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Jüdische Rundschau · 1905-09-01 · Heft 35 (1.9.1905) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
X (1905)
Issue
Heft 35 (1.9.1905)
Date
1905-09-01
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 438 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 35 stufe ablehnt und die infolge dieses Beschlusses unvermeidlichc Absplitterung einiger Delegierter mit ihrem Anhang! Seien wir uns doch darüber klar, dass es gar nicht anders ging und geht! Der Zionismus will das *Judentum auf nationaler Basis neu aufbauen, aber er wird doch nicht im Ernste glauben, in den Nöten unseres Volkes als ein völlig Neues und als deus ex macliina auftreten zu können! Wenn das Jüdische Volk willens wäre, zu sterben, dann könnte kein Zionismus etwas helfen. So rationell daher auch die Art sein mag und sein muss, wie der Zionismus sein Rettungswerk unter* nimmt, ohne die angeerbten Volksinstinkte, den Jahr־ tausende alten messianischen Glauben und die in diesen cingcschmolzene Heimatssehnsucht wäre er ein Unding, ein aussichtsloses Beginnen. Niemand ist so naiv, wie die blossen Verstandesmenschen. Sie sehen nicht, dass weder ein, einzelner Mensch noch ein Volk wesentlich durch den Verstand geleitet wird. Es fehlt ihnen an der heute fast schon trivialen psychologischen Einsicht, dass der Verstand als Organ der Instinkte und Willcnstricbe im Grunde nur an der Oberfläche des Bewusstseins spielt. Triebe, gemeine und edle, sind es, die im Leben der Mcnshhcit das erste Wort reden. Das Jüdische Volk hat einen ganz ungewöhnlichen Selbsterhaltungsinstinkt, es will leben, um jeden Preis.leben. Es wollte auch weiter leben, als ihm dies nach 'der Zertrümmerung seiner politischen Macht recht schwer gemacht wurde. Das beweist sein unerschütterlicher messianischer Glaube, der doch nichts anderes als die religiöse, Form seines entschiedenen Lebenswillens ist. Der Wunsch des Herzens war der Vater des messianischen Gcdankens. Hat nun das Jüdische Volk etwa weiter leben wollen, weil es seinem Verstand vorteilhafter erschien? Nein, es wollte schlechthin lebco. weiter leben, weil cs von sich un’d seiner Existenz nicht lassen konnte und wollte. Mit seinem Willen zum Leben war aber die Sehnsucht, im hcissgeliebten, heiligen Lande der Väter ein neues schönes Leben zu beginnen, stets untrennbar verknüpft gewesen. Demgemäss fordern auch heute noch die Instinkte der östlichen Massen unseres Volkes, die doch allererst tiir das Kolonisationswerk in Betracht kommen, zu diesem Zwecke durchaus Palästina. Wenigstens die in ihren angeerbten Instinkten durch zerstörende äussere Einflüsse noch nicht beirrten Massen, die für das Kolonisationswerk unzweifelhaft das inner* lieh gesündeste Material liefern werden. Hiermit hängt es ganz selbstverständlich zusammen, dass die grossen Schwierigkeiten, mit denen wir zu rechnen haben, mit Hilfe der in den Tiefen der jüdischen Volksseele wurzeln• den Triebkräfte in Palästina am leichtesten, vielleicht einzig und allein, überwunden werden können. Und weiter ergibt sich daraus, dass nur in Palästina, der• natürliche Boden für die Entfaltung einer zugleich starken und hohen, spezifisch-jüdischen Kultur gefunden werden kann. Denn nur dort wird unsere glorreiche Vergangenheit lebendig und alle Kräfte, die materiellen und die ideellen, spornend nachwirken. Nur ganz betläufig bemerken wir, dass die so ungeheuer schwierige Wiederbelebung der hebräischen Sprache, die ja das Gefäss des jüdischen Geistes und der jüdischen Kultur bildet, wenn überhaupt, doch nur in Palästina gelingen kann. Selbst wenn wir daher ein Territorium haben könnten, das sich klimatisch, nach den Bodenverhältnissen und politisch mehr empfehlen würde als