Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1904-11-04 · Heft 44 (4.11.1904) · page 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
IX (1904)
Issue
Heft 44 (4.11.1904)
Date
1904-11-04
Page
– (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2651273-2651341-2651385--01776-2658649
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 44. Seite 376. tung gibt. Denn wie zu des seligen Plehwe Zeiten, werden darin die Juden verantwortlich gemacht für die Schuld der Intendantur. Das Dementi ist ein weiterer Beleg für die Behauptung des Fürsten Trubctzkoy. Professor an der Universifüt Kiew, in No. 39 der russischen Wochenschrift ״Prawo“. dass rr.1 gegenwärtigen Augenblick nicht die russische Armee, sondern die Bürokratie geschlagen werde, die in ihrer beständigen Angst vor einem inneren Feinde Russlands nicht die Zeit gelassen habe, sich gegen den üussern zu rüsten. . . . Der j interessante Aufsatz ist wohl der Beste, was seit 40 Jahren in einem russischen Blatt gestanden hat. Inzwischen haben verschiedene neue Nachrichten über Reservistcnunruhcii gezeigt, dass die V. Z. doch zu optimistisch urteilt. Alle haben mit Plünderungen der Branntweiutrafiken begönnen und mit Mord und Plünderung der Juden geendet. Petersburg. Unter Alexander III. wurden bekanntlich den Juden, welche aus Russland auswandern wollten, viele Begflnstigungen gewährt, darunter auch Fahrtcrmässigungen auf den russischen Eisenbahnen. Nunmehr ist. wie der ..Regierungsbotc” meldet, für jüdische Auswanderer diese Fahrtbegünstigung noch erhöht worden. Jüdische Auswanderer, welche ein Zertifikat der ״Ica“ verweisen ,erhalten mm auf allen russischen Eisenbahnen Fahrkarten dritter Klasse mit einer Ermüssigung von 75 pCt. des Preises. Belostok. Die Zeitschriften ״Sapadnafa Okraina” und ״Rossifa” berichten über einen mehr als charakteristischen Vor-! fall, welcher sich dieser Tage im Bahnhöfe von Belostok abgespielt hat. Die Einberufungen der jüdischen Aerzte aus allen Städten und Städtchen im Niederlassungsgebiete und die Ent- Sendung derselben nach der Mandschurei haben in letzter Zeit ihren Höhepunkt erreicht. Es werden fast alle jüdischen Aerzte nach der Mandschurei geschickt Auch der Ordinarius des jüdischen Spitals zu Belostok, Dr. A. Epstein, wurde cinberufen. Am Tage seiner Abreise fanden sich viele Verehrer und Kollegen des Dr. Epstein auf dem Balmhofe ein, um sich von ihm zu verabschieden. Mit Rücksicht auf die grosse Ueberfüllung der Bahnhofs*artesäle begaben sieh die Aerzte Pines, Dienensolm und Wcinrich zum Vorstand und baten ihn. die Paradezimmer des Bahnhofes für die Abschiedsfeier öihien zu lassen. Darauf erwiderte der Vorstand schari: ״Für einen Saujuden werde ich die Paradezimmer nicht öffnen lassen!“ Diesen Satz wiederholte er einigemale. Die medizinische Oe- Seilschaft in Belostok. deren Mitglied Dr. Epstein ist. hat unter Vorsitz ihres Präsidenten Dr. Walther eine ausserordentliche Sitzung abgebaltcn und beschlossen, den Gouverneur von Qrodno. von diesem Vorfall zu verständigen und ihn zu ersuchen, für die beleidigte Aerztekorporation einzutreten. Slotferopol. Wie der ״Krymskij VVfestriik" meldet, ist ein Zirkular berabgelangt, wonach die Juden K״l1en und Himmcliarb, welche seit 20 Jahren als Mitglieder des Ortsschulrates iungieren, aus der Mitgliederliste gestrichen werden müssen. Die jüdische Gesellschaft fühlt sich dadurch um so mehr gekränkt, als der Gouverneur von Taurien gegen Koben und Hinmiclfarh nichts einzuwenden fand. Die russischen Juden und der Krieg. Der Korrespondent der ״Deutschen Warte“ in Konstantinopel schreibt: Bis noch vor ungefähr vierzehn Tagen war es der jüdischen man»- liehen Bevölkerung jeden Alters in Russland erlaubt, das Lind zu verlassen. Eine Ausnahme wurde nur in den Gegenden, in welchen mobilisiert wurde, gemacht. Jetzt aber werden weder steliungspflichtigc noch der Reserve angehörende Juden hinausgelassen. Da diese Massregel vorauszuseheit war. ver- Hessen eine grosse Anzahl noch nicht cingezogener Männer teils allein, teils mit Familien das Land, um in der Ferne eine neue Heimat zu suchen, soweit in diesem Falle überhaupt von einer solchen gesprochen werden kann. Die Szenen, welche sich beim Einschiffen der Familienväter und der männlichen Mitglieder einer Familie bei der Trennung von ihren Augehörigen in Odessa abgespielt, müssen wirklich ergreifend ge-, wesen sein, wie sic Augenzeugen schildern. Ein grosser Teil der Auswanderer hat sich nach Ncu-Seeland. Argentinien und Nord-Amerika gewendet. Von denen, welche Kcnstantinopct י passiert, sind ungefähr hundert Familien hier zurückblieben. die die Not unter