Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- X (1905)
- Issue
- Heft 44 (3.11.1905)
- Date
- 1905-11-03
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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*Nc, 44 S3ite 573 JÜDISCHE RUNDSCHAU Kalmus (Hamburg) einberuteu worden, die...statt der festgesetzten Stunde irrfolge der sich lange hinziehenden Verhandlungen im Zentralkomitee, um 11 Ms Uhr begann und bis nachts um 2% Uhr währte. Die Versammlung war sehr zahlreich besucht. Herr Dr. Klee ergriff zuerst zur Diskussion das Wort und führte* heftige Klage, dass seit einigen Wochen eine systematische Hetze hi der RUNDSCHAU gegen ihn betrieben werde. Er führe dies nur an. weil cs typisch für die von Heinrich Löwe geleitete Redaktion wäre. Er hätte ganz anders gesprochen, als in der RUNDSCHAU in der Rubrik ..\us der Bewegung“ berichtet wäre. Um ihm Genugtuung zu gewahren, habe das Zentralkomitee einstimmig beschlossen, dass ein Pressausschuss cing.sctzt werde, dem ausnahmslos jeder Artikel, der in der RUNDSCHAU erscheinen solle, vorher vorgelegt werden müsse, und zu dessen Vorsitzenden er erwählt sei. An der Spitze der dicswocliigen Nummer, vor allen Artikein der RUNDSCHAU wiirüe dcmg.mäss mit grossen. letten Buchstaben gedruckt stellen: Presskomitee: Vorsitzender Dr. Klee, Besitzer die Herren so und so. Der Ton der JÜDISCHEN RUNDSCHAU, müsse ein anderer werden, wofür die Präventivzensur sorgen werde, die strdig ihres Amtes walten wolle. Heinrich Loewe erwiderte aut diese Angriffe, indem er darauf hinwiess, dass seine eigenen Artikel ja am allerwenigsten zu der Hetze beigetragen hätten, die freilich sich nicht gegen Dr. Klee sondern g.gen die kongresstreue Redaktion gerichtet hätten. Er sei gezwungen gewesen. Artikel von Dr. Jeremias und Dr. Citron aufzuuclimcn, obwohl sie durch ihren Ton das Niveau der RUNDSCHAU herabzudriieken geeignet waren. Er wisse sehr wohl, dass min seit langer Zeit einen politischen Redakteur der RUNDSCHAU suche, ohne einen solchen zu finden. Er werde sich aber durch solche Angriffe nicht hinausekeln lassen: denn er halte es für notwendig, die Position zu behaupten, die er für den Zionismus, nicht für sich innehabe. Der Beschluss der Zentralkomitees, den Herrn Dr. Klee hier mitgcteilt habe, sei eine Beleidigung für die Redaktion, die sich das Komitee nicht hätte feisten dürfen. Dr. B 0 d e n h e i rn c r wies darauf hin. dass hier keine Beleidigung vorliegen könne, denn das Zcntalkonvtcc habe keineswegs die Anschauung gehaßt, (fassTTr. Klee hier in dieser gereizten Weise eine Sache, von der man sich frieden Versprochen hätte, zu einem Angriff auf Heinrich Loewe benutzen würde, ohne dessen Arbeit der deutsche Zionismus kein Mitisches Blatt überhaupt besitzen würde. Man müsse endlich sch entgegenkomtnen. Dr. Loewe wyre zufällig in der Lage, ihm bestätigen zü können, wie grosse Opfer des Intellekts augenblicklich bringe, nur um dem frieden und der Arbeitsmöglichkeit in der Partei zu dienen. An der Diskussion, die allmählich nach Dr. Bodcnheimers Rede einen weniger erregten Ton annahm, beteiligten sich die Herren Q ronemaun. Behr. E. Loewe- Magdeburg. * Dr. Feitelberg, Dr. Ludwig Loewe־Berlin, der den Vorschlag machte, aur das