Palästina, selbst dann wäre es ein Irrweg, uns dorthin zu begeben. Auf einen solchen Gedanken kann man nur kommen, wenn man durch Loslösung vom jüdischen Mutterboden, durch einen völligen Bruch mit der Vergangenheit und dem historischen Bewusstsein unseres Volkes die sichere Fühlung mit den natürlichen Instinkten des Jüdischen Volkes verloren hatte und dann nur auf dem Wege der materiellen und moralischen •Judennot zum Judentum zurückgekelirt ist. Dann verlangt man, wie wenn das Judentum ein geschichtsloser, nur durch die Feinde ”” zusammcngelialten’er Menschenhaufen wäre, irgend ein Territorium zu freierer Entfaltung. Wohl uns, dass jetzt die entschieden haben, in denen der jüdische Volksinstinkt noch am lebendigsten und a!11 meisten intakt ist! Der Beschluss des siebenten Kongrosses!,.nt das Irrlicht des Territorialismus jetzt endgültigst beseitigt, und auch das aus einer etwas leichteren Störung acs ererbten Instinktes hcrv׳':gegangct1e Miete!־ ding des Ugandismus bez. des Nachtasyl-Zionismus ist, wie wir hoffen wollen, auf Nimmerwiederkehr abgetan worden. Die augenblickliche Not kann uns das Herz zerreissen. aber von dem Wege, den unser Volk zu seinem Heile fordert, darf sie uns nicht ablenkcn. So allein will es eine vernünftige Politik. Auch für den Fortgang der diplomatischen Verhandlungen ist jetzt eine völlig geklärte Situation geschaffen. Die an einer Lösung der Judenfrage im Sinne des Zionismus interessierten Mächte w issen nun genau, wie sie und wir allein zum Ziele kommen können. Freuen wir uns also über die etwas schmerzhafte Operation, die der siebente Kongress am Körper des Zionismus vollzogen hat! Alle Kräfte werden eiuheit-־ lieh gerichtet sein, wenn das kurze Uebergangsstadium erst hinter uns sein wird. Mit Freuden begrüssen wir es auch, dass in den' vom Kongress vorgezeiclmheten Grenzen die Palästina-Arbeit oder besser Vorarbeit weiter und noch energischer gefördert werden soll. Die Nützlichkeit, ja Notwendigkeit dieser Vorarbeit zu und vor der Erlangung des Charters muss doch iedem einleuchten. Darum wird docli der politische Zionis- 111ns. darüber.dürfen wir vollkommen beruhigt sein, ganz gewiss nie wieder aufgegeben werden. Der von Herz! geschaffene Zionismus bedeutet für jeden Einsichtigen nichts anderes, als die Kraft und die moralische Gesundheit unseres Volkes. Klugheit und Moral werden uns in gleichem Masse davor bewahren, dass wir in den klndliehen, geistig und sittlich noch unreifen philanthropischen Zionismus zurückialleu. Die Zeit bis zur Erlangung des Charters, sie sei noch so lang, ist die so überaus notwendige Zeit der Vorbereitung für das Land, wie nicht minder für das Volk. Die Agitation muss bis dahin noch ein gutes Stück Arbeit leisten, die nationale Erziehung der bereits Gewonnenen immer kräftiger einselzcn und unsere unanziellcn Machtmittel müssen ganz bedeutend erhöht werden. Wir glauben, wir haben vorläufig genug zu tun, und sollten uns von den wenig instinktsicheren Schwachgläubigen nicht auf Wege drängen lassen, die heilloses Verderben über uns bringen können. D r. J os c p 11. Ziel und Mittel Nachdem der Streit der Meinungen in Basel -. nicht he - gelegt, sondern abgebrochen worden ist. wird er in unser,ו Zeitschriften weitsrgdührt. Die Leser der .JUEDVSCW.N RUNDSCHAU“ haben in den letzten Nummern dieses Blattes Qclegcnhc t gehabt, die Ideen der beiden Hauptgruppen innerhalb der deutschen Landsmannschaft kennen zu lernen. leb erli tte nun auch für mich Gehör, wenn ich auch — wie ich eingangs hervorheben muss — nur f 1ir mich und einige Freunde spreche, nicht iin Namen einer Gruppe. Aber da cs jetzt d'e Pi'lieht aller Zionisten ist, s^ch vollkommen klar zu werden

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