16

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
X (1905)
Issue
Heft 52 (29.12.1905)
Date
1905-12-29
Page
– (sequence 16)
Language
German
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No. 52 Seite 700 JÜDISCHE RUNDSCHAU und die an allen Demonstrationen teilnähmen. Anch dte Universität Bern beuge dem Eindringen russiscli •jüdischer Studenten vor. Abg.'Sch neide r verlangt Massnahmen zur Ver* hindcrung der Invasjon Österreichs durch russiscn-jüdische Revolutionfire und Flüchtlinge. Rom 10. Dezember. Gestern Abend versammelte Fürst OdescalcH in seinem Palaste eine Anzahl von Senatoren, Abgeordneten tmd Mitgliedern der Aristokratie, um den Grund zu einer grösseren Protestaktion gegen die Verfolgung der Juden in Russland zu lejten. Die Ver- Sammlung schloss mit der Wahl einer vorbereitenden Korn* I ractitlsclic K'nderheilstätte KOnlgsderff-Jastrzemb. Die in dem altbewährten Soolbadc Königsdorii-Jastrzemb im Jahre 1890 gegründete israelitische K'.nderhe IstatU blickte auf eine 15jährige überaus crspriessliche Wirksamkeit zurück. Die beiden festen Säulen, auf denen das Werk in hoffnungsfrcirdigcr Zuversicht errichtet wurde — göttliche Hilfe und werktätige Näclistenl ebe — haben das geme.nnützige Unteriie.imcn in den wechselvolhn Zeiten sicher getragen und es an Kraft und ScgensfDlle zunehmen lassen. In der verflossenen Kurzeit 1905 musste der Betrieb der Anstalt etwas eingeschränkt werden. Infolge der in Oberschlesien herrschenden Genickstarre, die jetzt bereits erloschen ist. wurde von der Königlichen Regierung zu Oppeln die Anordnung getroffen, dass mir solche Kinder au!'genommen werden durften, die durch ein poi'.ze liches Attest nachweisen konnten, dass in den letzten vier Monaten in ihrem Wohnhause und in den nächsten Nachbarhäusern Erkrankungen an Genickstarre nicht vorgekonm1־׳n sind. Der strengen Durchführung dieser Verfügung ist es mit zu verdanken, dass in der Anstalt keinerlei verdiiclitage!Erkrankung sich gezeigt Int. und dass alle Pfl.glinge gestärkt und wohlbehalten die Kinderhe lstätte verlassen konnten. Immerhin ist durch diese Einschränkung die Zahl der Pfleglinge in dieser Saison eine geringere gewesen. Während Ln den Vorjahren die Anstalt 115—120 Kinder bcherbergte. haben diesmal nur 94 Kinder Aufnahme gefunden. Be«‘ allen Kind;rit war ein durchaus günstiger Heilerfolg zu verzeichnen. Die Gewichtszunahme der Kinder betrug durchschnittlich 3 bis 7 Pfund. Die segensreiche Anstalt, die auch in dieser schweren, sorgenvollen Zeit sich glanzend bewälirt hat, wird durch milde Beitrage erhalten und ist der Förderung edler Menschenfreunde würdig. Nähere Auskunft erteilt der Vorsitzende Rabbiner Dr. Wilhelm M ü n z in G l e i w i t z. Der elsässischc Ort Bassenbere (Kreis Schlettstadt) war noch von 20 Jahren das Zentrum der jüdischen B e v ö t ־ kerung des Weilertalcs. Daher war auch liier die Synagoge und der Gottesdienst für die jüdische, Bevölkerung des Tales. Es wohnten da üb:!r 50 jüdische Einwohner. Ihre Zahl hat aber seitdem immer mehr abgenommen, und nun wohnen nur noch zwei solcher Fami'ien mit neun Köpfen hier, welche auch dem Zuge nach der Stadt, dem die andern bereits gefolgt sind, folgen wollen. Die hiesige Synagoge ist mangels Besucher deshalb geschlossen worden und ist zum Verkaufe an’d.n Meistbietenden ausgesetzt. Während es in Russland und Österreich eine grosse Anzahl von Städten und Dörfern gibt, in denen die Juden öle Mehrheit der Enwouner bilden, dürfte ein solcher Ort in Mitteldeutschfand se’tsam und deshalb der Erwähnung wert sein. Es ist das Dorf Rhina in der Provinz Hessen-Nassau, das (nach der Volkszählung vom I. Dezember 1900) unter 509 Einwohnern 297 Jüdin zählt. Der Grund für den hohen prozentualcn Anteil der Juden dürfte darin zu suchen sein, dass die Juden in Hessen früher nur ein örtlich sehr beschränktes Wohnrecht hatten und dass gerade die Ritterschaft, zu der der Ort Rhina gihörte, den Juden zum Wohnen freigegeben war. De Mehrzahl der Juden in Rhina beschäftigt sich mit Vi.bhandcl: im Gemeinderate sind unter zwölf Mitgliedern neu״ Juden. ■ ._ Persönliches Unsere Gesinnungsgenossen Herr Jakob H. Wagner und seine Gattin, Frau Lina Wagner-Tauber wurden durch die Geburt eines gesunden erstgeborenen Sohnes erfreut, der die Name«‘"צבי יד״א führen wird. Den zahlreichen Glückwünschen, die besonders aus gcsinnuiigsgenössischem Kreisen eingehen, schliesst sich die Redaktion aufs allerhcrziichste an. Zur Beachtung Das Register zum Jahrgang 1905 der JÜDISCHEN RUND- SCHAU und zum LITERATURBLATT wird der ersten Nummer des neuen Jahrganges befliegen. 