Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- X (1905)
- Issue
- Heft 47 (24.11.1905)
- Date
- 1905-11-24
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 610 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 47 begegnete, liess Grosses erwarten.Und wirklich standen am Abend, der uns diesen einzigartigen Protest gegen die russische Barberei und diese einhellige Kundgebung jüdischer Solidarität bringen sollte, Tausende und Abertausende vor grünen Plakaten, die verkündeten, dass — der Herr Referent leider erkrankt sei! So kommt ein Unglück eben nie allein! Natürlich zirkulierten bald allerlei Andeutungen über diese unheilvolle Krankheit des unentbehrlichsten Mannes Berlins. Aber es war wohl ein Anfall von — sagen wir: Taktgefühl, von jenem ״Takt“, der die luden immer leise treten hiess, wo sic hätten schreien sollen, und die Juden sogar* so ..taktvoll“ werde,ו liess, dass ihnen dieser ihr Name unangenehm klang una b'üleibc nicht laut ausgesprochen werden durfte. Der ״Takt“, der Liberale und Sozialdemokraten jüdische Interessen- Vertreter, der die ״Judenfrage einen Teil der sozialen Frage“ werden liess und ,die Juden als Juden m u n d t o t machte. Inzwischen aber werden ja die Mächte Europas eine Demonstration grosser, Stiles gegen — — die Türkei machen, werden des Deutschen Reiches Vertreter Russland entschieden — — ein befreundetes Reich nennen, bis die Juden einmal von der grossen Krankheit geheilt sein werden, die sie fälschlich ״Takt“ nennen, und bis sie ein anderes .gelernt haben werdenschreien, schreien, schreien! Ih. Mitteilungen des Zentralbureaus der Zionistischen Vereinigung für Deutschland In einem flott aufstrebenden Fabrikorte, nicht weit von Berlin, hat ein Arzt günstige Gelegenheit, sich niederzulassen. Gesinnungsgenossen werden gebeten, ihre Adressen etc. dem Zentralbureau mitzuteilen. Dio Berliner Stadtverordnetenwahlen Dreimal ward es Morgen, dreimal Abend; und als die Beniner Stadtverordnetcnwahlen zu Ende waren, da versam- Hielten sich die betrübten Lohgerber und sagten und klagten: es war wiederum nichts. Diesmal endlich sollte das grosse Hell ■der atu'isemitischcn Bürgerpartei widerfahren; diesmal endlich sollte wieder ihr Banner im Stadtverordnetensaalc aufgerichtet werden. Kundige Astrologen hatten ihr gekündet: die Zeichen stehen günstig über dir. Mittelstand heiliger, siegreicher Mittelstand! Hinter diese Firma steckte man sich, und wenn das nicht half. ja. was sollte denn dann wohl helfen?! Freilich, ein Wissender, einer, der im Antisemitismus Koch und Küche, Loch und Schliche, Tür und Tor kennt, hatte schon einmal gescholten: ,.Mittelstand und Mittelstand, darauf sitzen wir fest.“ Nun. sie sitzen diesmal wieder darauf fest, und eine Festsitzung war es nicht, als sie sich gestehen mussten, dass wiederum alles vergebens war. Die Stadtverordnctenwahlen in der ersten Abteilung sind ohne Kampf, die in der zweiten Abteilung nach mehr oder minder heissen Kämpfen zugunsten der Liberalen ausgefallen: in der dritten Abteilung haben die Sozialdemokraten in 3 Bezirken Erfolge gegen die Liberalen erzielt, so dass sie, falls nicht auch noch die Stichwahlen ihnen Siege bringen sollten, von den 48 Sitz:n der dritten Abteilung, die sie als eigentlich ihnen gehörig betrachten, demnächst 36 innehaben werden. Auf bürgerlicher Seite ist bei den Wahlen der dritten Abteilung diesmal eine ausserordentlich grosse Wahltrugholt zu bemerken gewesen. So ist der freisinnige Abgeordnete Dr. H e r m c s aus sdneni alten Stadtverordnetensitze in der südlichen Friedrichstadt verdrängt worden, weil er bei einer Wühlerzahl von 5221 nur 483 Stimmen erhielt gegen 740 sozialdemokratische. Die sozialdemokratischen Kandidaten sind oft nur mit einem Fünftel oder gar einem Skbentel der Stimmen siegreich gewesen, was natürlich nur gegen das interessenlosc Bürgertum spricht, das mit Fug und Recht seine Vertretung verliert. Einen erheblichen Rückgang haben die Stimmen der antisemitischen Biirgprpartci aufzuweisen: von diesem Rückgang ist in erster Linie und besonders schmerz lieh der