Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- IX (1904)
- Issue
- Heft 47 (24.11.1904)
- Date
- 1904-11-24
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 404. JÜDISCHE RUNDSCHAU. No. 46. Auf .zur Wahl! 1 ii 1־ . An unsere'Freunde ergeht der Ruf, am heutigen Wahltage ihre •Pflicht zu tun. Wieder gilt es, die Fahne .des Judentums hochzuhalten gegenüber jenen Bestrebun- 1gen, welche darauf abzielen, durch eine öde Gleich- * ’inacherei und durch feiges Anschmiegen an fremde Bräuche und Anschauungen das Judentum restlos aufzulösen. Yor 50 Jahren nannte sich diese Richtung in ..י Ablehnung an die Benennung christlicher Religionsneuerer Reform, und heute nennt sie sich mit Anleh- •knung an eine ־von ihren christlichen Familicnangcr.t hörigen unterstützte kirchliche Strömung synagogal- und ‘ meistens kirchlich-liberal ist. Dabei ist es bezeichnend, dass der Christ-kirchlich-Liberale Bernstein der Enkel des jüdisch-liberalen Bernstein ist, der die Reiormgenossenschaft gegründet hat. Diese Richtung führt zum Judentum hinaus. Ihr Wille und ihre Absichten sind die besten, das erkennen wir an, wie wir auch den guten. Willen ihres Vorstandsmitgliedes Sanitätsrat Dr. Edel uneingeschränkt anerkennen, wenn er im Schosse seiner Familie das heilige Christfest begeht und zur höheren . Weihe einen Geistlichen derjenigen Religionsgemein־ schait heranzieht, der das Christfest heilig ist. Aber dieser gute Wille bedeutet den Ruin und den Untergang des Judentums, wenn er allein massgebend wäre. Jedoch die Jüdische Gemeinde steht nicht auf dem Standpunkte, dass das Judentum abgewirtschaftet hat, und dass es Zeit ist, allmählich unter dem falschen Vorgeben des Fortschrittes vom Judentume fortzuschreiten. Die Tausende der jüdischen Wähler, die nicht auf dem liberalen Geldsack sitzen und denen ihre Entrechtung als Wähler gewiss ist, wenn der plutokratische Libera- Iismus siegt, haben sich längst von dem Liberalismus abgewandt, der mit dem wahren und echten Liberalismus nichts gemein hat. Der Liberalismus zehrt von dem Ruhme und den Verdiensten des politischen Liberalismus, der den Juden gehohen hat, die Emanzipation und die Bürgerrechte zu erringen. Aber wenn der politische Liberalismus es als wesentlich ansieht, für den Freihandel einzutreten, so werden wir uns keineswegs dazu bestimmen lassen, das Freihandelsprinzip auf die religiösen und Stammestümlidien Gemeinschaften ausdelmen zu lassen. Wir können nicht für einen Mann wie Prof Geiger stimmen, der die Wahlentrechtung proklamiert iiir alle, die töricht genug sind, ihn zu wählen, wenn sie nicht nachher durch die genügende Zahl von blauen und braunen Scheinen ihre Würdigkeit nach weisen können, für die Vertretung der Jüdischen Gemeinde zu sorgen. Wir können und dürfen keinen Manu wählen, der das Gebet für £ior, und Jerusalem eine Gotteslästerung nennt. Wir können und dürfet! keinen Mann wählen, der mit jenem Geiger, auf einer Liste, der die jüdische Tradition als nicht ,vorhanden bezeichnet. Wir dürfen auch keinen Mann wählen, der auf einer Liste steht, wo Benas Lcwy den Liberalismus vertritt, derselbe Benas Lcwy, der seine kaufmännischen Angestellten vor der Zugehörigkeit zu einem jüdischen Turnverein gewarnt hat. Denn wir wurden damit den To.desstoss bei uns selbst dem politischen Liberalismus versetzen, .dessen Wesen die Ge- Wissensfreiheit ist, oder wenigstens sein seilte. Wir können und dürfen niemanden von der Liste wählen, auf der lener selbe Herr Louis Sachs steht, der trotz aller Ableugnungen draussen in Charlotteuburg zugegeben hat, dass er nur während dieser Wahlperiode den Antrag auf Einführung des Sonntagsgottesdienstes nicht wieder cinbringen will. ־ Die Zionisten treten Mann für Mann für die mit dem Zentralvereln für die Interessen der Jüdischen Gemeinde Berlins und dem Synagogenverbande vereinbarte Liste