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Jüdische Rundschau · 1904-08-19 · Heft 33 (19.8.1904) · page 15

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
IX (1904)
Issue
Heft 33 (19.8.1904)
Date
1904-08-19
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Ho. 33. JÜDISCHE RUNDSCHAU. Seite 365. finanzielle Opfer fordernde Neugrfindung innerhalb des Zionismus entgegen sein. Es wird die Mark, die der ärmere Bruder halbjährlich für die Misrachi-Qruppe opfert, den bestehenden finanziellen Institutionen entzogen werden müssen. Es werden sich allmählich innerhalb des Zionismus in Deutschland zwei Parteien bilden, eine mehr religiöser und eine mehr politischer Natur, deren Wege nie, wie das einzig und allein für den Zionismus wünschenswert ist, die gleichen sein werden. Dies allein betrachte ich schon als cm Unglück für unsere Bewegung. Jetzt, da dem Arm unseres ersten und grossen Führers die Zügel der Qesamtbewcgung von dem unerbittlichen Allbezwinger entrissen wurden, sollen wir mehr als je, peinlich darauf bedacht sein, keine Spaltung aufkommen zu lassen, seien wir stets eingedenk des Aufrufes des A.-K. in Wien — ״Seid einig, einig, einig!" überlassen wir die Erörterungen über religiöse Anschauungen Leuten, welche dazu mehr Zeit haben als wir Zionisten, opfern wir vielmehr unsere ganze freie Zeit und Kraft der Erlangung unseres hohen Ziels, der Schaffung einer öffentlich rechtlich gesicherten Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina. Mit Zionsgruss צברי אגבי Literaturbericht. Bücher der einschlägigen Literatur, welche der Redaktion!ugesandt werden, finden eingehende Besprechung. Allgemeine und spezielle Krankheitslehre der Juden. Gemeinverständlich dargcsteilt von Dr. med. Heinrich Singer, prakt. Arzt in Elberfeld. Leipzig, Benno Kocnegen Verlag. 190-1. Preis 2,50; gebunden 3 Mk. 1*10 S. S". Man kann zusammenfassend sagen, dass man nach dem Studium der vorliegenden Arbeit einen erfreulichen Eindruck zurückbehält. Dieser Eindruck schreibt sich sowohl von der wissenschaftlichen, als auch von der menschlich-jüdischen Bearbeitung des Problems der jüdischen Rassenpathologic her. Denn die Arbeit ist aus einem Guss, eine sachliche und kritisch wohlüberlegte Zusammenstellung des Tatsachenmaterials unter bestimmten Gesichtspunkten, andererseits schimmert überall die Gefühlsteilnahme nicht nur des Arztes, sondern vor allem des Juden an dem Schicksal seines Stammes wohltuend durch. .Wir können unterschreiben, was Vf. in seinem Vorwurf sagt: ״Es war mein ehrliches Bestreben, mich stets auf dem Boden einer strengen Neutralität zu halten, nichts zu verhüllen und zu beschönigen und, wo es not tat, mit fester Hand die offenen Schäden dem Tageslicht preiszugeben.‘* Der Hauptgesichtspunkt, unter dem. die statistischen Daten int Verlauf der ganzen Arbeit zusammengestellt sind, ist der, dass wir kein Recht haben, im Verhalten der Juden gegen irgend welche Krankhcitscinflüssc eine Rassendisposition zu erblicken, solange sich die Erscheinungen ungezwungen auf andere Weise erklären lassen. Bei dieser Vorsicht in der Benutzung der grade hier unglaublich misshandelten Statistik stellt sich nun dem Verf. wie schon mehreren neueren Autoren heraus, dass die Zahl der den Juden eigentümlichen pathologischen Rassenphänomene recht klein ist Erwähnt sei hier nur, dass sogar die stärkere Neigung der Juden zur Z.uckerkrankheit jüngst von Pollatschck mit gewichtigen Gründen bestritten worden ist. Ebensowenig steht fest dass die Juden besonders für Tuberkulose empfänglich sind. Was allseitig zugegeben wird, ist die starke Beteiligung der Juden an den Nervenkrankheiten. Doch auch hier sind, bevor man von einer nervösen Schwäche der Rasse sprechen kann, zwei Faktoren zu beachten: Die Berufs Verteilung der Juden und die Häufigkeit der Verwandtenehen. Es Ist unzweifelhaft, dass dem ersten dieser Faktoren eine mächtige