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Jüdische Rundschau · 1905-03-24 · Heft 12 (24.3.1905) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
X (1905)
Issue
Heft 12 (24.3.1905)
Date
1905-03-24
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Abonnementspreis (Zusendung Inbegriffen) »lerleljikrlleh t. durch di'• Expedition: a) In Berlin --,90 Mark, b) nach aus wlrts I,- Mark, c) für das Ausland 14» Stark. 2. Im PoiUbonaeaent 1,25 Mark.;1 InserUonsprets die »!«gespaltene Petit-Zeile deren Raum 25 Pfennig. oder ץי״£ 2£z Organ der Zionistischen Vereinigung für Deutschland. P Adresse für Oefdsendungen and Bestellungen: Verlag Jüdische Rundschau, E. 0. m. b.tL, Berlin N.54, Auguststr. <3*. G e»ch if tsstunde o der Expedition 1 tAglich (ausser Sabbat undSonntag) vormittags 10—t, nachmittags 3—7 Uhr. Adresse der Redaktion: Berlin N W. 52, M*'1r.ehthsr,stru«« 4. Alle Rechte Vorbehalten. Abdruck aus der JUED1SCHEN RUNDSCHAU nur bei voller Quellenangabe gestattet. Nummer 12 Berlin, 24. März 1905 — 17. Adar Scheni 5665! X. Jahrgang Gibt es eine Judenfrage? Dass cs eine Judentrage gibt, ist von den Antiseiniteil ebenso oft behauptet worden, als es von jndi-eher Seite und von den Gegnern des Antisemitismus bestritten winde. Freilich verstanden die Juden und ihre Feinde im allgemeinen etwas Verschiedenes unter Juden frage, so dass sogar gesagt werden konnte, dass es überhaupt keine Judenfrage. sondern nur eine Antisemitenfrage gäbe. Aber mit einem Witzwort lässt sielt kein politisches oder soziales Problem lösen. Und das Problem bleibt ungelöst, cb man es nun nach den Juden eder nach ihren Gegnern benennt. Jedenfalls wurde nach den Juden ,.gefragt‘•, und auf diese Frage müssen die Juden eine Antwort geben. Wenn also die Juden!rage auch mir darin bestünde, dass gewisse Gegner aus leicht zu verstehenden Gründen die ganze Litanei der Judenfrage angestimmt haben, um für sieh und gegen die Juden daraus Kapital zu schlagen, so kann die Existenz der Judenfrage keinesfalls in Abrede gestellt werden; und man tut gut daran, ihr nicht aus dem Wege zu gehen, sondern ihr Wesen zu ergründen, und wenn es möglich ist, das Problem zu lösen. Wir wollen also im Interesse der Wahrheit von vornherein nichts ablclmcfi als falsch, weil es uns unangenehm ist. Jede auch gegnerische Meinung muss gewissenhaft gcprüft, wiederlegt, oder wenn das nicht möglich ist, als richtig angenommen werden. Schon aus diesem (lrur.de müssen wir die Existenz einer Judenfrage zugeben. Ferner aber beobachten wir täglich ein Reihe von Vorgängen sogar in unserer nächsten Nähe, die uns zwingen, uns mit der Judenfrage, ob wir wollen oder nicht, ganz genau zu beschäftigen. Aber ganz abge-ehen von der niüssigcn Frage, ob wir von einer Judenfrage!der von einer Antisemitenirage reden sollen, drängt sich den Juden selbst das gleiche Problem in anderer Gestalt auf, sobald wir Gelegenheit haben, uns mit den Juden in andern Ländern zu befassen. Von den 9 Millionen Juden Europas wohnen allein zwei Drittel, d. h. 6 Millionen, in solchen Landern, in denen sic politisch und zum Teil überhaupt rechtlos sind. Wenn ausserdem auch in den andern Ländern, wo das glücklichere Drittel der europäischen Juden wohnt, das Wort ״Jude“ allein genügt, um eitlen Menschen zu beleidigen, wenn in den Ländern der höchsten Kultur, dessen Volk sielt rühmt, das Volk der Denker zu sein, die Blutbeschuldigung g-gen Juden kritiklos geglaubt wird, wenn es in Oesterreich nnwidersproelien wiederholt geschehen durfte, dass jüdischen Eitern in dem kaum begonnenen zwanzigsten Jahrhundert Kinder zum Zwecke der Taufe getaubt wurden, wenn ähnliche Vorgänge auch in Preussen keineswegs zu den Unmögiichkeiren gehören, wenn es genügt, nur den Gegner als Juden zu brandmarken, um ihn unschädlich zu machen, so muss man gestehen, dass tatsächlich eine Judenfrage existiert. So lange die Juden in irgend welchen Leadern unterdrückt werden, eben weil sie J u d cn sind, so lange e,; als ein Schimpfwort gilt, von einem jüdischen Vater gezeugt, als ein Makel der Geburt, von einer jüdischen Mutter geboren zu sein, so lange ist die Juicnfrage nicht gelöst! So lange das treue Festhalten am Judcntume mit Zurück- Setzung bestraft, der feige Utbertritt mit Ehrenstellen und Acmtcrn bezahlt w ird, so lange existiert die Judenfrage’ —, Wenn nun allein äussere Momente int Völkerlcben massgebend wären, sc würde man die Judenfrage nicht mehr als bestehend betrachten, falls die Juden als solche alle Rechte genössen, die ihnen als Menschen zu-tehtn. Zwar haben sie diese Rechte nur zum geringsten Teile erlangt, aber gesetzt den Fall, sie hätten erreicht, was sie in politischer und sozialer Hinsicht billigerwcise verlangen können, so würde doch noch immer ein Teil der Judenfrage unbeantwortet bleiben. Denn der Mensch lebt nicht vom Brot allein, und die idealen Güter, die nicht mit der Elle gemessen werden können und nicht nach Geld sich bewerten, •spielen im Seelenleben der Menschen und Völker eine darum nicht minder bedeutende Rolle. Um grosse Ideen wurden mindestens so grosse Kämpfe von den Völkern zu allen Zehen geführt, wie um ' die Fragen materieller Existenz. Man erinnere sich nur der Perserkriege oder der makkabüischen Kämpfe! Man gedenke des Aufstandes der Niederlande und der grossen fransösischen Revolution! Gedanken waren es nicht zum kleinsten Teile, welche diese Kämpfe aiifaclucu und zum Austrag brachten. Und ebenso, wie es eine materielle Judenfrage gibt, so gibt es auch eine ideelle, die nicht minder brennend ist. Wer dem Judcntume irgend welchen Wert beimhst, der muss die, Frage stellen, ob das Judentum, das eine so lange Vergangenheit hat, auch noch eine Zukunft erwarten darf. Ohne zu entscheiden, wie sich jeder diese Zukunft denkt, muss* man das eine feststellcn, dass die Zukunft des Juden-

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