Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- X (1905)
- Issue
- Heft 5 (3.2.1905)
- Date
- 1905-02-03
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Schebat 5665 ■! x• Jahrgang Die jüdische Literatur und der j Zionismus j Die, Kunst ist der getreuste Spiegel des Lebens. j Der wahre Künstler verwebt die Kämpfe und Hoff- , iningen, die ihn und seine Zeit bewegen, und die er mit i dein geschärften Blick des Sehers erfasst, in sein Werk. { in seiner empfänglichen Seele münden alle Strömungen! zusammen, und aus diesem tiefen See schöpft er. solange j er schafft. Deshalb erkennt man den Geist der Zeit am ] besten in den Werken der Künstler, und deshalb gibt j für die Beurteilung der Höhe des geistigen Lebens und der Bestrebungen einer Zeitepoche die Entw icklung der Kunst einen trefflichen Massstab ab. : Es ist eine leicht begreifliche Erscheinung, dass der mit der französischen Revolution erfolgte Sturz der Ghettomaliern Westeuropas der Entstehung einer jüdischen Kunst nicht förderlich war. Die Sonne der neuen Freiheit blendete den der Fessel Entledigten die Augen. Die ganze Welt lag offen vor ihnen: Jetzt wollten sie auch all ihre seit Jahrhunderten aufgespeicherte Kraft verschwenderisch der ganzen Welt weihen. Mit scharfem Messer schnitten sie die Bande entzwei, die sie mit den Sitten ihrer Väter verknüpft hatten, und das Vergangene vergessend stürzten sie sich inbrünstig in das Ringen einer neuen Zeit. In der Dichtung übte die Romantik einen tiefgehenden Einfluss aut die Gemüter aus. Das *Fremdländische, Exotische, Seltsame gab der Dichtkunst das Gepräge. Man wählte zum Vorwurf der dichterischen Darstellung ferne Länder, ferne Völker, ferne Zeiten. Ich glaube, dass es aut den Einfluss der Romantik zurückzuführen ist, wenn in den vierziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts jüdische Schriftsteller jüdische Stoffe zu behandeln begannen. Die Auerbach, Kompert und Bernstein und ihre Nachfolger Mosenthal, Kolm und Franzos behandelten jüdische Stoffe, mehr nicht. Kulturhistorisch interessantc Dinge, fremde Sitten und Gebräuche wollten Sie darstellen. Jüdische Dichter waren sie nicht. Sie haben ihre Werke nicht mit jüdischem Herzblut geschrieben. Sie betonen stets die gemessene Distanz, die zwischen ilmen und dem Gegenstand ihrer Schilderung lag. Die Zeiten haben sich geändert. Ais die jungen begeisterten Freiheitskämpfer müde Greise geworden, erinnerte man sie unsanft an ihr vergessenes Judentum. Gebrochen und verzweifelt sanken, sie ins Grab. Aber ein neues Geschlecht entstand, das, seiner Kraft sich bew u'sist, entschlossen ist, sein Geschick mit eiserner Hand selbst zu zimmern. Rückwärts in seine herrliche Vergangenheit blickend, schöpft cs die Kraft, vorwärts der Zukunft den Weg zu bahnen. Jede Zeit hat die Dichter, die sie verdient. Aus dem befruchteten Erdreich hervor wuchs ein Baum, spricssend und blühend und Früchte tragend. Und immer mächtiger streckte er die Zweige aus, di«* immer tiefer sich senkten unter der Früchte Last. Da kommt einer des Weges, pflückt ein dürres Zw eiglein und zerbricht es vor aller Welt mit dem Aufgebot seiner ganzen Kraft. Seht, ruft er aus, wie morsch ist das Zweiglein, und wie muss da*5 Erdreich beschaffen sein, das es liervorgebracht hat? So madit’s Professor Geiger*). Er führt einige Dichtungen der deutschen (damit meint er: deutschsprachlichen) Literatur an. die nach seiner Darstellung in nationaljüdischen Anschauungen wurzeln. Aus einer literarischen Minderwertigkeit schliesst er mit Recht auf die Bestrebungen, aus denen die Werke hervorgewachsen sind. Zum Teil handelt es sich nun um Bücher, die mit dem Zionismus nicht das Geringste zu tuii haben, zum Teil um Werke, denen fast die gesamte Kritik hohes Lob gezollt hat, zum Teil sind es wirklich minderwertige Erzeugnisse. Das morsche Zweiglein zu zerbrechen haben Sie fertig gebracht, Herr Geiger, aber sehen Sic denn nicht den stattlichen blühenden Baum? Und wenn alles, was Sic zum Beweise Ihrer Ansicht vorgebracht haben, richtig wäre, auch der literarische Zeuge hat die Pflicht, nicht nur nichts iiinzuzusctzen, sondern auch nichts zu verschweigen. Wer über die deutschsprach־ liehe zionistische Literatur (G. meint, w׳ie die Aniiilmmg der ״Diamantstadt‘' des Holländers Heijerniamis ergibt, alle, wenn auch nur durch Uebersetzung den! Deutschen zugängliche Literatur) ein einigermassen objektives Bild geben will, darf der einen Rosenfeld, Donath, Bialik, Friig, Lindncr, Feiwcl, Zlocisti, einen Gordon, Perez, Pinski, Bcrdiczewski und wie sic alle heissen, Lyriker, Epiker und Dramatiker, mit Stillschweigen übergehen? Als vor einigen Jahren die grosse Ociicntlichkeit durch den JUEDISCHEN ALMANACH zum ersten Mal mit einem herrlichen Blütenstrauss jiidischer Kunst bedacht w urde, da ging ein Staunen durch die gesamte kunstverständige Welt. Man hätte nicht gedacht, dass in jüdischem Boden noch solche Kräite schlummerten. Nun führt man einige einem grösseren •) Die deutsche Literatur und der Zionismus. (KÖLNISCHE ZEITUNG vom 22. Januar 1905. No. 77.) 1' T . V. T