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Jüdische Rundschau · 1904-10-21 · Heft 42 (21.10.1904) · page 10

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
IX (1904)
Issue
Heft 42 (21.10.1904)
Date
1904-10-21
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 350. JÜDISCHE RUNDSCHAU. No. 42 tiiiircii. Seitdem die Misrachifrage aktuell geworden ist. hören in den Ortsgruppen die Diskussionen über religiöse Fragen nicht auf. die ganz natürlcli sind, wenn die Misrachi ihre Existenzbcrccht gung verteidigt, aber die Ortsgruppen vereinigen Mitglieder aller religiösen Schattierungen, nicht blos Angehörige der Orthodoxie, welche daher diesen Oppositionen über die Vorzüge der einzelnen religiösen Richtungen nur ganz geringes Interesse entgegenbringen, welche v'elmehr der Ansicht sind, dass sic aus den Diskussionen der Ortsgruppen ansscheiden sollen. Ist es daher den Misrachistcn Ernst mit ihrer Angabe, dass es hnen ferne liegt. 1'iir ihre religiöse Ueberzengnng Propuganda unter den Zionsten zu machen, woran ich nicht zweifle. so hegt es auch in ihrem Interesse, dass die Frage ihrer besonderen Gruppierung, in welcher sie über religiöse Fragen nach Belieben diskutieren können, möglichst bald geregelt werde. En Bedenken wird, w'e die Sache in der aiigedeutetc.i W eise geordnet ist. auch dann noch bestehen bleiben. Es ist die Möglichkeit vorhanden, dass die neue Fraktion ihre nun einmal vorhandene Organisation dazu benutzen wird, um auch bei den Wa h I c n geschlossen in Aktion zu treten. Es könnten dadurch leicht Majorltätswahlen entstehen, hei welchen das religiöse Moment den Ausschlag gegeben hat. Doch dürfte ich vielleicht hierin zu schwarz sehen oder doch schon der Hinweis auf die dann entstellenden Nachteile genügen, um derartige Gelüste bei einzelnen Fraktionen von vornherein nicht atiikonimen zu lassen. Dr. Hanauer. Frankfurt a. M. VIII. Noch einmal Misrachi. j Eine Erwiderung. \ Mein Artikel über den Misrachi in Ne». •10 der .Jüdische!; Rundschau" hat natürlich nicht die Zustimmung aller Gesinnungsgenossen gefunden. Zu meinem Erstaunen war aber Herr Dr. Adler-I.üheck der einzige, der meine Ausführungen du־׳ch eine Reihe sachlicher Argumente zu entkräften versuchte. Die Herren Dr. Loewe und Sondlieimer traten im grossen! Ganzen meinen Anschauungen bei, während Herr Dr. Katz. der 1 mV im Kern der Sache ebenfalls zur Seite stand, die in je .ein Artikel angeblich zum Ausdruck gelangende Intoleranz, euergisch zurückwies. Bravo! Ich rufe immer Bravo, wenn einem •n religiösen Dingen intoleranten Menschen gründlich!:einigej leuchtet wird. Aber mir gegenüber war deser E.itriistungs- | sturm eine unnütze Kraftverschwendung. Ich war nicht wenig! verblüfft, als ich plötzlich in mir einen Feind der jüdischen Religion erblicken musste, e'nen gehässigen Hetzer gegen meine I strenggläubigen Stammesgenossen. Ich glaubte für di״ Erhai- ' tung des religiösen Friedens in der Partei eine Lanze zu brechen.! ich erhob gegen den Misrachi die Klage wegen Ruhestörung I und muss nun selbst als Friedensbrecher aufs Armesünderj bänkchen. Das ist beinahe tragisch. — Hätte Herr Dr. Katz! mit seinen Vorwürfen recht, so wären meine Worte nicht nur ' in hohem Masse unklug und taktlos, sondern zugleich auch die Verleugnung eines meiner Grundprinzipien. Ich habe naml cli im Lauf der Zeiten enge Freundschaft mit den! Gedanken geschlossen, dass es für die Erträglichkeit des irdischen Daseins weniger wichtig sei, die reine Wahrheit zu ergründen, als das Mittel zu entdecken, wodurch mau sein Lebe!! möglichst glücklich gestalten könnte. Und wenn nun jemand in dieser oder jener religiösen Anschauung sein Glück gefunden hat. sollte ich's ihm trüben oder zerstören? Nun, Herr Dr. Katz hat nicht recht. Es fiel mir gar 1t eilt ein. gegen jüdische Fron!- migkeit und Gottesfurcht zu Felde zu ziehen, und ich bedauere, dass man mich derart missverstanden hat. Die Ursache dieses Missverständnisses liegt in dem unglückseigen Ausdruck ..Orthodoxie;" dem Judentum ist dieser Begriff absolut fremd und wurde bei uns eingcschleppt durch eine Assimilation au die Verhältnisse 1׳er christlichen Konfessionen. So seltsam es auch klingen mag; wir haben eine ganze Kategorie ״gesetzestreuer Juden.