Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- X (1905)
- Issue
- Heft 35 (1.9.1905)
- Date
- 1905-09-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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nicht nur über das Ziel, dem sie zustreben, sondern auch über die Wege. d,e dorthin führen, empfinde ich cs *als Pflicht, das Wort zu nehmen, gerade weil ich zu diesem oder jenem Extrem nicht schwören kann. Da ich nur zu jenen spreche, denen der Zionismus etwas Tief-Innerliches ist, etwas, das sich mit ihrem Denken und Fühlen harmonisch verschmolzen hat so übergehe ich die‘ meinen Lesern bekannten Debatten sekundärer Natur. Es handelt sich für uns uni die Frage, wie ist ein gedeihl'ches Weiterarbeiten all derer möglich, die sich der b!au-weisse־» Fahne angeschlossen haben? Das gemeinsam erstrebte Ziel ,eint uns, dieses e'ne k ö 11 n c n w'r betonen, leider m ü s s e n wir es auch, denn mau sucht sich gegenseitig so oft zu verdächtigen, dass der Gegner ein anderes Ziel vor Augen hat. Das gemeinsame Ziel eint uns, und alle Differenzen liegen auf taktischem Gebiete. Die empfohlene Taktik hie bt also zu untersuchen. Se t dun vorigen Kongresse wogte die Debatte hin und her: Ist d;c Besiedelung eines Territoriums auf nationaler Basis unter jüdischer Autonomie für die Entwicklung der Bewegung ein günstiges Agens? Die Frage ist von dem jüdischen Volke verschieden beantwortet worden. El'as Auerbach schwärmt: ״Unter brausendem Jubel, während der Kongress sich erhob, wurde da.s Angebot mit erdrückender Majorität abgelehnt.“ Eine derartige Sprache muss w irken —־ nur «leider gar nicht in dem Sinne, wie es der Schreiber gewünscht hat. Die Major'tat bestand aus zwei Dritteln des Kongresses und st nicht massgebend für den Volksw illen. Dass von den russischen Führern dcr,Zione-Zion ein verfassungswidriger Druck auf das Präsidium ausgeübt werden sollte, den Herz! nur mit der letzten Aufbietung aller seiner Kräfte noch ab schütteln konnte, weiss man. Und dass man bei der Agitation auch gegen jede aus'crpalüstmensichc Türigkeit geeifert hatte, war selbstverständlich und ist auch den Agitatoren nicht zu verübeln. Wir wissen aber seit dem Kongresse, dass durch die einsaitige, rigorose Art der Propaganda eine grosse Anzahl von Disscnticrendcn s'ch dem Zionismus nicht angeschlossen haben, weil sie immer wieder darauf aufmerksam gemacht wurden: Wir haben nur in Palästina zu arbeiten. Da sagten sie: Dieser Weg ist unpraktikabel, also schlossen wir uns der Bewegung nicht an. Niemand hatte auf dem VI. Kongresse daran gedacht, Uganda als einen Ersatz für Zion zu nehmen. Aber unsere grossen Politiker, Herz! und Nordau haben betont, wie wertvoll es sei, dieses kolonisatorische Modell (so möchte ich es nennen) zu schaffen, nach der wir dann die grosse komplizierte Maschine darstellcn können. Es sei';, wie cs sei, eine ausserpalästinensische Kolonisation ist prinzipiell vom VII. Kongresse (durchaus nicht cndgiltig vom Zouismus, Herr Dr. Auerbach!) abgelehnt worden. Und dennoch — w ir können gedeihlich zusammen Weiterarbeiten, alle Gruppen, alle Schattierungen und (wie ich hoffe) ohne Separationen. Einig sind wir wohl alle darin, dass die Arbeiten de: Palästina-Kommission gefördert werden müssen. Dass wir das Land unserer Väter und unserer Enkel kennen müssen bis ins letzte Winkclchen. Alle Erwerbs-, alle Koüonisationsmöglichkeiten müssen uns klar sein, ehe wir an die Arbeit gehen. Der Charter dar! uns nicht überraschend kommen, wir müssen gerüstet sein. Und das Referat der FatUseua-Kammissäm bat uns gezeigt, dass wir brave Männer an diesen Posten gestellt haben, die unsere Stellung in Palästina verteidigen werden und die — ich bleibe in dem militärischen Bilde — auf ihrem Patrouillengauge trehts ausser Acht lassen werden. Und nun kommt der• grosse Differenzpunkt Ein grosser Teil unseres Volkes sagt uns: Diese Tätigkeit genügt nicht. .