Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- X (1905)
- Issue
- Heft 8 (24.2.1905)
- Date
- 1905-02-24
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Abonnementspreis (Zusendung inbegriffen) »ierfeljlhrficb: 1. durch die Expedition: a) In Berlin —,90 .Mark, b) nach aus• wlrts 1,— Mark, c) für das Ausland 1,5-0 Mark. 2. im Pottabonnement 1,25 Mark. Insertionspreis die vfergespaltene Petit• Zeile oder deren Raum 25 Pfennig. & Organ & der Zionistischen Vereinigung für Deutschland. Adresse für Geldsendungen und Bestellungen: Vertag Jüdische Rundschau, E. G. m. b. H., Berlin N. 54, Augoststr. 40a. Getchuftsstuadea der Expedition 1 täglich (ausserSabbat und Sonntag) vormittags 10—1, nachmittags 3—7 Uhr, Adresse der Redaktion: Berlin N W. 52, Ueianchthonetrat«• 1 Alle Rechte Vorbehalten. Abdruck aus der JUEDISCHEN RUNDSCHAU nur bei voller Quellenangabe gestattet. Nummer 8 Berlin, 24. Februar 1905 19. Adar 5665 Jahrgang Die Juden in Ostdeutschland n. Vor gar nicht langer Zeit wiesen wir darauf hin, eine wie falsche Politik die Juden im Osten Deutschlands befolgten, indem sie unbedingt dem deutschen, unter dem Stichwort ״Hakatismus־־ berüchtigten Oermanisiertingsplan Handlangerdienste leisten. Wir wählteil aB ein Beispiel von vielen die an sich völlig unverstündliche Bereitwilligkeit, mit der jüdische Stadtverordnete in Inowrazlaw der Verdeutschung dieses Stadtnamens ihre Unterstützung liehen, die ohne diese undurchführbar gewesen wäre. Dazu hatten die Juden um so weniger Veranlassung, als ja diese Namensänderung in keiner Welse eine nationale Lebensfrage war — denn Inowrazlaw ist nicht deutscher geworden, seit es Hohensalza heisst! — sondern ein Siegerstücklein, eine Bravourtat, die sich der Stärkere leistet, um den Schwächeren zu ärgern. Dazu ihre Hilfe zu geben, hatten jüdische Stadtverordnete gewiss keine Ursache. Dennoch haben sie es getan. Der Dank dafür aber von der anderen Seite ist nicht ausgcblicben. Polnische Zeitungen, voran der ORENDONVNIK, erklärten, die jüdischen Geschäftsleute müssten noch energischer boykottiert werden als die deutschen. Und wer die Lage der jüdischen Kaufleute in den kleinen Städten der Ostmarkeil kennt, der weiss. was für glc ein Boykott durch die polnische Bevölkerung bedeuten würde. Dagegen ist seit einigen Jahren nicht mehr, wie früher, einzuwenden, dass ein solcher Boykott undurchführbar wäre. Die Zeiten sind definitiv vorbei, wo die jüdischen Kaufleute die einzigen oder die leistungsfähigsten waren. Von den Juden haben die Polen gelernt, lange schon, und die Deutschen haben allmählich auch begriffen, dass es der deutsche Postmcistcr und der deutsche Distriktskommissarius nicht tun, dass es gilt, wirtschaftlich in das Land einzudringen. So existieren heute polnische und deutsche Geschäfte, setbst schon in den kleinen entlegenen Nestern, die einen Boykott der Juden, wenn ihn die Pclen erst ernstlich predigen werden, sehr wohl ermögliehen. Vielfach hat man schon die Beispiele dafür, dass antisemitische Polen sogar dem verhassten Niemiec den Vorzug geben, wenn sie den Juden strafen wollen. Der geschäftliche Boykott seitens der Polen also droht den Juden als eine durchaus reale Möglichkeit. Bezeichnend für die Stimmung der polnischen Bevölkerung ist eine Gerichtsverhandlung aus eben jenem Hohensalza. das uns kürzlich als Beispiel diente. Ein Droschkenkutscher erwiderte auf die Frage, wohin er fahre: ״Nach J 11 d c n s a I z a’־‘ Er wurde denunziert und zu neun Mark Geldstrafe wegen groben Unfugs verurteilt. Dass sich die antisemitischen, Zeitungen darüber aufgeregt haben, beweist, dass sie den Fall garuicht begriffen haben. Dass nämlich hier ein Pole die Juden um ihres ״Deutschtums‘’ willen beschimpfen wollte. Der arme Droschkenkutscher, dem ein antisemitisches Blättchen sogar gern die neun Mark zurückerstatten wollte, war einfach verärgert darüber, dass die Juden den Deutschen Helfersdienste geleistet hatten. Aus diesem Anlass sollte man aber deutscherseits auf die Juden doch gerechterweise nicht noch schlagen. Leute von wahrhaft deutschnationaler Tendenz, denen cs lediglich auf die Wohlfahrt des Deutschtums ankommt, und die nichts dagegen haben, wenn daneben auch andere Menschen noch leben können -- solche ernsthafte, nationalgcsimuc. Leute sehen das natürlich auch ein. So schrieb im Anschluss an den von uns letzthin zitierten Poscner Fall die in Breslau erscheinende OSTDEUTSCHE ALLGEMEINE ZEITUNG bezüglich der Haltung, did von den Deutschen den Juden gegenüber zu beobachten sei: .das. worauf wir zu sehen haben, sind die Tate n. Wenn die so sind, dass das Deutschtum durch sie gefördert wird, dann haben wir ihren Täter auch als gleichberechtigten und gleichbegabten Mitkämpfer zu betrachten.“ Und das Breslauer Blatt weist auch sehr treffend einen von antisemitischer Seite oft ins Feld geführten heuchlerischen Einwand zurück, wenn es schreibt: ״Gewiss mag auch viel eigenes Interesse mitspie!en, wenn man sich jiidischerseits energischer an der deutschnationalen Bewegung betätigt. Aber seien wir doch keine Pharisäer: wie viele aus arischem Blute sind nicht unter uns, denen materielle Vorteile erwachsen, sobald sie sich national betätigen. Und ist es etwa auf polnischer Seite anders?“ Damit ist jene verdächtigende Phrase treiiend geschlagen und es ist zugleich iiir die Juden, wenn •sie sehen wollen und ihren eigenen Vorteil auch nur halb so tatkräftig verfolgen wollten, wie es ihnen immer zugeschrieben wird, der Weg gewiesen, den sic einzuschlagen haben. Und wenn uns unser erster Artikel den als Vorwurf gemeinten Einwand eingetragen hat, wir unterstützte״ die Polen in ihren nationalen, antideutschen Bestrcbungen, so haben wir darauf einmal zu antworten, dass das nicht unsere Absicht ist, und sodann, dass wir diesen