Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- IX (1904)
- Issue
- Heft 42 (21.10.1904)
- Date
- 1904-10-21
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Sie dürften .׳recht haben, wenn Sie für den kommenden Winter eine intensive und erfolgreiche Tätigkeit der deutschen Organisation erwarten. Schon jetzt zeigen sich die günstigen Wirkungen der auf dem letzten Delegiertentag beschlossenen Neuordnung der Dinge. Von Berlin aus weht ein frischer Hauch über ganz Deutsch- 1 land, und die zahlreichen Hirtenbriefe, belehrend und ' mahnend, bittend und fordernd, finden als nunmehr offizielle Kundgebungen die nötige Beachtung. Mit grossem Beifall bedacht wurde auch die neue Einrichtung, dass die zionistischen Scluiflein auf ihre Anfragen bei den pp. Oberhirten Antwort erhalten. Wie segensreich aber die Zentralisation sicli erweist, so muss doch nachdrücklieh darauf hingewiesen werden, dass die Gruppenverbände nicht nur dekorative Bedeutung haben. Sie müssen mit der Peitsche hinter ihren Ortsgruppen stehen, zusehen, was not tut, loben und tadeln. Der Gruppenverband soll nicht im Hurratempo gebildet werden, sondern erst nach sorgfältiger Ueberlcgung. Können Sie es be• greifen, werte Freundin, dass in den Verband ein Herr gewühlt wird, der die ihm für seine Ortsgruppe zugesandten Schekelbücher in demselben Zustand zurückschickt, in uem er sie erhalten hat, ia ohne für sich selbst den Schekel entrichtet zu haben? Das ist neulich vorgekommen. Nur verlässliche Leute gehören in den Qruppenverband. Er muss Initiative haben, Anregungen geben und die gemeinsamen Interessen der ihm unterstellten Gruppen waUmelimen. Mit Gruppengrimdungen soll er sehr vorsichtig sein. Wo aber einige treue Gcsinmmgsgenossen sind, da darf nicht lauge gefackelt werden. Totes Kapital, unverbrauchte Arbeitskraft darf’s bei uns nicht geben. Und da bin ich bei einem Punkte angelangt, über den ich.Ihnen eine kleine Vorlesung halten möchte. Sie haben sich, verehrte Frau, gewiss um unsere Bewegung Verdienste erworben. Auf keinem Kongress fehlten Sie, Sic geben stets mit vollen Händen, wenn es einmal an den nötigen Barmitteln mangelt. Sie haben uns durch Ihre wertvollen Beziehungen manchen guten Dienst geleistet. Unsere Zeitschriften aus aller Herren Länder fluten auf Ihren kleinen Mahagonischreib• tisch, Und mit unsern Führern verbindet Sic ein reger Meinungsaustausch. Aber alles das genügt mir nicht. Was ich verlange? Steigen Sie herab zu uns, zum profanuni vulgus! Zeigen Sie sich in unserer Ortsgruppe, in den Versammlungen! Wir haben die allgemeine Wehrpflicht, sehr Verehrte, auch für Frauen. Ausser ihm, der in dem schwarzen Kähmen über Ihrem Schreibtisch hängt, ausser ihm und seinen Nachfolgern müssen wir alle in den Nahkainpf. Die Arbeit des einfachen Soldaten ist die wichtigste. Jeder zerbricht sich tei uns den Kopf über Fragen der hohen Politik. Meinetwegen, aber bitte abends im stillen Kämmerlein nach getanem Tagwerk. Man spottet' mitleidig lächelnd über unsere Organ!- sationsjiidischkeit. Wir dürfen es ruhig zugeben, unsere Organisation ist nicht nur Mittel zum Zweck, sondern auch Selbstzweck. Organisation ist Subordination, und ein Quentchen Subordination fehlt uns Juden noch, man sage, was man wolle. Das beweisen am besten jene spöttelnden Outsiders. So ist schon unsere Organisation —־ zweifellos die beste innerhalb der Judenheit ein grosser Erfolg. Haben Sie von jenem Abkommen gelesen, das die Mannheimer Ortsgruppe mit zwei dortigen jüdischen Vereinen getroffen hat? Die drei Vereine haben sich zur gemeinsamen Abhaltung von Vortragsabenden zusammengeschlossen. Es ist sehr zweckmässig, wenn wir uns gegen andere jüdische Organisationen nicht hermetisch vcrschlicssen. Das jüdische Leben wird in Mannheim durch die gemeinsamen Vorträge gehoben werden. Wo aber echt jüdisches Leben blüht, da blüht auch der Zionismus. Unsere Ortsgruppe feiert morgen ihr zweijähriges Bestehen, trotz der Prophezeiungen des Justizrats Grün und des Bankiers Blau, welche ihr eine nur zweimonatige Lebensdauer voraussagten. Wir halten zu Ehren des Tages eine Versammlung ab. Gestatten Sie mir gütigst. Sie morgen Abend abzuholen, sammeln Sie Stanniol und seien Sie gegrüsst von Ihrem sehr ergebenen Naphtali. ו