«0 lobenswert ric ist.' Auf diese Weise könnt ihr nicht mit allen wahrhaft jüdisch empfindenden Teilen des Volkes zusammen arbei ten. Und hier teilen sich die Meinungen. Arbeiten wir nur für die Schckelzahler? Nein’ Was wir erstreben, soll für das gesamte jüdische Volk bestimmt sein. Wir wissen, dass ein grosser Tal als Vorbereitung für das grosse EndzicH auch eine andere autonome und nationale Sicdelung beginnen würde.*) Diese Kolonisten können zeigen, dass wir im Stande sind, das zionistische Ideal in die Realität umzusetzen, dass wir im Stande sind, eine grosse, autonome, kulturelle Arbeit zu leisten. Wenn w׳ir das zeigen, dann werden wir den materiellen und moralischen Kredit erhalten, den w׳ir unbedingt nötig haben: Nur jemand, den sein Enthusiasmus turrnhocii über alle realen Verhältnisse hinwegträgt, kann glauben, dass wir nur au! uns selbst stehen können, dass wir Unterstützung von aussen her nicht brauchen. Man wird fragen: Hat man diesen Umweg nötig? Eine planvolle Palästina-Tätigkeit kann uns das alles entbehrlich machen. Die Ereignisse haben.indessen bereits bewiesen, dass dadurch allein nichts geschaffen werden kann. Franz Oppenheimer, Mitglied der Palästina-Kommission, muss das Modell seiner Sicdclung'sgcnosscuschait ausserhalb Palästinas senaffen, nämlich in Ostelbiern Er hat ausdrücklich in Berlin erklärt, •n Palästina dürfe man ein solches Experiment nicht machen. Und wenn dort gearbeitet werden kann, warum eine grössere Sicdelung verwerfen, wo wir gleichzeitig jüdische Auswanderer zu sesshaften Arbeitern erziehen können, Aus- Wanderer, die uns sonst verloren gehen würden, die im Strudel des weiten Golus untergehen würden, wie so entsetzlich viele andere? Also nicht e'ne andere, sondern eine erweiterte Tätigkeit ist es. die von den ,.politischen Zionisten“ angestrebt wird. Und wenn Elias Auerbach meint, man kann nicht nacn zwei‘ Seiten hinken, so gebe ich das zu. Jch kann mir überliaupt kein rechtes B Id davon machen, wie dies aussehen würde. Aber ebensowenig dürfen wir nach einer Seite hinken, wir müssen aut beide n Füssen stehen, mit beiifen Füssen gehen. Es hat sich nun (ich sage leider) eine Organisation gebildet, die il'ese Politik propagieren will. Die Minorität ist durch das Vorgehen Ussischkins auf das allerschwerste gereizt worden. Es tut mir aufrichtig leid, dass dieser Mann in der vorigen Nummer dieses Blattes ein derartiges Lob bekommen hat Wir danken ihm durchaus nicht die Aufrechterlialtung des Kongresses, sondern seine Schuld waren die Wutausbrüche derer, die er so masstos gereizt hat. Wenn sich auch mein im vorigen präzisierter Standpunkt ungefähr mit dem der Jercmiasschen Gruppe decken dürfte, so hoffe ich doch, dass sich der Aufbau einer im grösseren Stile angelegten Organisation vermeiden lässt. Eine Verständigung der Agitatoren, die aut dem Standpunkte der Gruppe stellen, ist vielleicht notwendig', das vermag nch nicht zu beurtcrlen. Aber wir wollen es doch, wenn irgend möglicn, umgehen, dass nun Vereine sich einer der beiden ״Parteien“ anschliessen. Dadurch muss wohl eine gereizte Stimmung Platz greifen da. wo unbedingt reines Vertrauen herrschen muss. Wenn hingegen ein Verband erklärt: Wir stehen zu eurem Palästina- Programm (das tun ja all c), wir w'ollcn unsere Politik gegen einen Rückfall in den Chowewe-Standpunkt verteidigen (das tun xvohl auch alle), wir wollen aber durch den Kongress auch andere Mittel ergraten lassen, die ausserhalb Palästinas uns unserem Ziele näher bringen können, so liegt kein Grund zu Misstrauen vor. Denn auch Ussischkht sucht mH seiner Geula das Ziel auf eine vom Kongresse nicht anerkannte Weise zu erreichen, ohne dass ihm anscheinend von der Majorität ein *) Pie 130 Delegierten, die sich auf dem Kongresse separiert haben, vertreten berats 26 000 Mann. Eine grosse Re he von Abgeordneten, die auf demselben Standpunkte steht hat sich dieser Sonderorganisation nicht angeschlossen. so fast alle Deutschen» (soviel ich weiss. bis auf einen). Daher bin ich berechtigt, von einem grossen Teile des Volkes zu sprechen.