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Jüdische Rundschau · 1905-04-19 · Heft 16-17 (19.4.1905) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
X (1905)
Issue
Heft 16-17 (19.4.1905)
Date
1905-04-19
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Infolgedessen erscheint die heutige Nummer in verstärktem Umfange. Freiheitsfest und Freiheitsland Die nationalen Unterschiede sind im letzten Jahrhundert wieder deutlicher hervorgetreten. Das Jahrhundert der Nationalitäten nannte es einer der Männer, der mit am meisten zu seiner politischen Gestaltung beigetragen hat. Aber wenn auch der Nationalismus des neunzehnten Jahrhunderts vielfach in Chauvinismus ausgeartet ist, so darf man doch diese Entwicklung nicht als eine dem Mcnschheitsgcdanken widrige ansehen. Gewiss, alle Menschen gleich geboren, sind ein adliges Geschlecht. Aber auch alle Nationen sind ursprünglich eine jede ein adeliges Geschlecht und nur die eine oder die andere geknechtet. Darum hat auch derselbe Talmud, m dem die nationale Idee des Judenvolkes immer wieder so scharf ausgeprägt zum Ausdruck kommt, immer dabei den Gedanken der Menschheit vertreten. Sollte doch jeder Mensch noch von der Uebcrzcuguug durchdrungen sein, dass um seinetwillen die Welt erschaffen sei. Ein so hohes Selbstbewusstsein lehrte der Talmud, der doch wieder ein Mass Demut predigt, das uns Nachgeborene zu gerüttelt voll erscheinen will. Die Lehre unserer Altvorderen betonte die nationale Gestalt des Judentums und vertrat neben dieser Grundidee das allgemeine Menschheitsideal und den selbstbewussten Individualismus. Diese eigentümlich-harmonische Mischung lag im Wesen des Mosaismus, der einen freien Bürger- und Bauernstand auf der Grundlage sozialer Ausgleiehimg geschaffen hatte. Der Grundzug dieser mosaischeu Verfassung war die innigste Vereinigung von nationalem und sozialem Eigenwesen mit allgemeinen Menschheitsidealen. Ebenso wie sich die attische Kultur aus den Freiheitskämpfen gegen die Uebermacht der Perser und gegen die Herrschaft des Adels und des Reichtums im Innern zur hoclrrtci! Blüte entfaltet hatte so war auch der ganze mosaische Kulturbau nur eine Folge und Begleiterscheinung der Befreiung seines Volkes aus der Knechtschaft und der des Kampfes um eine eigene Ehre und ein eigenes Vaterland. Indem unser Lehrer Moscheh unser Volk aus Aegypten heraufüihrtc, aus dem Lande der Knechtschaft in das Land der Freiheit, legte er schon den Grund zu dem gewaltigen Kulttirauf* streben, das sich in der mosaischen Verfassung und im ganzen Prophctentiune ktmdgibt. Die ganze gewaltige grosse ethische Kultur des jüdischen Volkes Ist eine Folgeerscheinung der Freiheit und des Freiheitskampfes. Der Auszug aus Aegypten, •iie Geburtsstur.de der Frei* heit und deshalb des Volkes, blieb der Grundakkord alles Singens und Sägers in der ganzen jüdischen Poesie und Prosa. Und mit Recht rühmt noch heute der Jude am häuslichen Pessachfeste den Auszug aus Aegypten als die Geburtsstunde der grossen Volksgeschichtc. Wir sind damals herausgefürt worden aus Aegypten, wir In allen Geschlechtern unseres Stammes. Wir feiern das Freiheitsfest auch ein Jeder als eine persönliche Befreiungstat, die ihm selber geschehen. Mit vollem Grunde erinnert jeder jüdische Feiertag an de!» Auszug aus Aegypten als den Anfang und den Urgrund aller» jüdischen Wesens. Denn Juden gab es auch in der Knechtschaft in Aegypten. Ein Judentum erstand aber erst mit der Freiheit und im freien Lande. Darum feiern wir das Pessaehfcst, nicht als ein Fest des erwachenden Frühlings, wie gewiss wieder in hunderten von Synagogen im direkten Widempruch zur Bibel lind zur Geschichte gepredigt werden dürfte, auch nicht als ein Fest des Erwachens der Natur, wir feriern das Pessaehfcst als das Fest, wo ״Israel aus Aegypten zog. das Volk Jaakobs von dem fremdsprachigen Volke“, als das nationale Frcihcitmest, das freilich nur der richtig feiern kann, der den Wert nationaler Ehre e!messen und die Freiheit zu schätzen weiss. Es ist bezeichnend, dass das häusliche Pessaehfcst noch weit mehr als der ganze Tempel- und Synagogenkultus des Jüdischen Volkes von nationalen Freiheitsgcdaiikcn aufs innigste durchdrungen ist. Es beginnt mit dem Aufweisen des imgesäuerten Brotes, das unsere Väter als Brot der Armut in der Knechtschaft gegessen, mit der Einladung an Jeden Hungrigen und Dürftigen, einzukehrcu, mitzuspeisen und mitzuferieru, betont aber gleichzeitig: ״In diesem Jahre hier, im nächsten Jahre im Lande Israel; in diesem Jahre noch als unfreie Männer, im nächsten Jahre frei und unabhängig“. Das ist der Geist des Pessachfestes und die Feier am häuslichen

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