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Jüdische Rundschau · 1904-09-09 · Heft 36 (9.9.1904) · page 11

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
IX (1904)
Issue
Heft 36 (9.9.1904)
Date
1904-09-09
Page
– (sequence 11)
Language
German
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•No; 36. i JÜDISCHE RUNDSCHAU. - Seite• 393. ■ ( ' ■■■ ■ ■ —•.— ■ ■ -:■ ך־ כם־־ Sprechsaal. . 1—r Für die MHteUungeh an dieser Stelle übernimmt die . Redaktion nur dJe.prcssgesctzlichc Verantwortlichkeit. Die ungarischen Protest-Rabbiner. Wie uns der arme ״I s r a c 1 i t” (mein Jüdisch-nationales Mitleid regt s.ch) hoch erfreut und mit offener Schadenfreude verkündet, haben die 'ungarischen orthodoxen Rabbiner den Zionismus in Acht und Bann getan. ״Denn,“ heisst cs da. ״der Zionismus ist keine blosse KolanisationsbewcKtmg. keine Be* wegung. die de armen Juden aus ihrer sozialen und geistigen Not befreien will, mit einem Worte, eine soziale, sondern eine kulturelle Bewegung. Dies aber ist gegen die Thora und entreisst vor allem dic'Jugend dem ־ Judentum.“ Also diese Herren Rabbiner unterscheiden zwischen einer Sozial- und einer Kulturbewcgung. Wenn Jemand den Untersenied zweier Begriffe konstatiert, ist es selbstverständliche Voraussetzung, dass er die Definition und.den .Inhalt dieser Begrffe kennt. Dass dies bei den ungarischen Protest-Rabbinern nicht der Fall ist, dass ihnen die Kenntnis der sozialen Verhältnisse im Judentume vollständig abgeht, dass s:e nicht verstehen, was Kultur im allgemeinen und besonders im Judentume bedeutet, zeigen die folgende Ausführung. Mit Recht kann man den ungarischen Protest-Rabbinern ' zurufcir ״Jeder kehr’ vor seiner Tür!־‘ Ich war drei Jahre auf einer ungarischen Jcschiba und habe mir die Verhältnssc in allen bedeutendsten Jeschiboth angesehen, weshalb ich über diesen ״Chercm" nicht erstaunt war; aber die Begründung - desselben wunderte, ja, empörte mich. Ich glaube, dass jetzt der richtige Zeitpunkt ist. ihnen den Schmutz vor ihren eigenen Türen zu zeigen. Damit man mich aber nicht der 1 bertreibung bcschnklet, will ich eine Jcschiba schildern, die noch die beste aber dieser Jeschiboth ist, damit man sich einen Begriff machen kann, wie cs in den Jeschiboth aussieht, deren Rabbiner der * JsraHit‘־ mit so grossem Pomp anführt. Der Schauplatz, dieser Jcschiba heisst T . . y und liegt im zivilisier tun Teile Ungarns, in der Nähe Pressburgs. In diesem Städtchen wohnen ISO zahlende Mitglieder der jüdischen Gemeinde. Von diesen haben 30 Prozent ungefähr 10 -100 000 Mark Vermögen. Diese Gemeinde hält einen Rabbiner, einen Subrabbiner, einen Roschbet-din, einen Dajan; •ausserdem eine sogenannte Talmud- Thora, wo nur Talmud von drei Lehrern gelehrt wird, und endlich eine jüdische Volksschule. Jedes Mitglied des oben angetührten Rabl/ncr-KoRegiums hat seine Jcschiba, die zusimunen ungefähr 100 junge Leute zählen; ausserdem sind in der Talmud-Thora ungefähr 100 Kinder von 9-15 Jahren und in der Volksschule mehr als 100 Kinder bis zu 9 Jahren. Von allen diesen sind zirka 80 Prozent Fremde, von denen 50 Proz. Pcnsionsgeld von zuhause zugeschickt erhalten, 20 Prozent 3—15 Mark monatlich und 75. Prozent auf die