Zentralkomitee einen offiziellen Teil in der RUNDSCHAU einzurichten, dann aber der Redaktion die notwendige freiheit zu lassen, ierner Fräulein Berta Maferowitsch und Herr Engländer, der gegen die Einsetzung des Pressausschusses mit solchen Befugnissen protestierte, aber auf Einwendungen, auf die von ihm beantragte Protokollierung des Protestes verzichtete. Irn weiteren Verlauie teilte Heinrich Loewe mit dass er mangels der ständigen Mitarbeit der deutschen Zionisten, die bisher sich nur dann an eifriger Mitarbeit beteiligt hätten, wenn sie gegen einander Artikel zu schreiben •hatten, alle Leitartikel selbst geschrieben habe, wozu er natürlich nicht verpflichtet wäre, ausserdem aber noch so viele weitere Artikel, dass er selbst bei einem Satz von drei Pfennig pro Zeile rund für 5000 Mark jährlich geschrieben habe. Da es gegen seine schriftstellerische und zionistische Ehre verstosse, seine Artikel einer Präventivzensur des Pressausschussc« zu unterwerfen, so müsse er cs natürlich unterlassen. Artikel in der RUNDSCHAUzu schreiben, könne leider noch weniger seine wissenschaftlichen Arbeiten im LITERATURBLATT einer solchen unterwerfen und müsse deshalb davon absohen. dass seine ״Geschichte des Ziomsmus“. sein ״Ewiger Jude“ dort und sein grosses begonnenes Feuilleton ״Der Ring des Propheten Hlijjahu“ in der RUNDSCHAU weiter erscheinen. Dieser Ausfall müsse gedeckt werden. Er erwarte erstlich die sofortige Bewilligung von 3000 Mark Honorar für die Mitarbeiter, da er nicht wüsste, wie er sonst den Ausfall seiner Artikel decken solle. Eine Geschäftsführung unter der Prä'vcntivzcnsur sei unmöglich, mache das Blatt schlecht und verursache noch grosse neue Geschäftsunkosten ii'ir Telephon, Rohrpost, Droschken usw. Er ersuche Herrn Dr. Klee, ihm wenigstens dazu zu verhelfen, dass er für die eine, jetzt erscheinende Nummer einen druckfähigen Leitartikel besorge. Die Redaktion habe trotz aller Bemühungen um Artikel bisher keine bekommen. Dr. Klee lehnt es ab. dass der Pressausschuss irgend welche Mitarbeit zu leisten habe, oder leisten würde. Er habe nur eine Präventivzcusur zu üben. Hieraui gibt Heinrich Loewe zu Protokoll, dass er nach dem vorliegenden Beschluss des Zentralkomitees, der praktisch undurchführbar sei, die Verantwortung für die schwere ideelle und materielle Schädigung der Zeitung seitens der Redaktion ablehnen und dem Zentralkomitec und dem Pressausschuss überlassen müsse. In persönlicher Hinsicht komme er Herrn Dr. Klee gern entgegen, dürfe aber im Interesse des Zionismus die schwere Schädigung der zionistischen Presse nicht, zulassen. Herr Dr. Hatitke wies auf die geschäftliche Tragweite dieser Bedenken hin. denen er aus praktischen Gründen beistimmen müsse. Wenn ein Dritte! des Kapitals verloi sei. müsse die Genossenschaft nach dem Gesetz den Konkurs anmelden. (legen diese Mög- 1 chkcit, mit der wir bisher riemals zu rechnen hatten, sehe er hei der neuen Lage kein Mittel. Inzwischen w»r man im Ausschuss, den das Zentralkomitee eingesetzt hatte, zu einer Einigung gelangt, und die Rundschau hatte mir dieses Abkommen .als geschehen hinzuuehnicii. Haittke als Vorsitzender schloss daher die Versammlung, indem er konstatierte, dass, da sich kein Widerspruch erhob, die Generalversammlung ,Herrn Dr. Loewe einstimmig den Dank aussprächc, dass er durch seine unermüdliche Arbeit zu einem Honorar, das in keiner Weise eine Bezahlung sei. die RUNDSCHAU zu einer wirklichen politischen Zeitung gemacht habe, und damit dem Zionismus die beste Waffe geschmiedet habe, deren er zur Propaganda bedürie. Nach einstimmiger Annahme ״dieses Vertraucnsvotums wurde die Versammlung gegen 2״• Uhr geschlossen. 