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Jüdische Rundschau · 1904-09-09 · Heft 36 (9.9.1904) · page 8

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
IX (1904)
Issue
Heft 36 (9.9.1904)
Date
1904-09-09
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 390. JÜDISCHE RUNDSCHAU. Ein Tag der Erinnerung. Von Dr. Jacob Nacht, Focsani. Man verzichtet nicht leicht aufs Leben. Wehmütig sieht man den sich immer abbröckeinden Teilen und Teilchen unseres ach so schwer erkämpften Seins zu. Man will sic .wieder sammeln, diese Lebenssplitter, und dem Ganzen cinfügen. Das Unmögliche soll möglich sein. Die im Eilzugstempo dahinbrausende Lokomotive Zeit soll in ihrem Laufe aufgchalten werden. Eigentlich ist es die junge Zeit, nach der man sich sehnt. Jede Sehnsucht gilt dem Vergangenen. Das Dagewesene ist aber immer jünger, als das, was kommt. Und so steht man denn vor der Bahre Zeit und stellt Wiederbelebungsversuche an: Erinnerung. Der Erinnerungskultus zeugt vom Willen zum Leben. \Je höher eine Kulturstufe, desto grösser ihr Erinnerungsschatz. Früher errichtete man den Toten Monumente. Nur den Toten. Dem konkreten, grossen Sterben. Aber auch nur, dem Sterben der Grossen. Der nicht mehr unter den Lebenden weilende ״Auserkorene‘‘ sollte auf diesem Wege der Vergänglichkeit entzogen werden. Jetzt, wo der Wert des Lebens und des einzelnen Individuums gestiegen ist, wartet man nicht so lange. Auch dem stillen, kaum wahrnehmbaren Sterben, das mit jedem Fulsschlag den Zeiger unserer Lebensuhr in immer weitere, dunkle Fernen rückt, auch dem Miniatursterben, wenn man so sagen kann, werden Denkmale errichtet. Jedem Tage, jeder Stunde, jeder Minute, die von dannen ziehen, weihen wir ein Angedenken. Die Erinnerungszeichen, die in jedem modernen Arbeitszimmer, Salon usw. auiliegcn, und die bald in Ansichtspostkarten, bald in anderen Objekten zum Ausdruck kommen, sind mehr als eine flüchtige Höflichkeit oder freundschaftliche Gefühlsänwandlung. Sie sind das Bedürfnis, das so schnell dahinhuschende Leben in Form der Erinnerung festzuhalten. Verweile doch, Augenblick, du bist so schön! Für das jüdische Volk ist der Wille zum Leben ein religiöses Gebot. ״Wähle das Leben“, spricht Moses zu seinem Volke, als er ihm die religiösen Satzungen ans Herz legt. Die jüdische Lehre ist eine Religion des Lebens. Der Erinncrungskultus ist daher bei den Juden von jeher betrieben worden. Mit dem Morgengrauen der jüdischen Geschichte, mit dem Auszuge Israels aus Aegypten, beginnt gleich die jüdische Erinnerung. ״Zur Erinnerung an den Auszug aus Mizrajim“ ist eine stehende Forme! im jüdischen Schrifttum. Und wie der Beginn des jüdischen Volkslebens trägt auch der Anfang des jüdischen Jahres den Namen ״Tag der Erinnerung“. Das macht, Israel ist ein Volk des Lebens. Aus seinen Erinnerungen spricht das alljährlich wiederholte Gebet: ״Erinnere dich unser zum Leben“. — * * ״Die Probe eines Genusses ist seine Erinnerung", sagt Rückcrt irgendwo in feinsinniger Weise. Man könnte auch mit demselben Rechte sagen: ״Die Probe des Lobenswertes ist seine Erinnerung“. Um erinnerungsfähig zu sein, muss man einigen Mut besitzen. Es gehört Ltbcnsfestigkeit dazu, die Ereignisse, die mit dem Rade der Zeit immer wieder aus dunkler Tiefe hcraufrollen, unverzagt zuzuschcn. Nicht jeder kann das Neue, das sich in dem anscheinend wiederholenden Prozesse der Geschehnisse uuserm inneren Auge offenbart, wahrnehmen. Gar mancher, der Rückschau hält, kann das beklemmende Gefühl nicht los werden, als wäre aller Kampf vergebens, als würde man umsonst auf den Schlachtfeldern des Gedankens gerungen haben, ist doch das Heute dem Gestern fast zum Verwechseln