ein. * :; Sie treten damit ein für den Gedanken, dass das Judentum auch eine Zukunft haben soll, eine,Zukunft auch in Berlin. Sie rufen auf zum Kampf gegen Gleichgiltigkeit und Judentumsfeindlichkeit, ob sie von den Babel-Bibelleuten draussen oder gar von den Ton• angebern der Reform und ihrer Genossen im eigenen Innern ausgehen. Wenn die Liberalen dank unserer Gleichgiltigkeit und dank dem Umstande, dass Geld Macht bedeutet, einen Sieg bei den Wahlen erringen sollten, der ihrer Zahl nach ihnen nichf.zukommt, so bedeutet das die schwerste Gefährdung des Judentums, bedeutet zugleich rein äusserlich die schwerste Gefährdüng unseres gleichen Wahlrechts. Es würde zugleich bedeuten, dass wir eine tote Partei mit der Leitung unserer lebendigen Gemeinde betrauen würden. Schafft die Toten heraus aus dem Hause des Lebens! Das Judentum ist eine Kultur des Lebens, ist eine Nation, die um ihr Heiligstes streitet gegen jene Liberalen, die ihm den Garaus machen würden, wenn sie tun könnten, was sie wünschen. Der Liberalismus ist tot. Der Zionismus hat sein Erbe bereits angetreten. Die Väter sind noch liberal und in der Reform und die Söhne stellen bereits in unseren vordersten Reihen, so weit sie nicht den anderen Weg zum Judentum hinaus eingeschlagen haben. Fort mit dem, was sich fälschlich Liberalismus nennt! Aber fort auch mit der ganzen Liste, auf der ein Prof. Ludwig Geiger steht! Wählt Mann für Mann die zionistische Liste, d. h. die Liste des Zentralvereins. Vier Jahre in Persien.! < Bericht des Schuldirektors Confino an das Zentralkomitee der Alliance Israelit;: Universelle.) (Schluss.) Die F Ilern lernten allmählich den wohltätigen Liufluvs unserer Schulen auf ihrö Kinder zu würdigen. ' Trotz dex materiellen Vorteile, die sie von den Missionsschulen hatten, haben sie es vorgezogen, sic zu ms zu schicken. ' Bei dem spricliwörtl eben Gei/, der Ispah.iner Juden ist dies das beste Lob für ihre Schulen. Die Resultate des Unterrichts sind von allgemeiner mura- Ziselier Wirkung. Auch die stumpfsinnigsten und voreingenoin*!neusten Mitglieder der Gemeinde konstatieren eine glückliche und tiefgreifende Veränderung in dem Charakter und den Gewohuheiten unserer Zöglinge. Aus diesen kleinen \V Iden, die gestern noch schmutzig mul abgerissen von Tür zu Tür um c n Stückchen Brot bettelten, wurden wie über Nacht saubere, höfliche, lerneifrige Schüler. Ihr schmuckes Aussehen und Benehmen imponieren sogar den Muhammedanern, die sich hüten, wie früher, mit ihren Stöcken auf sic Jagd zu machen. Unsere Schulen sind d e am besten eingerichteten der ganzen Gegend. Alle vornehmeren Muhammedaner wollten gern ihre Kinder zu uns schicken wenn es nicht Aga-Nadjafi verboten hätte. Für unsere Glaubensgenossen bilden die Schulen einen Gegenstand des Stolzes. Für sie sind sie nicht einfache Frziehungs nstUute, wo ihre Kinder, abgesehen vom Unterrichte, Ordnung Disziplin und Ideen der Moral und 1 oieranz erwerben, sondern zugleich d e sichtbaren Beweise ihrer veränderten Lage. Denkmäler, die den Vorübergehende.! verkünden, dass die Aera der Verfolgungen zu Ende ist. Noch jetzt müssen allerdings unsere Schulen als Asyl dienen. Sobald ein Jude sie betreten hat wird er unverletzlich und niemand hat das Recht, ihn dahin zu verfolgen. Oft haben in ihnen ganz* Familien Zuflucht gefunden, bis wir die nötigen Garantien zu ihrem Schutze erlangt batten. Auch ausser unsern Schulen haben wir das Interesse der Gemeinde wahrgenommen. Die Vertreter der Alliance in Persien haben ihr Amt nicht als Siuccurc, sie sind nicht nur Lehrer und Verwalter der Schulen. Gegenüber dem politisehen Regiment des I.atidcs. den halb barbarischen Sitten seiner Bewohner, der räuberischen Habgier der Beamten, dem Fanatismus der Priester und der on'eukundig feindlichen Haitung der Muhammedaner sind wir in die Zwangslage versetzt,