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Jüdische Rundschau · 1904-09-23 · Heft 38-39 (23.9.1904) · page 11

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
IX (1904)
Issue
Heft 38-39 (23.9.1904)
Date
1904-09-23
Page
– (sequence 11)
Language
German
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No. 38/39. .413 JÜDISCHE RUNDSCHAU. Seite די.— יל■! ..t*־״״־*. 1■^״■׳ . —■׳!.ו ■!. — ״ ■ ו, ■■ 1 ■1 < ... , ..,n.. ■ —.- »■■ ■. ■ .. ׳ es Ist nicht, abzuleugnen, dass damals unter dem King Pharao e’riige meiner Vorfahren für Ramessu und Pitessu die Ziegel streichen mussten. Nachher taten sie das Beste, was sie in dieser fatalen Lage tun konnten, sic kratzten aus, und King Pharao lief immer hinter ihnen her; aber während sie — Wunder der Wunder — trocknen Fusses durch das rote Meer kamen, ertrank King Pharao und seine zahlreiche Armee in den wieder zusammcnpralicndcn Fluten. Man kann nebenbei die Geschichte an geeigneter Stelle nachlesen. Ich persönlich habe sie im Magen, denn dieses Ziegelstreichen und Auskneifen ir.e’ner Vorfahren hat mich heute nach drei Jahrtausenden und etlichen - » . .; Jahrhunderten, heute, nachdem 120 Generationen darüber weggestorben sind, 50, in Worten fünfzig Pfennig gekostet. Denn der Zufall will es, dass ich mit den Rasscncigcntümlichkeitcn meiner Urväter.auch die Religion geerbt habe, und das ist mir von dem Standesbeamten verargt worden, dem ich die Geburt einer Tochter meldete. Fs wurde mir da. bemerkt, dass ich eine Geburtsurkunde nur gegen eine Zahlung von 50 Pfemigen crlrclte, denn die Geburtsurkunden würden nur zum Zweck der ״Taufe“ gratis und franko ausgestellt, und da das Kind voraussichtlich ln der Religion den Eltern folgen sollte, so läge kein Grund vor, dem kleinen schreienden Wesen sein Ersehenen an dieser fragwürdigen Stelle nebst Ort und Stunde der Ar'.unft, Ruf- und Vatersname?» zu bestätigen. Ich stand da in einem schweren Dücmmna: Die Zeiten sind schlecht; das Geld ist knapp, iünfzig Pfennig ist in Brot r.r.gesetzt 60 Zentimeter lang, sind 20 Schrippen oder 2 Kol.’.'•:Spie, oder ein halbes Pfund Fleisch mittlerer Qualität; aber die Taufe, sagte ich mir, ist vielleicht noch kostspieliger und dann haben 120 Generationen vor dieser kleinen Dame die Zugabe der Religion mit in den Kauf genommen, und warum soll sic denn r.Ieht an dieser alten Ueberlicfcrung festhalteri? Gewiss ist cs ja in Deutschland nicht angenehm, dieser Ueberlicfcrung treu zu bleiben, und die Kleine wird deshalb auf der Schule und später Im Leben manchen 'Missheiligkeiten ausgesetzt sein, d?c schwerer schmerzen, als die Hingabe eines Fünfgroschpnstückes. Aber vrtr wollen nur dabei bleiben! Solch Zcttelchen Jedoch muss sie haben, auf dem alles, auch alles schwarz auf weiss, klipp und klar zu lesen ist;'denn wie soll sie später der Welt gegenüber beweisen, dass sie überhaupt geboren •ist; wie will sic das sonst erhärten und wie will ich einmal der Kleinen gegenüber meine väterliche Würde unterstützen,' wenn sie obstinat zu mir Onkel sagen wird. Ade Fünf- ■ Die drei Mütter, ״) Der für den ersten Neujahrstag bestimmte Festabschnitt versetzt uns in eine kirnst- und prunkiose Zelthütte. die. trotz ihrer Schlicht- und Einfachheit. dcmoch nicht selten von gekrönten Häuptern aufgesucht w'rd (Gen. 21. 22). Ein trautes, hociibetactcs. durch seine ״Mildtätigkeit. Gastfreundschaft und .heisntellose Menschenliebe weithin gekanntes Ehepaar — er ein hundertjähriger, ehrwürdiger Greis aus dessen Auge Milde und Liebe atmet: 'sic. eine an der Schwelle der 90 stehende, fotzden» aber noch fast jugendlich scheinende Eraucneestalt. über deren cdclgcschn’ttenc Züge der ganze Licbre'z der weiblichen Vollkommenheit hingegossen scheint — sind die friedlichen Bcwolmer iencr Hütte. Doch'ivebt Immer bl׳'eb;dns Glück hold unsere Zeitbewohnern. Sie hatten viele trübe* Stunden durchlebt. Beide machten oft schwere Prüfungen durch: M;Hal und Fährnisse des Lebens mannigfachster Art blieben ihnen rieht ersnart; gleichwohl blieben s:e unerschütterlich in ihrem Gmticsvertrauen; Dieses Vertrauen bleibt nicht unbclohnt. Ihrer bc’der sehnlichster Wunsch, nachdem •sic ihn längst aufgegeben, geht in Erfüllung: das Unglaubliche wird an ihnen glaublich. Denn siehe. Sara, trotz der Jahrzehnte neun, die über ihren» H.vcote dahingerauscht, sie halst emen Säugling, weichem sie das Leben geschenkt, und indem sic ihn mit der ganzen Glut der Mtrter- Hebe an ihren Busen drückt bricht sie, von» Glücke überwältigt, in die Worte aus: ״Eine Freude hat mir Gott gemacht, wer es höret, xyird sich. 1»1it mir ireuen! (Gei:. 