Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1905-01-27 · Heft 4 (27.1.1905) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
X (1905)
Issue
Heft 4 (27.1.1905)
Date
1905-01-27
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2651273-2651394-2651399--02029-2658914
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Organ der Zionistischen Vereinigung für Deutschland O Abonnementspreis (Zusendung Inbegriffen) *'׳*rfeljlhrlich: 1. durch die Expedition: a) In Berlin —,90 M. b) nach auswärts 1,— AI. c) für das Ausland 1,50 AI. 2. Im Postabonnemeat 1,25 Al. a D Insertionspreis die vfergespaltene Petit-Zeile oder deren Raum 25 Pfennig. O Adresse lur Geldsendungen und Bestellungen: Verlag Jüdisehe Rundschau, E. Q. m. b. H, Berlin N. 54, Augusfsfr. 43a. Geschäft »stunden der Expedition: täglich (ausser Sabbat und Sonntag) vormittags 10-1 L'hr, nachmittags 3-7 Uhr. Adresse der Redaktion: Barlin N W. 52, Me!2r.chihcnttm*e «. Alle Rechte Vorbehalten. Abdruck aus der ,Jüdischen Rundschau“ nur bei voller Quellenangabe gestattet. Nummer 4!! J1 Berlin, 27. Januar 1905 — 20. Schebat 5665 X. Jahrgang Schnorrer und Verschwörer Als die Judenverfolgung von Kischinew und später wieder die Gräuel von Homel bekannt ge* worden waren, da beeilte sich die russische Telegraphenagentur und PH AW1TTELSTW JENNY J WJESTNIK, der russische Reichsanzeiger, in gleicher Weise in die Welt die Lüge hinauszurufen, dass die Juden sich auf die christliche Bevölkerung gestürzt hätten und dass dabei ein Dutzend Juden zu Schaden gekommen sei. So sahen die Massenmorde in der offiziellen russischen Darstellung aus, die zu dem Entsetzlichsten *gehörten, was Barbarei und Gemeinheit, Rohheit und fromme Heuchelei einem unglücklichen Volke mit brutaler Gewalt angetan hatten. Mit der gleichen Wahrheitsliebe, die den offiziellen russischen Telegraphen auszeichnet, wird über das unmenschliche Blutbad, das die russischen Gewaltherren am Sonntag• ihrem eigenen Volke bereitet haben, geschrieben, dass es 57 Tote und 233 Verwundete gegeben und dass es sich um aufrührerische Nihilisten gehandelt habe, nicht um friedliche Bürger. Merkwürdige Aufrührer, die Heiligenbilder und Zarenbilder vor sich hertragen, die Zarenhymne feierlich singen und völlig unbewaffnet sich zu ihrem Väterchen von Gottes Gnaden begeben, um es anzuflehen, ihren bescheidensten Bitten ein freundliches Ohr zu schenken. Von der Polizei und der Regierung, die auch Kischinew und Homel angezettelt haben, hat man die Demonstration absichtlieh hervorgerufen, um den Unglücklichen, die töricht genug sind, im Zarenreiche an Gerechtigkeit zu glauben, ״eine Lehre zu geben, um eine Zeitlang Ruhe zu haben“ vor den elenden Hungerleidorn, die nicht das Recht haben, an dem grossen Staatsdiebstahl der Beamten teilzunehmen. Gestern den Juden in Kischinew und Homel, und heute den Russen in Petersburg. Gemeiner, verwerflieber und verabscheuenswürdigor sind aber doch die Taten gegen das eigene Volk. Es ist bezeichnend, dass es die sich deutschnational nennenden Antisemitenblätter waren, die sich ganz merkwürdig leicht bereit fanden, die Ereignisse von Kischinew und Homel in ihr Gegenteil zu verkehren. Es ist nicht minder bezeichnend, dass die DEUTSCHE TAGESZEITUNG des antisemitischeu Grossgrundbesitzes es ist, die gegen die armen Teufel auftritt, die im Glauben an die Gorechtigkeit des Zaren von seiner Regierung wehrlos niedergefeuert werden. Sie wittert etwas von Morgenrot. £ Sie kamen ja bittend und gingen als Empörer, Schnorrer, dann Verschwörer! Eine gewaltige Veränderung bricht sich Bahn. Wenn es auch den Schergen der Autokratie noch einmal gelingen sollte, den Aufstand niederzuschlagen, so wird die Staatsumwälzur.g doch ihren weiteren Weg nehmen und was man dem kleinen Judenvolke bieten konnte, was man den Polen und den winzigen Armeniern gegenüber wagen durfte, das wird der Galgen der Regierung, die dasselbe den Rassen tut, die über hundert Millionen zählen. Die Mörder von Petersburg haben sich selbst ihr Grab gegraben. Russland wird erwachen und eine ähnliche gewaltige Umwälzung in der Weltgeschichte hervorrufen, wie das noch immer Völker taten, wenn sie sich selbst befreiten, in der alten Zeit die Athener, in der Neuzeit die Briten und dann das revolutionäre Frankreich. Am meisten aber wird unser eigenes jüdisches Volk diese Umwälzung an sich erfahren, da ja die Hälfte unserer Nation unter der russischen Knute regiert wird. Sie werden sich am Befreiungskampfe beteiligen, sie werden seine Leiden teilen, sie werden wenigstens eine Zeitlang seine Früchte mit geniessen. Auch die Juden in Russland werden unter den schweren Leiden des Bürgerkrieges, dem sie sich nicht entziehen, zu einer Bewegungsfreihoit gelangen, die ihnen bisher gefehlt hat. Die ganze Lage unseres Volkes wird sich gründlich verschieben und' auch unser Zionismus wird reiner und mächtiger werden können, da er alle Judennotsmitläufer abstossen wird und sich zum reinen nationalen Freiheitsbau für. Palästina wird weiter entwickeln können. Die Freiheit in Russland würde uns von den Landsuchern befreien. Das sind freilich Zukunftsakkorde. Seit der Zerstörung Jerusalems aber prophezeien nach dem Worte der Talmudisten nur noch Kinder und Narren. Wenn *wir aber unberührt lassen, was noch in der Zukunft Schoss unbekannt schlummert, so müssen wir um so lautere Anklage gegen die Geldleute erheben, dio erst noch in verwichener Woche ungeheure Summen deutschen Kapitals, dio Werte der schweren Arbeit vieler Millionen in den grossen russischen Hexenkessel warfen, um der 4lj> °/0 willen, die der Barbarenstaat seinen Gläubigern zahlen will. Es wäre für diese Mitschuldigen von Port Arthur und Petersburg gewiss nur eine recht geringe Strafe, wenn ihr© Papiere, an denen sie Millionen verdienen möchten, morgen oder übermorgen zu wertlosen Assignaten werden. Dass Juden und Judenstämm-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.