9 כ Sprechsaal ׳ c Für dte Mitteilungen an dieser Stelle übernimmt die Redaktion nur die pressgesctzHche Verantwortlichkeit □ Wir erhalten folgenden Aufruf: Zionistinnenl Itt dieser Zeit des Elends und der himmelschreienden Not unseres Volkes kann uns nur die Hoiinung auf die Erreichung unseres Zieles Trost gewähren. Der Schmerz darf unsere Energie nicht lähmen. Mehr denn je haben wir für unseru Zionismus ztt arbeiten. Zionistinnenl Ihr könnt durch die Arbeit Eurer Hände!teilen, dem jüdischen Volke seine Heimat zu erwerben. A rbeitet für unseren N a t io n a 1 f on d! Stellt Eure Ocschickl'chkeit, Euren Geschmack und Eure Ertiudimgsgäbe ■n den Dienst unserer hciMgen Sache. Fertigt Handarbeiten und Malereien jeder Art an und verkauft sie zu Gunsten des N a t i o 11 a 1 io n d s! Die Erfahrung hat gezeigt, dass durch diese Art der N.-F.-Arbcit grosse Summen zu erwerben sind. Es gehören weder grosse Kosten noch ein besonderer Aufwand von Geschicklichkeit dazu, aus beliebigem Material liiibsche Gegenstände zu verfertigen. Decken jeder Art. Eis- Servietten, Lesezeichen, Buchhüllen. Serviettenringe und andere nützliche oder Luxtissachen sind leicht hcrzustellen und durch Stickerei oder Malerei zu verzieren. Beim kaufenden Pu* Mikum erfreuen sch solche Haudarbe.tcn grosser Beliebt* beit und bringen, wie der Versuch gelehrt hat, dem N.-F. viel ein. Hoffentlich hat diese Anregung Erfolg, dass soviel Handai beiten geliefert werden, dass sich die Einrichtung einer Verkautszcntrale (ähnlich der für die Materialiensammhmg) 'ohnL aus der dann Ortsgruppen und Einzelpersonen •ihren Bedarf an Verlostmgs- und Verkaufsartikcln resp. Geschenke: decken können. Charlotte Mölisa m. * Von einem evangelischen Pfarrer n Ostdeutschland erhält unser Redender Redakteur folgendes Schreiben, dessen Inhalt vielleicht einige unserer Leser interessieren dürfte. K. 7. 12. 1905. Sehr geehrter Herr Doktor! Was mich veranlasst, Ihnen zu schreiben, ist, dass ich eben ganz voll bin von Hoiinung für die endliche Rückkehr Ihres Volkes in seine alte Heimat. Mir scheint die Zeit dazu mit Riesenschritten anzurücken, ohne dass Ihr Volk cs selber merkt. Herz! ist gestorben, und die Leute dachten: Der Traum ist aus. Jetzt aber scheint Gott selbst die Sache in die Hand zu nehmen: so wenigstens erscheint es mir. Ich wenigstens weiss nicht, auf welche andere Weise den Greueln, unter denen Sie in Russland leiden, ein Ende gesetzt werden soll. Ihre Volksgenossen werden selbstverständlich jede Oelegenheit benutzen, für russisches Papier Gold oder Silber aufzuspeichern, uni für den Fall, dass sie in Russland nicht mehr bleiben können, ein allenthalben geltendes Zahlungs* mittel zu besitzen. Das aber wird den Hass der Russen nur immer mehr entflammen; denn schliesslich resst sich doch der Mob ums Geld. Irgend etwas wird von internationaler Seite geschehen müssen und auch geschehen, um noch zu retten, was zu retten ist. Kein europäischer Staat aber wird in grossem Masstab russische Juden auinehmen können, schon weil die Bevölkerung darüber empö-t sein würde. Was wird da schliesslich übrig bleiben als Palästina? Alles Geld, was jetzt gesammelt wird, kann gar nicht besser angewendet werden. als dass man jedem Gelegenheit gibt, in Odessa ein Schiff zu besteigen und dauft nach Haifa zu fahren. Graf Witte ist gewiss dafür, die englische Regierung auch, und dem Sultan muss ja nun der Schiffe wegen schon anstandshalber irgend eine Konzession abgerungen werden. Au Arbeit fehlt's in Palästina gewiss nicht, und au Kapital Irmieht cs einem Volke, das alle Geldgeschäfte der Welt mehr oder weniger beherrscht, auch nicht zu fehlen, wenn cs nur will. י׳י!ח u״«»׳n es auch nicht will, es wird schliesslich müssen; daiiir wird der Hass und die Gier sorgen, die schliesslich jeder auf sich zieht, der Geld ansammclt. Doch nun genug; ich wollte mich nur aussprechen. Vielleicht können Sie ,mehr damit anfangen als ich. Mit f.'eundl. Gruss in Hochachtung ihr Dr. K. - Pfarrer.

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