ähnlich..! No. 36. Verzweifelt legt er dann die Lebenswaffe aus der Hand, gibt den Glauben an den Sieg neuer Lebenswerte auf, und stösst in das pessimistische Horn: ״Nichts Neues unter der Sonne. Was war, das wird sein“ usw. Die Erinnerung gestaltet sich ihm zu einer Klage, zu einem Weltschmerz, der sich in Lebensmüdigkeit auflöst. Nein. Nur keine Erinnerung. Lethe! Lethe! Das ist ihm innigster Wunsch. Diese Mutlosigkeit der Erinnerung gegenüber ist das erste Symptom geistigen Kräfteverfalls bei Individuen wie bei ganzen Völker- Stämmen. Denn wer den Fortschritt der Zeit leugnet, dem hat die letzte Lebensstunde geschlagen. Wer sein Gesicht in den Mantel des Vergcsscns hüllt, der ist der Sonne des Lebens entrückt. Auch hinieden wird jeder aufkeimendc Menschentrieb von den Engeln des Lebens auf sein Erinnerungsvermögen hin geprüft, und wer dies Examen nicht besteht, ist dem Tode geweiht. Als man dem jüdischen Volke die Hoffnung auf sein Einzellcbcn nehmen wollte, legte man die Axt der Vcrniehtung an seine Erinnerungen an. Das glorreiche nationale Einst sollte aus den jüdischen Büchern gcstrichen werden. Wozu auch? Konnte denn je diese Herrlichkeit wiederkoinmen? Daran glaubten diese Eriuncrungsunfähigen nicht. Israel macht zwar berechtigte Ansprüche, meinten dic/ändern beschwichtigend. Doch werden jemals diese wünsche erfüllt werden? Die Vergangenheit zeigt, wie wenig solch jüdischem Verlangen Rechnung getragen wurde. Nichts mehr also von jüdischen Erinnerungen. Aus mit dem jüdischen Volksleben. Da kamen die Männer mit jung-jüdischem Mut und knüpften wieder an die jüdische Vergangenheit an. Sie glauben an den Fortschritt, und wollen ihre jüdischen Ansprüche wieder geltend machen. Mutig blicken sie auf Altiuda zurück und hoffen auf ein glorreiches Jungjuda. Sie stossen in den Schofar jüdischer Erinnerungen, jüdischen Lebensmutes und spreche״: ..Erinnere dich unser zum Leben“. Das Leben ist voller Enttäuschungen. Wer ist nicht mal enttäuscht worden? Mehr als einmal. Das Ist die Geschichte eines jeden sich entwickelnden Menschen. Heil dem, der enttäuscht werden kann. Das setzt den Glauben an das Andcrsseinwollende, an das Bessere voraus. Es ist das Streben zum Leben, von dem wir glauben, dass es in aufsteigender Linie begriffen ist. Und ״cs irrt der Mensch, so lang er strebt“. Ja, das Streben ist vom Irrtum bedingt. Hat man den Mut, auf Irrtiinicrn und Enttäuschungen, die Opfer auf dem Altar der Evolution, zurückzublicken, so kommt man der Vervollkommnung immer näher. Nur wer,auf ״zerhrochenc Tafeln hinweisen kann, vermag sich״ zu den lichten Höhen der ״ganzen Tafeln“ emporzuschwingen. Wenn wir irgendwo in der heiligen Lade des Heiligtums Leben ״ganzen Tafeln“ begegnen, so können wir ohne weiteres auf die nebcnanlicgendcn ״zerbrochenen Tafeln“ schliessen. Letztere sind immer die ersten. Müssen es auch sein. Denn sic sind die Ruinen, aus denen stes das neue Leben ״des Ganzen“ emporbHiht. Und solcher Ruinen ist das Leben voll. Das des Einzelnen wie der Gesamtheit. Dass aus diesen seufzenden Trümmern der zum Ganzen emporstrebende Lebenssaft hcrvorsprudelc, dies bewerkstelligt die Erinnerung. Sic ermöglicht uns. dem im letzten Flicssen' begriffenen Strom des Lebens in seinen Verschlingungen nachzuspüren. Sic zeigt uns all das Gestrüppe und Gerolle, die Steine und Blöcke auf, über welche die einzelne Welle, in Stücke gerissen, ihren Weg nehmen muss, um sich dem starken, allem Trotz bietenden mächtigen Gewässer cinzuverlciben: um ein Ganzes zu werden. Israel, das Volk der grossen Hoffnungen, hat auch die bittersten Enttäuschungen erfahren. Es kann enttäuscht

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