Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- X (1905)
- Issue
- Heft 46 (17.11.1905)
- Date
- 1905-11-17
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 598 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 46 die Anmassung haben, ihre Muttersprache einen Jargon zu 1 nennen, das heisst, ein Kauderwelsch, dessen sich nur Die.bc * und Strolche bedienen, um nicht verstanden zu werden. Die Sprache des Volkes, die sprudelnd.־ Oucllc des Volkslebens, das einzige Mittel, das Volk zu bilden, sein Niveau zu heben, haben wir als eine Sache betrachtet, deren wir uns schämen niüssiai. Das kann nur bei Juden geschehen, deren Leben so ganz eigenUUröich unnormal w׳ar. Aber, als unser Volk sich in den letzten Jahren wieder regelmässig zu entwickeln begann, als un*'re Bürger, deren Leben sigh in engem Raume abspiclte. aniingen Menschen zu werden, zu erkennen, dass sie einem lebenden Volke angchören und Pflichten gegen dasselbe zu erfüllen haben; und als sich unsere Müssiggüngcr und geängstigten Bankdrücker zu einem gesunden und kräftigen Proletariat herausbildeten, vor dem auch die Mächtigsten erzittern, da brach auch die neue Zeit Sür unsere Muttersprache an. Sic hat kommen müssen, sowie der Tag der Nacht folgen muss. Ein grosser Teil des jüdischen Volkes beginnt das Unrecht cinzusehen. das es so lange an seiner Muttersprache verübt, es sieht den Schaden ein. den seine Verblendung verursacht hat. Männer, wie der bekannte Verfasser von ״Die Juden der Gegenwart", Arthur Ruppin, der Redakteur des Berliner Journa’s ..Die jüdische Rundschau“. Hc:nrich Locwe. und noch andere Westjuden, welche der jüdischen Sprache ganz fernstehen, anerkennen heute die Wichtigkeit der jüdischen Sprache. Eine der grössten jüdischen Organisationen der ״Bund", fordert in seinem im vorigen Jahre veröffentlichten Programme ״das Recht sich in allen staatlichen und gcsellschattbchcn Einrichtungcn neben der Staatssprache der jüdischen Sprache zu bedienen. Dasselbe Ziel erstrebt auch ein grosser Teil der Zionisten, besonders die ..Poale Zionisten“. 1:1 New-York. dem grössten jüdischen Zentrum, ist ein jüdischer Literaturverein gegründet worden, dessen Statuten folecrrJermassen beginnen: Wir betrachten die jüdische Sprache nicht als eil» einstweiliges Mittel, um Kultur int Volke zu vermalten, sondern als eine nationale Sprach•:׳, ln Rumänien sind in der letzten Zeit mehrere Vereine mit ähnlichen Zielen entstanden. Für dasselbe Prinzip hat der berühmte Dichter Abraham Reisen in seinem Journal ..Das jüdische Wort“ gekämpft und dieser gerechte Oeda.nke hat in dem bekannten Schriftsteller und Decker Matthias Acher einen warmen Verteidiger gefunden. UberaT regen sich die Hände, überall wird für unser•' Sorachc gearbeitet. Sollten wir Studenten, die wir die Blüte der Nation genannt werden, stumm und blind abs.its stehen? Wh־ müssen uns. mehr als die anderen, an die Brust schlagen, denn niemand hat so sehr gegen unsere Muttersprache gesündigt als wir. Wir haben uns Ihrer geschämt, wir haben sie verspottet — unsere Sünde ist grenzenlos. Doch die Reue kann keine Hilfe bringen. Dies erkennend haben wir. eine Anzahl von Studenten der W;encr Hochschulen, uns zu einem akademischen Vereine ״Jüdische Kultur“ veremigt. So wollen wir unsere Schuld gutmachen. Wir hoffen, dass wir bei der Arbeit für unsere Mutterspräche nicht all in bleiben w erden und dass ieder. der sich als Jude •fühlt sei er nun Student. Bürger oder Arbeiter, zu unserer Fahne schwören wird, um für die jüdische Sprache zu kämpfen. Wir wollen hoffen, dass In kurzer Zeit in ganz Osteuropa viele solche Vereine entstehen werden, die der jüdischen Sprache •ihre Aufmerksamkeit widmen werd-.n. da Ja die Sprache die Grundlage ieder Kultur Nt. Der wichtigste Faktor, der ein Volk bildet. Ist die Sprache und wehe dem Volke, das. sie nicht pflegt. —I Aus der Bewegung ן— Die Schekelblocks pro 1905 1906 gelangen jetzt zur Ausgabe. Damen und Herren, weiche die Einziehung von Schekeln in Berlin übernehmen wollen, bitten wir, sich mit genauer Angabe ihrer Adresse an unsern Schatzmeister J. H. Wagner, Prenzlauer Allee 9 zu wenden. Berliner Zionistische Vereinigung. Berlin. Eine Protestversammlung gegen die Gräuel in Russland hatte die ״Berliner Zionistische Vereinigung‘‘ auf Mittwoch, den 15. November, nach dem grossen Saal der Victoria-Brauerei, Lützowstrasse. einberufen. Nahe an zweitausend Menschen füllten denSaal, und viele Hunderte mussten an dem frühzeitig bereits gesperrten Eingang wieder umkehren, an dem ein starkes Polizeiaufgebot