bekannte ״reine Antisemit" Rechtsanwalt Ulrich betroffen worden, gegen den die Liberaler! am Oranienburger Tor sich tapfer gewehrt haben. Man sucht den auffälligen St mmvnrfiekgang der Ant'semiten in dieser Gegend damit zu erklären, dass viele Hofstallknechtc durch den Besuch des Kömgs Alfons so in Anspruch genommen sein sollten, dass sie nicht zur Wahl kommen konnten. Diese Erklärung kommt uns spanisch vor. Da übrigens hunderte von Postbeamten verpflichtet worden waren, für Herrn Ulrich zu stimmen, so kann man sich ungefähr denken, wie viele ,.unabhängige" Bürge 1 1to:h bei im ganzen 410 Stimmen — der Fahne der Antisenkten gefolgt s'nd. ״Ach, ihr Brüder, cs gab schön’re Zeiten!" Ihre eigentliche Hoffnung haben diesnrt die Ant*scn»ten unter der Firma der Mittclstandspartci auf di. zweite Abteilung gesetzt. Der Zustrom aus gewerblichen Kreisen n d־c Wähler- *ciuFt dieser Abteilung war c>־ so grosser geworden, dass inan mit den Mittclstandsrcttmigsrcdcn hier weh! eine״ gewissen Erfolg!.,itte erzielen können. \\\tm das Vcrtr;m־׳n zu den Rezepten der Mittelstundsparte! nicht gar so gering wäre. Allein aus dem alten Hermes'schen Wahlbezirk der Siid-Friedrichs;aJt sind 1000 Wäidor aus der dritten in die zweite Abteilung aufgestiegen. Abc! •cs •׳st eine denkwürdige lirschei: ung, dass gerade die Gewerbetreibenden diese ..MiuelstanJspartci“ ab- ״׳.ehneu. In den am heftigsten beratinten Wahlbezirk, wo der Handelsrichter Bamberg zur Wahl stand (vor dem Hallesehen Tor), ist die Zahl der ,.Mittelstandspartei"־Anhänger Antisemiten und Konservativen von 2S5 auf 160 gesunken; hier sind für den Mittelstandskandldaten. den Führer dieser Vereiu'gung, Obermeister Ra har dt in •der Hauptsache Rechnungsrätc und andere Räte und ein paar Leuchten der antisemitischen Partei cingetreten: die Handwerker wählten in der Hauptsache liberal. Die M'ittelstandsmänncr sind z u nt Teil von der Gesell- Schaft der Antisemiten, die ihnen durchaus das Geleite geben, nicht sehr erbaut: das hat insbesondere der bekannte Herr Bruhn. Staatsbürgcrzeitungsobcrster a. D., deutlich zu fühlen bekommen. Trotzdem weißt de laste der Wahhusschussmitglicder, der Mittclstandspartci sehr bekannte Antisemitennamen aut. neben denen sich die Unterschrift: ״Cohn. Handlungsgehülfe“. eigenartig ausnimmt. In einem Wahlbezirs im Osten traten die Mittelständler und Antisemiten mit ganzer Kraft für den Gegenkandidaten des liberalen jüdischen Rechtsanwalts Galland ein; jener siegte schliesslich: es war der Ratszcrnmermeistcr Schlöpke. Der aber ist ein in der Wolle gefärbter Freisinnige! und tritt der ehemals Ludwig Löwe’sehen Fraktion der Linken bet:. Also war es wieder nichts. In den Kreisen der Mittelstandsvereinigung hat sich bei diesen Wahlen und nach diesen Wahlen eine starke Abneigung gegen eine fernere Verquickung ihrer Bestrebungen mit dem Antisemitismus hcrausgcbildet. die dem aufdringlichen Treiben der Staatsbürgerzeitungsgruppe nichts gutes verhesst. Jedenfalls haben de Antisemiten bei den diesmaligen Berliner Stadtverordnetknwahleu eine sehr gemässigte Tonart attgeschlagen, wie sich überhaupt mehr und mehr waltrnchnien lässt, dass die Sprechweise des Piicklerpöbcls keine rechte Wirkung mehr ausübt. Mit ihren ״tatsächliche n“ Angriffen haben die Antisemiten schönstens daneben gehauen. So ereiferten s‘׳c sich in der bekannten Weise Uber die Wahl des Stadtverordeten Perls in die städtische Schulbehörde, die Schuldeputation, wahrend doch ib'lion Dutzende von Maien festgestellt worden ist. dass dieser Vorkämpfer des Liberalismus Christ ist. Dass d;c Kandidaten der Mittelstands-, Biirger- und Antisemitenpartei vielfach als die ״n a t i on a 1 e n“ Kandidaten ausgerufen wurden, das hat bei e;nsicht;gen Männern.־ die nur aus Gründen wirtschaftspolitischcr Art diesmal mit den Mittelstandsleuten gingen, böses Blut gemacht. Alles in allem: Der politische Weizen blüht den Antisemiten in Berlin nicht mehr. Dafür haben sie die Genugtuung eines auch in Berlin immer vollständiger werdenden gesell- Schaft liehen imd ״wissenschaftlichen“ Boykotts der Juden.