Gemeinde, resp. auf sich selbst angewiesen sind. Diese 75 Prozent wollen auch leben, aber wovon? Uns, in Deutschland, kommt diese Frage etwas schwierig vor. in Ungarn aber ist die Lösung lexhter, wenn sie auch vom Standpunkt der »״odernen Zivilisation verwerflich ist. Diese sogenannte:! Bachuriiu schaffen sich ihre Nahrung und Kleidung auf folgende Wese: Am Ende des Scmesters bekommen sie von ihrem Rcbbe ein sogenanntes Cetab- Zeugnis, worin gleichzeitig an die erbarmungsvollcn Herzen der Glaubensgenossen appelliert wird. Mit diesem Dokument versehen, zerstreuen sie s ch nach allen Windrichtungen des ungarischcn und österreichischen Landes, wo sie — schnorren. Nach den Feiertagen kommen sic mit einigen Silberstücken in der Tasche zurück, wo’rauf sic־ sich erst auf die Suche nach ״Kosttagen" begeben. Nachdem sich ein solcher Talmudjünger, genannt Bachur. 2- 3 Kosttage ״verschafft’’ hat. mietet er s ch ein ״Quartier". Dieses Quartier ist ca. 5 m lang und 2!-> ni breit und mit 2 Betten versehen, von denen jedes für 2 Personen bestimmt ist, dass dieses Zimmer nicht zu hoch ist, ist ja selbstverständlich. Die Wohnung ist erbärmlich. Die Nahrung ist auch nicht besser. So leben tausende von jungen Leuten dahin, die nichts weiter, tun als ,Talmud lesen und hungern. Theater und sonstige 'Geselligkeiten dürfen für sie nicht existieren und sc suchen sieh daher auf andere Weise Zer- Streuung und Unterhaltung zu verschaffen, indem sie ihre Zuflucht zum Kartenspiel — Qliszosz. nehmen. — Und wenn man sich fragt, warum so viel kräftige junge Juden, die so viel Gutes in dem freien Ungarn für sich und ihr Judentum au׳ sozialem Gebiete leisten konnten, zum Schnorren lind Miissiggehen gezwungen werden, so wird natürlich die Frömmigkeit und Liehe zum Thora-Talnuid-Studium vorgeschützt. Dem ist aber nicht ganz so. Die ungarischen Juden haben ein Privitegium: wenn ihre Söhne vier Bürgerschulklassen absolviert und eine bestimmte Zeit in der Pressburger j'cschlba gelernt haben, werden sie vom Militärdienst entweder, freigesprochen oder als Feldpatcr genommen, von welchen bei Ausbruch eines Krieges einige cingezogen werden. Aus diesem Grunde werden tausende junge Leute körperlich degeneriert und geistig so einscitig ausgebildet, dass sie später für jeden Beruf untauglich sind. Natürlich geht es denjenigen, die eine Jcschiba nicht besuchen, sondern sich einem praktischen Berufe zuwenden, 'insofern sehr gut, als die Konkurrenz sehr gering Ist. Sieht man nun diese Leute, so glaubt man, den ungarischen Juden gehe es glänzend, weil die Jcschiba-Bachurlm im Hintergründe bleiben und daher nicht beachtet werden. Durch diese. Jeschi־ both herrscht aber in Ungarn ein unbeschreibliches Elend. Die jungen Leute jedoch, die sich erst im 2-1. Jahre klar darüber werden, in welchem Schlamme sic sich befinden, gehen ins Ausland, da man in ihrer Heimat keine Verwendung für sie hat. Wie cs ׳ihnen dort ergeht und welchen Berufen sie sich, zuweuden, ist genugsam bekannt. Und wer trägt die ganze Schuld an desem Elend? Die hier genannten Protest-Rabbiner! Denn der Zionismus wirkt auf die Bachurim aufklärend, so dass sich eine Rcakt'on gegen das Jcschibawescn und ihre Nachteile dem