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Jüdische Rundschau · 1905-12-15 · Heft 50 (15.12.1905) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
X (1905)
Issue
Heft 50 (15.12.1905)
Date
1905-12-15
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Die jetzige Regierung ist verlumpt, die Liberalen sind schwach und deshalb unentschlossen . , . .“ Auf diese Worte eines revolutionären Führers erwiderte ich: ״Das heisst also,' Blutvergicssen in jedem Falle ־— und die an: meisten Blutenden werden abermals die Juden sein!" — ,,Leider wahrscheinlich . . . .“ war die resignierte Antwort. Die knappe Diagnostik des alten Parteimannes scheint mir die traurige Wahrheit zu sein über die furchtbare Krankheit, die jetzt den russischen Riesen fieberhaft erzucken lässt. . Es bedarf keines Beweises mehr, dass die Regierung des Grafen Witte die mittelbare Verantwortung trägt an den Jndenmctzeleien, ja dass sie sogar teilweise als deren unmittelbare Urheberin anzuselien ist. Ueber das Charakterbild des Premierministers Witte ist noch keine absolute Klarheit zu gewinnen, aber dass er den ernsten Willen zu energischen Reformen der unwürdigen und menschlich unmöglichen Lage der Juden nicht hat, ist bereits klar geworden, ebenso wie seine Absetzungen der Gouverneure usw. immer offensichtlicher mir Konzessionen an die ausländischen G e I d j u d c n sind zum Zweck der Unterbringung der neuen russischen Anleihe. Vielleicht kann man sagen, dass die Juden in diesem Augenblick einmal ihr Schicksal in der Hand halten, will natürlich sagen, die westeuropäischen und amerikanischen jüdischen Financiers das Schicksal ihrer russischen Stammesgenossen. Denn cs ist natürlich nur offiziöse Stimmungsmache, wenn kürzlich im Bie■: dermannstone erklärt wurde, die russischen Werte seien so gesichert wie je. Hat doch der deutsche Reichskanzler sogar den Rückzug angetreten und seine Verlautbarung, alles Gerade von einem russischen Staatsbankerott entbehre jeder tatsächlichen Unterläge, erheblich abgeschwächt. Und insoweit die Frage der Weiterexistenz des bisherigen Regimes in Russland eine Geldfrage ist — und das ist sic in einem erheblich höheren Grade, als man gemeinhin anzunehmen pflegt! — könnten zweifellos die genannten jüdischcn Kreise einen entscheidenden Einfluss auf die zukünftige Gestaltung der Geschicke der sechs Milhonen Juden im Lande des weisen Zaren ausüben. Könnten — denn dass sie es tatsächlich eventuell auch zum Aeussersten kommen liessen, wenn der dop• pelziingige Witte nicht mehr als gchc!!ehelt-wch!eidige Telegramme gehen will, dafür sind unsere Honnungen gering. Aber angenommen, sie tun es. oder eine sonstige günstige Konstellation gewährt den Juden in Russland alle papiernen Rechte, die den Juden der anderen Länder einen Freiheits- und Gleichhcitstraum durch Jahrzehnte vorgaukelten: wie wird sich dann die Lage der Juden in Russland gestalten? Man gebe sich doch ja selbst für diesen Fall keinerlei angenehmen Honnungen hin. Hier wäre Optimismus ein Verbrechen. Wenn man nur erwägt, dass in einem Lande wie Russland für 75 Prozent der Bevölkerung die Bildung des dümmsten Chederjiinglings noch ein unerreichbar hohes Kulturniveau darstellt, so kann man sich unschwer einen Begriff davon machen, was es mit den auf dem Papier gegebenen Freiheiten im allgemeinen und im Besonderen für die Juden auf sich haben würde. Tn einem Lande, in dem notorisch alles was die Regierung zu vergehen hat, und jeder Beamte käuflich ist, in dem es für ein Lob gilt, wenn man von einem Minister sagt, dass er mit weniger als fünftausend Rubel nicht zu bestechen sei, in dem selbst ein Pie h w e es bei seinen erbittertsten Feinden zu einem gewissen Grade von Achtung gegenüber den anderen bringen konnte, weil man von ihm sagen musste: ״Ja, er ist ein Bluthund, aber — er ist unbestechlich,“ — was wird in diesem Lande aus allen neuen ״Freiheiten“ anders werden als •— ein Handelsartikel mehr für das unheilbar korrumpierte Bea m tentum, das in Wahrheit die Wurzel alles Uebcls ist, und das auszurotten doch keiner Revolution, sondern nur vielleicht der allmählichen Umbildung der ganzen russischen Gesellschaft gelingen, kann. Es wird dagegen hoffentlich niemand den Ein wand ei heben, dass mit einer ireilieitiichen Verfassung ja eben dem Tschinownik die Möglichkeit des Geschäftemachens in erheblichen! ' Masse beschränkt werde. Natürlich ist das zum Teil richtig, aber es bedarf nur eines Hinweises auf die westeuropäischen Länder und die in ihnen übliche Verwaltungswillkür, um zu ermessen, was erst der russische Tschinownik aus der Neuordnung der Dinge für ein Kapital schlagen wird Die Reichen, die jetzt schon viel konnten, werden dann alles können, und der Arme, der jetzt nichts vermag, wird dann erst recht nichts vermögen, ausser vielleicht dem Verkauf seiner Wahlstimme, wenn er eine bekommen sollte.

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