3MM Rundschau ״ Aus Russland Der Zar hat seinem Volke eine Verfassung zu geben versprochen. Allerdings haben ihm seine ״liehen treuen Russen“, an die er sich nun wendet, erst bedenklich nahe legen müssen, welche folgen seine Weigerung haben könnte. ßcVor er plötzlich die liberale Erleuchtung bekam. Auel» nun bleibt natürlich erst noch abzu warte 11, inwieweit der etwas spät in d׳e Erscheinung getretene gute Wille in die Tat umgesetzt werden wird, inwieweit — was uns Her vor allem interessiert — die von W i 11 c augekündigte .,Gleichheit aller Russen vor dem Gesetze, ohne Unterschied der Koni ession und N a ti o n a 1 i t ä t" auch praktisch zur Durchfiihrung gelangen wird. In Russland wird das Zaren-Maniiest. das vor einem Jahre noch jubelnd begrüsst worden wäre, allenthalben skeptisch oder gar mit offenem Misstrauen aufgenommen. An der Regierung wird es nun sein, bald zu zeigen, ob etwa abermals nur ein ״Versprechen'’ gegeben worden ist, oder ob es Ernst werden soll mit der freiheit itn Lande des nun in jedem Falle gewesenen ״Selbstherrschers" aller Rcussen. Würde den Juden wirklich volle Gleichen vor dem Gesetz mit den anderen Bewohnern Russlands, und diesen allen eine menschenwürdige Verfassung gegeben werden, so würde auch der Zionismus davon nur günstig beeinflusst werden. Alle ungesunden, von der Not und Angst der Zeit eingegebenen Ausfluchtsmittel würden weggebannt sein, und der nationaljildische Gedanke würde wieder in voller Reinheit propagiert werden. Hoffen wir, dass für unsere russischen Stammgenossen nun endlich bessere Zeiten anbrechen. Das wird auch unserer grossen Sache zum Nutzen gereichen.? Graf Witte und die Juden Das B. T. meldet aus London unter dem 2S. Oktober: Der mit der Familie des Oberrabbiners Adler offenbar in Verbindung stehende Rechtsanwalt Elkan Adler telegraphiert unterm 27. Oktober aus Petersburg: 1 Graf Witte empfing mich sehr freundlich und gab offen zu. dass das Land sehr krank, er aber noch nicht der Arzt sei. Die Portsmouthcr Fricdcnsvcrtragsverhandlungen seien viel Jeichtei gewesen als die daheim. Die Angelegenheiten seien sehr kompliziert und die Lage sehr traurig und sehr ernst. Hinsichtlich der jüdischen Fr a ge interpelliert, erklärt Witte, eine jüdische Frage existiere nicht. Darin sei mau allgemein iibereingekommen, dass die rechtliche Ausnahme- Stellung der J u d eu im Staate verschwinden müsste. Seit Jahren sei er. wie jeder wisse, für die Juden m:d habe die Kühnheit gehabt, für ihre Rechte einzutreten. \Vas aber die Heilung des Hebels anlange, so fürchte er. dass eine plötzliche Aufhebung der Ungleichheiten, die er für möglich, sogar fijr wahrscheinlich halte, eine Reaktion hervorbringen würde. Nach seiner Ansicht sei es praktisch, die .Fragen, nach einander vorzitnehnjen,. eine solche «