die Ordnung aufrecht erhielt. Nach einer kurzen Ansprache des Vorsitzenden Dr. Katz geisselte Dr. Klee in markigen Worten die grauenvollen Metzeleien, die der russische Pöbd unter unseren Brüdern verübte, die schon das Morgenrot der Freiheit zu erblicken glaubten. Aber nicht weniger schmackvoll als die Ausschreitungen dieser vertierten Horden sei das Gebühren der westeuropäischen Hochfinanz, die immer wieder die Schergen des Zarismus durch neue Kredite unterstützte. — Wenn Mendelsohns Name einst im jüdischen Befreiungskämpfe vorangeieuchtet habe, so sei jetzt der Name Mcndelsohn der gesamten Kulturwclt zum Symbol der Unterdrückung geworden. — Dr. Franz Oppenheimer pries die Aufgabe des jüdischen Volkes als Vorkämpfer der Völkerfreiheit, auch wenn die Befreiten ihm meist nur mit Undank lohnen. - Sodann sprachen noch BertholU Feiw־el, Dr. H. G. Heymann, Dr. Israel Auerbach und A. C o r a I n i k wie die Vorredner, unter stürmischen, oft minutenlangem Beifall und forderten zu Sammlungen für die jüdische Selbstwehr auf, dem einzigen Mittel augenblicklicher Milte. Dr. Hirsch Hildesheimer dankte den Zionisten für die Veranstaltung dieser impo• santen Kundgebung. Rabbiner Dr. Lewy wünschte die Zeit nahen zu sehen, wo es heissen würde: ״Höre, Gott, Dein Volk Israel ist einig!“ Eine Resolution, die der Entrüstung der Versammlung Ausdruck gab und zu Sammlungen für die Selbstv.ehr ermahnt, wurde unter tosendem Beifall einstimmig angenommen. Berlin. In der ״Jüdisch-nationalen Frauenvereinigung” spricht an! Donnersteg, den! 23. November er., abends 9 Uhr. im ״Handwerkerverein”. Sophienstrasse. Herr Prof. Dr. B c r- I i n c r über ״Jüdische Frauenverein e". Königsberg I. Pr. Am 7. November fand hier eine öiientliehe Versammlung im Artushof statt. Nachdem Dr. Hoppe eingangs des heinigegangenen Dr. Kokesch und der Opfer der jüngsten Judenverfolgungen in Russland gedacht hatte, nahm Herr Oavi$ T r i c t sc 11 ־ Berlin das M ort zu seinem Vortrage: ..Zur Frage der jüdischen Emigration.“ Fr gab ein klares, scharf uinrissenes Bild der EntwickclungsgvSchichte des LanJproblcms und berührte dabei auch seine eigenen Bestrebungen in den palästinensischen Nachbarländern. Er betonte, dass die Hinneigung der in Betracht kommenden Massen des jüdischen Volkes nach seiner Heimat in Palästina fiir die Kolouisation ein hoehbeücutsatner Faktor sei. dem man sich nicht verschliesscii dürfe, dass man im übrigen aber rein geschäftsmassig zu kalkulieren habe und nur ein solches Gebiet kolonisieren dürfe, welches wie Cvpern auf dem relativ billigsteil Wege 7.u erreichen s:i und die engste Konzentration gewährleiste. Die Kolonisation schic allerdings ־zu einer Wohlfaf.rtseiiir.ichtung werden, nimmermehr aber zu einem Wohltätigkeiisinstitut. und nian solle deshalb zunächst nur solche Kolonisten zulassen, die durch hinlängliche körp.rliche Qualifikation. eigenes Kapital initbringen und somit ein eigenes Risiko fibemfditucn. Zum Schluss gab Redner noch einige intercssantc Details über Cypern und sprach endlich den Wunsch aus. dass, nachdem die grössten jüdischen Organisationen den Zangwillschcn Ideen ihre Sympathie ausgedriiekt. nunmehr bald eine di: gesamte Judenheit umfassende allgemeine Konferenz für Regelung der AuswamJcrungstrage z1'־־׳״nmentreten möge. Die Diskussion gestaltete sich durch das Auftreten eines Herrn Sniolizanski aus New-York. der uns den Sozialismus des jiidisehen Proletariats in Amerika erläuterte und ihn nicht als eine ״Mageniragc“, soifdern als eine Menschheitsbeweguug in dem mehr sozial-cthisch.11 Sinne unserer Propheten darstellte, überaus lebhaft und anregend. Herr Trletsch wird demnächst über sein Cypernprojekt auch im hiesigen Verein für jüdische Geschichte und Literatur sprechen. Posen. Atu 19. September sprach Herr Dl E1 i a s A u e r - hach im ersten diesjährigen DiskussionsahcnJ der Ortsgruppe über ״Zionismus und Jiidcnuot". ln öffentlicher Versammlung referierte dcrs.lbe Redner über ..Notwendigkeit jüdischer Turnvereine“ unter grossem Beifall. - Am 19. Oktober fand der zweite Diskussionsabend statt. Referent Dr. K o 11 c n s c h c r : ..Die Stellung des politischen Zionisten innerhalb und ausserhalb der Bewegung“. Rege Diskussion bis Mitternacht. — Ol>:r die Z.-K.־Sitzung referierte am *J. November Dr. .1 e r c.m i a s in der Monatssitzung: er musste die Beschlüsse gegen Angriffe von hüben und drüben verteidigen, konnte aber zum Schluss. Unter allscitigcr Zustimmung, der Hoffnung Ausdruck geben, dass alle sjch mit der durch die Z.-K.-Bcschliisse geschaffenen