** für deren Denkweise die christliche Orthodoxie vorbildlich war. Diese Anpassung hat in der Tat genug böse •Früchte gezeitigt. Von den Pietisten der christlichen Kirchen hat man gelernt, wie man einen Giordano Bruno, einen Köpernikus und einen Galilei unschädlich macht, und nach dem Beispiel christlicher Eiferer gebe* man allmählich auf die fixe Idee, dass das jüdische «lese;׳ mi. daun erhalten bleiben könne, wenn man die Wissenschaft, die Bildung und den kultureüen Fortschritt d ־r Mcnschhe t unterdrücke. i:1 Wahrheit aber kennt die Lehre des Judentums derartige Grundsätze n’cht. sie offenbart sich nirgends als eine Feindin der weltlichen Weisheit, ja sie hat zu allen Zehen d:e Besten in Israel zu philosophlschen Betrachtungen, zum Studium der Philosophie angcregt. Der Hass gegen Wissenschaft und weltliche Bild:!;:׳״ blieb der in ihrem ganzen Wesen unjüdischen ״Orthodoxie" Vorbehalten, der ebenbürtigen Schülerin des fannt:sche:1 Pfaffentums, des Klerikalismus. Diese ..Orthodoxie," die in gleicher W eise wie die ..Reform" das Judentum zu eine•־ Glaubensgcmehschait herabzusetzen bemüht ist und in ihrer fit־.- steren Beharrlichkeit alle Lcbensregungcn des jüdischen Volkes zu ersticken strebt, diese ״Orthodoxie“ werden wir nicht schonen. Nicht gegen das Festhalten an Thora und lahnud habe icii mich gewandt, sondern gegen d:e nacligeahmte unjiidische u1׳d unduldsame ..Orthodoxie." die vornehmlieh in Ungarn und im Jiden Deutschland:• ihr Haupt erlich, und 1,1111 leider auch auf den Misraclu-K'onfcrenzen in London ünd Pressb״rg deutlich zu!״ Ausbruch gekommen ist. Diese ..Orthodoxie", die durch den Mainzer ״Israelit", durch die Herren James H. Loc'*׳e. Rabb. Fmk und v'clc andere vertreten wird, müssen wir als kulturfeindlich bezeichnen. Ihre Anschauungen und Begriffe sind es. \״n denen ich sprach, dass ich d:c Schmach nicht erleben möchte, sic von der Tribüne des Kongresses aus predigen zu hören. Und wenn sich der Misrachi in seiner Majorität mit den Ideen jener Herren einverstanden erklärt, dann g It das gleiche Urteil über ihn. — Aber nun? Ist das etwa ein Kampf gegen die Thora? Können dadurch die Gefühle frommer Juden verletzt werden? Israeliten aus Egvpten das älteste grosse Ereignis ist. auf! dem alle spätere Entwickelung beruht, oder ob man es hier mit! einer in spätester Zeit erfundenen Tendenzlüge zu tun hat. Die j kleine Spiegelberg'sche Arbeit hat den grossen unschätzbaren j Vorzug, dass sie keine theologische Arbeit ist und sieb, bemüht. [ historisch der wirklichen Entwicklung uaehzugehen. Es mag wohl sein, dass er noch weit von der Wahrheit entfernt sein I mag. aber auf diesem Wege ist sie zu suchen. Das Verdienst! des Ägyptologen, der unbefangen an die Prüfung dieser Frage * Herangetreten ist. kann darum gar nicht hoch genug eiligej schätzt werden. Jeder, der sich ernsthaft ein Bild von dem! machen will, was man schon heute über den ägyptischen! Aufenthalt Israels wissen kann, muss das kleine Spiegeibergschc j Buch zur Hand nehmen, das ausserdem den Vorzug hat. auch j dem gebildeten Laien durchaus verständlich und flüssig und! elegant geschrieben zu sein. Die grosse Reihe von vorzüglich j wiedergegebenen Abbildungen, der vorzügliche Druck, das gute j Papier, überhaupt die ganze Ausstattung der vortrefflichen; Schriftchens lassen den Preis von 1 Mark als einen massigen j ei scheinen . Wir empfehlen allen Freunden historischer For-! schung und insbesondere den Liebhabern unserer alten natio-; nalen Geschichtsforschung die Spiegeibergschc Schriit aufs angelegentlichste. Niemanden wird die kleine Ausgabe gcreuen. E I j t\ q i m. Wenn Je eine Frage In den Vordergrund des öffentlichen Interesses gerückt Ist. so ist es die Lösung der Judenfrage in Russland. Eine autorisierte deutsche Ausgabe von dem Werke j des Brüsseler Professors Leo Errera: ״LcsJuifs Russe s. ' Extermination 011 Emancipatio 11" ist im Verlage von Schulze u. Co.. Leipzig (Preis 2 M.). unter dem Titel ..D i e russischen Juden. Vernichtung oder Befreiu n g?" mit einem Begieitvort von Theodor M ommsen auf dem Büchermärkte *.־schienen. Der Verfasser. 1er mit bestimmtem, unanfechtbar glaubwürdigem Material au die Ocffentliclikeit tritt, kündigte beim Erscheinen der ersten Auilagc seines in französischer Sprach, erschienenen Buches neue Gewalttätigkeiten an. die sich leide durch die brutalen Massakrcs der ]fingeren und jüngsten Zeit mehr als bestätigten. Worauf es ihm bei einer Würdigun.; obiger Frage ankonmit, ist erstens, den Ucbertreibungen entgcgcur.utrctcn. in denen die von Hass eingegebenen Berichte über die jüdische Bevölkerung Russlands gehalten sind um! zweitens das Verständnis dafür zu erwecken, dass das Problem nur gelöst werden kann, wenn die unglücklichen Opfer einem menschenwürdigen Dasein wiedergegeben und nicht permanent neuen Vergewaltigungen ausgesetzt werden. Der Verfasser stellt uns nun vor die Frage: ״Welche Wege für eine Lösung der russischen Judenfrage bieten sich?" und bringen die toigcmlen zur Sprache: Soll sic in der Vernichtung des ganzen Jüdischen Volkes bestehen? Oder vielleicht die Massentaufe? Dagegen hat er die wichtigste Frage, die allein eine Lösung der Judenfrage und der russischen Judenfrage insbesondere enthält

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