21. 6. S. das Targum .•*) Zur Röseii-hasch-sclianfUmummer verspätet eingegangen. gruschenbrot, ade Kohlkopf und Flunder, ich bestelle• ein© Qe-( burtstagsurkunde. . ..;'״ . •,•־■... Nebenbei glaube ich nicht, dass auf allen Standesämtern die Praxis so gchandhabt wird, aber das Standesamt Wilraers-. dorf tut es. Seltsame Welt, nichts ist da umsonst, nicht Leben, nicht Sterben, und wenn du den Beweis führen willst, dass du geboren worden bist, kostet’s fünf Groschen — d. h., wenn deine Vorfahren für Ramessu und Pitessu die Ziegel gestrichen habend^ , Jüdischer Religionsunterricht kein obligatorischer Unterrlchtsgegcnstand. An dieser Steile wurde kürzlich über ein aufsehenerregendes Urteil der Strafkammer berichtet, das In nackten Worten ausführtc, der Jüdische Religionsunterricht sei kein obligatorischer Unterrichtsgegcnstand, cs könne demzufolge wegen Versäumnis desselben nicht auf Strafe erkannt werden. Gegen das besagte Erkenntnis ist die Revision cingelegt worden. Da die Tageszeitungen das Osnabrücker Urteil fast durchweg als unzutreffend und unhaltbar beleuchtet haben, dürfte cs von allgemeinem Interesse sein, dasselbe seinem wesentlichen Inhalte nach zu bringen. Gründe: Die tatsächliehen Fcsstcllungen des Vorderrichtes sind nicht bemängelt, rechtfertigen sich auf Grund der Hauptverhandlung in der ersten Instanz und werden deshalb aufrecht erhalten. Die kgl. Staatsanwaitschaft hat geltend gemacht: Nach einer noch Jetzt beste-• licndcn Mimstcrial-Bekanntmaclmng vom 19. Januar 1S-H hätten die Vorsteher der jüd. Gemeinden darauf zu halten, dass die schulpflichtigen jüdischen Kinder d'c Jüdischen Schulen gehörig besuchen, sofern sic nicht in christlichen Schulen unterrichtet werden. Dabei sollten die nämlichen Zwangsmittel gegen die jüdischen Schulkinder und ihre Eltern stattJir.den, wie gegen die claristIicL.cn Schulkinder und ihre Eltern. Demnach stehe also der obrigkc’tlich eingerichtete Jüdische Religionsunterricht dem Unterricht in der Volksschule gleich und finde wegen etwaiger Versäumnis auch die Vorschrift des § 125 des harnt. Polizeistrafgesetzes Anwendung. Da aber nach dieser Gesetzes-' stelle zunächst mit einen» Verweise Von zuständiger Seite vorzugehen sei. so werde um Vertagung der Hauptverhandlung gebeten, damit das Erforderliche wegen des Verweises nachgcholt werden könne; eventl. werde sofortige Bestrafung des Angeklagten beantragt. Die Berufung ist indessen sofort als unbegründet zu verwerfen. Das Schulwesen der -Juden in. der Prov. Hannover hatte seine Regelung durch das hannov. Gesetz vom 30. September 1SI2 über die Rechtsverhältnisse der Juden hinzu). Und cs hörten cs viele und es freuten sich ihrer alle und sie erkannten, dass der Ewige die Welt reg’eret und die Gebete derer erhöret, die auch ihn mit ganzem Herzen vertrauen. — — . ־.• ׳ Doch welche Bewandtnis hat dfes mit unsprem Feste? Die, dass, wie unsere \Vc:sen sagen: נר׳ד. נ5כיח שיד, רדד והנח' drei Mütter. Sarah. Rachel und Hannnli. am Neuinhrsfeste bcdacht worden sind mit Kindersegen. (Rosch-hn$ch-Schanah 11a). Es war dies kein Zufall, dass die drei Mütter an dem einen imd demselben Tage ,bedacht worden sind: denn wo Gottes־ Walten so .deutlich hervortritt, kann von Zufall n׳cht die Rede sein. Wie denn auch sicherl:ci1 nicht ohne Grund uns die Welsen auf jc״e Dreiheit verweisen. Der Grund ist nicht schwer . einzusehen. Wenn wir .von dem lnbvlonischcn Exile. welches verhältrvsmässig von sehr kurzer Dauer war. abschcn. stand dem .lüdeoiume eine lärme Leidens; eit bevor, die. ir» Ansehung der Gefahren, weiche ihm im Verlaufe drohten, drei Enochen bildet, die wie drei Marksteine liervorraeeo aus den» Wege, weichen cs bis heute zurückeelept. Wir wollen diese Ocfahren jede besonders näher ins Auge fassen. — ־ Die blutigen Kämnfe. die Verräter aus eigene: MMte zum grossen Teil! heraufbesnhworen. denen Juda mit seiner Handvoll echt iiieiieh gesamter, für Vaterland und Nation pleichbceclsterter Krieger kaum gewachsen schien, endeten mit einem so piänzenden Siege, dass ihm kein zweiter an die Seite gestellt werden kann. Gedemiiiiet lag darnieder der Svrer. gebrochen sein' Hochmut, geschlagen sc’nc an Zahl wc*t überlegene Streitmacht. War damit die Oefahr abgetan? Für alle Zeiten abgetan? Vielleicht wäre sic es gewesen: allein innere Zerwürfnisse sorgten leider dafür, dass sie cs nicht sein soll. Leider immer wieder

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