Judentum* gegenüber bemerkbar macht. Und in dem Augenblick, in welchem die Jeschiboth zu existieren aufgehört haben, haben auch diese vielen Rabbiner ihre Existenz verloren. Also ist cs nicht die Furcht allein vor der Kultur im Zionismus, dem sie um äusserer Vorteile willen die geistigen und physisichen Kräfte tausender gequälter Juden opfern. Jetzt frage ich: Haben diese Protest-Rabbiner das liecht, uns Yorschriften zu machen, wie wir gesetzestreue:! Juden uns zu einer sozial-politischen Bewegung, wie sic der Zionismus ist, zu verhalten haben? Sie haben doch wahrlich genugsam vor ihren e'gcnen Türen zu kehren, und anstatt die jüdischen jungen Leute Schnorrer und Taugenichtse werden zu lassen, sollten sie sie lieber zu nützlichen Mitgliedern des Judentums erziehen! W'iirde eine durchgreifende Reform in ihren Jeschiboth :licht von grösserem praktischen Werte für das Judentum sein als d'eser unnütze Kampf? Der ״Israelit” würde der Orthodoxie mehr nützen, wenn er sich dieser Jeschihotn-Zustünde—.wie es doch zu seinem Programm gehört ■— annehmen würde! Wir wollen. hoffen, dass diese Ausführung Herrn Dr. Kie n, der gleichfalls in den Jeschiboth gelernt hat und jetzt Hauptredakteur und Leitartikelschreiber des ״Israelit‘‘ ist, bewegen wird, sch diesen Zuständen zuzuwenden und für ihre Besserung und Reform einzutreten. Sicher würde dies dem Judenturne und auch dem ״Israelit” mehr nützen, als uns diese unnütze Reklametrommel aus Ungarn Schaden bringen kann. L. B. K a r p I n. Werte Gesinnungsgenossen! : * Der Jüdische Nationalfond erbittet sich für die . . Philatelie - Abteilung Brieimarkcn aller Länder, speziell alte Briefmarken auf־ ׳alten Kuwerts und werden die geehrten Einsender in der ״Welt“ veröffentlicht. Sendungen sind zu richten an die Jüdische Natlonaifondskommlsslon, Wien IX., Türkenstrasse 9.!! Gesinnungsgenossen sendet Brieimarkcn!! In der ״Hazefirah•‘ vom 26. ■August d. Js. wird erzählt, dass ich eine Zeitschrift ״Antlzlon’st“ gegründet habe. Ohne näher untersuchen zu wollen, ob und welchen lichtscheuen Zwecken diese Mitteilung dient, erkläre ich sic hiemit als mutwillig und gewissenlos erfunden. Ich stehe der angeblichen Zeitungsgründung völlig ferne. Wien, den I. September 190-1. Dr. Nathan Birnbaum. *י Golusblüten. Zur Charakteristik eines handeltreibenden Volkes diene folgendes Inserat in der ״Frankfurter Z e ו t u n g”. Für meinen Freund. Baron und Grossindustrieiler. sehr reich und hochangesehen, 30 Jahre, katholisch, hübscher, eleganter Kavalicr. von gediegenem Charakter und Geist, suche ich passende Partie. Junge Damen bester Familie (Israel., die .sich tauft, nicht ausgeschlossen) mit mindestens 1 Million Barmitgiit, hübsch und fein, gesucht. Eltern, Vormünder oder Fremde werden gebeten, auf dieses hoch reelle Gesuch zu antworten. Vermittler und Anonym Papierkorb. Antworten unter 36316 au die Expedition d. Blattes. Wir wollen nicht entscheiden, was hier mehr als Handelsartikel gilt, das Judentum, das verkauft, oder das Christentum, das mit in den Kauf genommen werden soll. Jedenfalls sind es nicht die Juden, die hier mit der -Religion Schacher treiben wie mit alten Hosen- \ /

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