Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- IX (1904)
- Issue
- Heft 50 (16.12.1904)
- Date
- 1904-12-16
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 448. JÜDISCHE RUNDSCHAU. No. 50. A.-K. «ab Marmorek eine Erklärung ab, in der er sagte, dass die Zionisten an ihre Beteiligung an der Arbeit keinerlei propagandistische Zwecke, sondern nur den einen knüpfen, Ihren unglücklichsten Brüdern dienlich sein zu können. In der von der Konferenz gefassten Resolution wird die Schäftung eines speziellen Informationsbureaus mit dem Sitze in Berlin beschlossen, ferner die periodische Abhaltung von Konferenzen zur Behandlung der östlichen Emigrationsfragen. In keiner Weise sollen Massregeln ergriffen werden, die geeignet sind, eine Steigerung der Auswanderung herbeizuführen, vielmehr soll es sich lediglich um eine planmüssigc Regulierung der ordinären Auswanderung handeln. Zwei Vermächtnisse In Berlin hat die fängst verstorbene Rentiere Frau Johanna Simon testamentarisch verfügt, dass aus ihrer Hintcrlasesnschaft eine Million Mark zur Errichtung eines interkonfessionellen Waisenhauses verwendet werden soll. —• Der Universität Heidelberg hat der kürzlich verstorbene ausserordentliche Professor Dr. Strauch 18 000 Mark vermacht, deren Zinsen zu Studienzwecken von Privatdozenten und ausserordentlichen Professoren der juristischen Fakultät bestimmt sind; doch sollen ״Angehörige israelitischen Glaubcis oder Abkömmlinge jüdischer Vorfahren, auch wenn sie getauft sind,“ vom Genüsse ausgeschlossen sein. Aus Russland Für die Unruhen der russischen Reservisten macht die deutsche antisemitische Presse in bekannter Unehr'.ichkeit fortgesetzt die Juden in Russland verantwortlich, weil die heerespflichtigen Juden angeblich sich in grösserer Zahl der Einberufung entzögen bezw. die jüdischen Kaufleutc die Soldaten bei dem Einkäufe von Lebensmitteln i!1 unerhörter Weise übers Ohr hieben. Was es mit beiden Behauptungen iiir eine Bewandtnis hat, zeigt nun Generalmajor z. D. Grai von Pfeil, in einem Artikel des TAG vom 27. Novbr. Grai Pfeil beklagt es. dass die russische Presse, um die wahren Ursachen der Reservistcn-Unruheu zu verschleiern, einfach die Juden dafür verantwortlich mache, und dass auch die deutsche — nicht nur antisemitische Presse — sich nicht weiter in die inneren Ursachen, der Unruhen vertiefe, diese Darstellung einfach kritiklos nachdrucke. Demgegenüber konstatiert Grai Pfeil, dass die wirklichen Ursachen tiefer liegen, wie man sogar aus der russischen Presse herauslesen könne. Der SWJET, eines der judenfeindlichsten russischen Blätter, stellt an Beispielen fest, dass in reinrussischen Städten, in den Gouvernements Moskau. Smolensk. Tula genau dieselben Unruhen Vorkommen wie in den westlichen (polnischen) Gouvernements. Das ist einfach zu erklären aus der immer stärker zutage tretenden Unlust der städtischen Bevölkerung an diesem Kriege, die sich in ihrer kühlen, fast gehässigen Haltung gegen dessen Teilnehmer, also auch gegen die Reservisten, kundgibt, und aus der völlig mangelhaften, ja pflichtwidrigen Untätigkeit der Mobilmachungsbehörden, namentlich der Bezirkskommandos aus dem eigentlichen Russland und Polen. Der SWJET schildert nun durch Augenzeugen aus verschiedenen russischen Städten, wie Unruhen entstehen. Als in Tschcrkow die Reservisten. 5000 Mann stark, einriiekten, sperrte sich die Stadt völlig gegen sie ab. Alle Verkaufsläden wurden geschlossen und durch schwere Schlösser gesfehert. Es war auch nicht ein Stück Brot zu bekommen. Weder die Verwaltungsnoch die städtischen Behörden bekümmerten sich um die hunce'rr.^cn Leute. Seitens der Militärbehörde war erst recht nichts geschehen. ’ Da fanden sich Strassenhündlcr ein, welche erbarmliehe, halbverdorbcuc Esswaren, die sie sonst nicht los wurden, zu Preisen verkauften ״wie in Port Arthur". Die 13 Kopeken (27 Pf.), die man den Leuten auf den Weg gegeben, waren so ziemlich verbraucht. Da brachen einige der erblttertsten Reservisten Läden auf, andere folgten ihrem Beispiel. Die bewaffnet« Macht griff ein. der Aufruhr war fertig. Sechzig Mann wurden dem Kriegsgericht übergeben. So auch in anderen Städten. — Dass in Russland die Juden die Prügelknaben für alle aus der verrotteten Verwaltung entspringenden Uebeistände abgehen müssen, ist ja nicht neu, aber es Ist Interessant das auch in diesem von den Antisemiten so gierig aufgegriffenen Fallt von sachkundiger Seite bestätigt zu erhalten. Die hebräische Tageszeitung HAZOFE berichtet, dass . der Minister des Innern, Fürst Swjatopolk-Mirsky die zionistische Deputation, die bei