der bedürftigen jüdischen Bevölkerung noch vermehren. Sic arbeiten für die Hälfte des bisher schon kärglich genug bemessenen Lohnes und nehmen den bisher Beschäftigten die Arbeit. Viele haben sich auch auf den Handel geworfen. wieder andere Magazine für ihr Handwerk oder Gastwirtschaften eröffnet. Trotz der Verweigerung von Pässen gelingt die Auswanderung mit Hilfe des Rubels immer noch, für den im heiligen Russland eben alles feil ist. Dass die Juden sich nicht nur gern der Militärpflicht in Russland zu entziehen suchen, sondern vor allem ihre Einberutung zum Kriegsdienst durch Auswanderung vereiteln, darf hei de« russischen Verhältnissen nicht wundernehmen. Bei gerechter Beurteilung!» der Lage der russischen Juden ist es nur zu natürlich, dass sie weder Liehe zu dem Laude noch selbstlose Hingabe für den Herrscher desselben haben. Von den seitens des neuen Ministers, des Innern gemachten Versprechungen, betreffend die ihnen einzuräumemlcn Freiheiten, halten sie durchaus nichts, dt dies eben wie schon so oft früher nur Versprechungen bleiben werden, die nur durch die äugenhiickliche Notlage des Staates erpresst sind. Die roten Flecken von Kischinew lassen sich auch trotz aller schönen Worte nicht so leicht verwischen, und dass in der Judenfrage alles beim alten bleiben wird, haben die noch vor 4 Wochen in der Nähe von Warschau und Kiew begangenen Ausschreitungeii und Plünderungen bewiesen. *■ Kleine Chronik. Zur' PoK'npolitik Fingt die ..N ׳» t i ״ n 1 ב - Z e i t u t! g" in ihrer Nummer 555 einen .Auszug aus einem Artikel der ״Nat.-Lib. Korr.", in dem die in den Ostmarken fortschreitende Verminderung der Einwohner jüdischen Stammes und die Ursachen dieser vom Standpunkt der staatlichen Polen- Politik zu beklage:!Jeu Erscheinung in sachkundiger W eise dargetan werden. Dazu schreibt R e c!1 t s a n w a 11 Makowcr: Jener Artikel ist als Anzeichen dafür zu hegrüssen. dass endlich, nach langem Zwischenraum, wieder die Einsicht zum Durchbruch zu kommen anfängt, wie der Staat, wenn er jene den Juden ungünstige Entwicklung in den Ostmarken fördert oder auch nur duldet, seine eigenen Interesse!: auf das erhebliebste verletzt und kräftige Pferde hinter d*»n Wagen spannt, der durch die Ansiedelimgsgesetze!md andere Massnahme!» nach vorwärts gezogen werden soll. Gerade weil jener Artikel in diesem Sinne begriisst werden kann, ist vielleicht auch der Zeitpunkt gekommen, wo mau wieder hoffen darf, auch mit dem Hinweis auf eine andere, in dem obenerwähnten Artikel nicht genannte, aber wohl ausschlaggebende und durch einen Federstrich des Ministers des Innern behebbare Ursache jener Verminderung gehört zu werden. Diese Ursache!•'egt in der systematischen Verhinderung einer Einwanderung von Juden der östlichen Staaten nach Preussen. verbunden mit der polizeilichen Ausweisung solcher dennoch eingewänderter Juden und der Ablehnung ihrer Gesuche um Aufnahme als prcussische Staatsangehörige. Bis zum Anfang der achtziger Jahre liess die Verwaltung mit gewissen Beschränkungen zu. dass der Abfluss von Juden aus den Ostmarken nach Westen sich durch Zuwanderung über die östliche Grenze bis zu gewissem Grade ausglich. Dann, der gegen d:e Juden beginnenden Strömung nachgebend, sperrte sic die Grenze für Netieinwanderer. wies selbst Familien, die?1! Jahre, ohne den geringsten Anstoss zu geben, in Deutschland gelebt hatten, über die Grenze zurück und fahndete auch in der Folgezeit auf jeden russischen oder österreichischen Juden, der etwa den staatsgefährlicheu V'ersuch machen wollte, auf Dretissischem Boden sich dauernde Beschäftigung zu suchen. Im Laufe der Jahre ist an manchen Orten die Handhabung dieser .Massregel!: vielleicht etwas milder geworden: sachlich werden sie aber auch heute noch Uurchget'ührt. Jetzt beginnen die unerwünschten Folgen sich in den Ostmarken zu zeigen. Daher wird von neuem kühl zu erwägen sein: ist die Einwanderung von Juden über die Ostgrenze dem Staat überwiegend schädlich oder überwiegend nützlich? Schädlich wäre sie insofern, als durchschnittlich die Juden der östlichen Nachbarländer kulturell zwar höher stehen als die Landbevölkerung der deutschen Ostmarken, aber doch etwas niedriger als durclischmttlicli die Juden Deutschlands. Mithin ist zuzugeben, dass in geringem Umfang der Staat und in etwas höherem die betreffenden Gemeinden gewisse Aufwendungen, namentlich auf dem Gebiete de»־ Schule, zu machen hätten, um den Kulturstand der Einwanderer zu heben. Ebenso ist *ztizageben. dass durch eine solche Einwanderung vorübergehend auch Erhöhungen der Anncniastcn cintreten

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.