ihm am 18._ November n. St. Audienz hatte, ermächtigt habe zu erklären: Der Zionismus wird von nun ab in Russland keine Hindernisse seitens der Administration finden. Zum Ostafrikaprojekt Die hiesigen Tageszeitungen brachten in den letzten Tagen übereinstimmend folgende Meldung aus London: ״Die Kommission zur Besichtigung _ des den Zionisten von der englischen Regierung zur Verfügung gestellten Gebietes in British-Ostafrika wird noch in diesem Monat abreisen und am 10. Januar in Ostafrika eintreffen. Sie besteht aus Major Gibbons. Professor Kayser und Dr. Wilbusch. Prof. Kavser ist der wissenschaftliche Berater der Nordwest-Kamerun-Gcsellschaft, Dr. Wilbusch ist Ingenieur,“ Irgendwelche Mitteilungen des Zentralorgans der zionistischen Partei DIE WELT oder des Aktions-Komitees liegen zum Ostafrika-Projekt seit langem nicht vor. Erst aus diesen hoffentlich bald erscheinenden Mitteilungen werden wir ersehen können, wie die Angelegenheit eigentlich steht. Wir bcmerken noch, dass wohl alle unsere Leser sofort erraten haben, dass der Dr. Wilbusch, der Vossischen, Volkszcitung und anderer Blätter unser abgekürzter Gcsinnungsgenosse Dr. Wilbusch «witsch ist. Ebenso;st wohl die Beförderung Kaisers zum Professor durch die Tages- Zeitungen bei dieser Gelegenheit keinem Wissenden ein Anstoss gewesen. Rundschau der Presse DIE WELTbringt in Nr. 50 einen Brief aus England, der erwähnt, dass ״Z a n g w i 11 s Apostolat für Uganda unter den amerikanischen Zionisten keinen grossen Anklang findet. Ja. die Zionisten jenseits des Ozeans sind ziemlich enttäuscht. Sie haben ja erwartet, dass der grosse Wortführer des Zionisnnis etwas mehr Rücksicht auf das urjiidiche Ideal nehme". - - In der gleichen Nummer macht ״Eine Gruppe Petersburger Zionisten“ unter Anführung verschiedener, teils mehr teils weniger zutreffende Gründe den Vorschlag, den Kongress nicht gemäss dem Beschluss der Jahreskonferenz im Februar- März 1905, sondern erst im Juli-August abzuhalten. Wir glauben, dass eine Diskussion dieses Vorschlages, wie sic die ..Gruppe Petersburger Zionisten wünscht, überflüssig ist, da der Kongress mit Rücksicht auf den derzeitigen Stand der Ostairikasachc ohnedies nicht vor dem Sommer 19^5 dürfte berufen werden k ö n n e rt. — In Nr. 50 der ALLGEMEINEN ZEITUNG DES JUDENTUMS bespricht Wilhelm Goldbaiim den sechsten und siebenten Band der Jewish Encyclopedia und kommt dabei auf die seiner Meinung nach zu knappe Biographie H e r z I s zu sprechen, die den Sekretär des atnerlkanischen Zionistenluindes. J. de Haas zum Verfasser hat. ..Eine knapne Würdigung mit den notwendigen Daten, der aber doch das Beste 'fehlt: Die anschauliche Darstellung der Persönlichkcit. Kaum dass aus dem bekannten Ausspruche Herzls, dass der Rückkehr nach Zion die Rückkehr zum Judentum vorangehen müsse, eine Erklärung des erstaunlichen psvehologiscl,cn Umschwunges abzuleiten versucht wird, der sozusagen über Nacht den bis dahin in religiöser Hinsicht ganz indifferenten Feuilletonisten und Dramatiker in den politischen Organisator des Zionismus verwandelte. Und doch ist Herz! nur als Persönlichkeit zu begreifen; hier, wie wohl nur selten, gilt das Goethesehe Wort: .,Höchstes Glück der Erdenkinder Ist doch die Persönlichkeit” Es ist eine jener hochinteressanten Fügungen, die sich in der Geschichte sehr sporadisch ereignen, dass zu der über die ganze Welt unter den Juden verbreiteten Stimmung im kritischen Moment die Persönlichkeit sich findet, die sich sozusagen mit ihr deckt, dass diese Stimmung gerade in dieser Persönlichkeit sich verkörpert, und dass von heute auf morgen ein Mann zu Welt rühm und freilich auch zum Martyrium gelangt, weil die Sache, die sich seiner bemächtigt hat an dem Punkte angekommen ist, wo sie einen Führer braucht" Hoft'cntiicb wird hier die deutsche Ausgabe der Jewish Encvcloncdia. dieses vorzüglichen Werkes, die vom JÜDISCHEN VERLAG, wie wir hören, vorbereitet wird, bessernd cinercifen. Diese deutsche Ausgabe könnte an unendlich vielen Stellen bessernde Hand .inlegen, wo Oberflächlichkeit. Seichtheit und Einseitigkeit allzustark in den Vordergrund treten. Eine gründliche Umarbeitung wird von der Uebersctz.ung ins Deutsche nicht zu trennen sein, ist auch vom Verlag in Aussicht genommen. - Die BERLINER ZEITUNG bringt eine Schilderung des Lehens der russischen Flüchtlinge in London und der opferbereiten Hilfstätigkeit der Londoner jüdischen Gemeinde, die allerdings diesem kolossalen Andrange oft ratlos gegenübersteht. Einige Notizen der RUNDSCHAU mussten wegen Raummangel für die nächste Nummer zurückgestellt werden.