Bedeutung zukommt; aber auch die zweifellos bei Juden häufigen Verwandtenehen wirken hier deshalb schädlich, weil durch sie der Verhängnisvolle Einfluss der erblichen Belastung auf die Entwickelung von Nervenkrankheiten gesteigert werden kann. Da der Begriff der Inzucht deutlich auch bei der Bevorzugung der jüdischen Rasse in der Häufigkeit der Taubstummheit der Pigmentdegeneration der Netzhaut u. ä. mitspielt, müssen über ihn noch einige Worte gesagt werden. Ref. möchte scharf betenen, dass nach unserem heutigen Wissen Inzucht nur schädlieh wirkt bei schon vorhandener Krankhcitsbelastung. Inzucht zwischen gesunden Personen — ausser zwischen nächsten Blutsverwandten — als schädlich anzunehmen, liegt kein Grund vor. Zumal der Begriff einer schädlichen Rasseninzucht, den man so gern gegen die Juden ausspiclt — auch Vf. tut dies mehrfach —, steht nach dem heutigen Stande der Biologie völlig in der Luft, ja er ist aus gewissen Gründen gradezu unwahrscheinlich.*) Trotzdem ist in unserem Falle die Verwandtcnchc sicher ein Schaden, da eben der jüdische Stamm zahlreiche nervös Belastete in sich schliesst. — Bei den Geisteskrankheiten, an .denen bekanntlich die Juden sehr stark teilnchmcn, ist besonders erstaunlich die hohe Beteiligung der Juden an den organischen Geisteskrankheiten, vor allem an der fortschreitenden Hirnlähmung. Das gibt zu denken. Bei der überragenden Rolle der Syphilis für die Entwicklung dieser iurchtbaren Krankheit (nach Erb in ca. 89 pCt. der Fälle nachweisbar) erweckt diese Erscheinung den Verdacht auf eine nicht unbeträchtliche Verbreitung der Syphilis unter den Juden Preussens. Leider fehlt ein Kapitel über die Geschlechtskrankheiten der Juden vollkommen, weniger allerdings durch die Schuld des Vf., als durch die bisherige Vernachlässigung dieses Gebietes überhaupt. Ref. teilt den üblichen Optimismus über die Verseuchung der Juden mit Geschlechtskrankheiten wenigstens für die deutschen Juden nicht. Es ist Zeit, Material in dieser Frage zu sammeln. In den allgemeinen Fragen der Geburten- und Sterbe- Verhältnisse der Juden betont Vf. mit Nachdruck und Glück ebenfalls die sozialen Erklärungsmomente. Sie geben den betrübenden Erscheinungen der verminderten Fruchbarkeit, des Rückgangs der Eheschliessungen usw. eine zwanglosere und tröstlichere Deutung, als unsere Feinde es tun. Ebenso aber räumen sie mit manchem liebgewordenen Vorurteil von der grösseren Lebenszähigkeit der jüdischen Rasse auf. Auch dafür müssen wir dem Vf. Dank wissen. — Nach Meinung des Ref. sind die meisten Probleme der jüdischen Rassenpathologie nur durch eine gut durch arbeitete .Stände Statistik zu lösen. Zum Schluss die Rasscnthcjapie. Darin weichen wir allerdings vom Vf. w׳eit ab. Dr. Singer hält für das souveräne Mittel der Gesamtaufbesserung def jüdischen Rasse die M i s c h e h e. Nun sind wir nicht so fanatisch, dass wir nicht ihre Wirksamkeit anerkennen, wenigstens bei der Vermischung mit gesundheitlich besserem Menschenmaterial als die Juden selbst es sind. Jedoch die Ergebnisse der Mischehe kommen dem jüdischen Stamme nicht zu gute. Verfasser wird sich der Tatsache nicht verschliessen, dass die Mischehe heute nicht Aufbesserung, sondern Menschenvcrlust für die jüdische Rasse bedeutet, eine Tatsache, die er selbst anführt. Darum verwerfen wir sie, nicht aus religiösen, sondern nur aus nationalen und anthröpologischen Gründen. Wir wrollen dem Verfasser, der ein ehrlich strebender Mann zu sein scheint eine bessere Lösung des jüdischen Rasse- Problems nahebringen, die zionistische. Sie will einen erheblichen Teil der jüdischen Rasse unter normale Bedingungen eines Volkslebens in Palästina bringen. Damit verteilt sie die schädliche Zusammendrängung in einige Berufe auf die Gesamtheit der Volksberufe. Wird dann so die Gesamtheit hygienisch gehoben, so verwandelt sich der Fluch der Rasseninzucht in Segen, zumal der Kreis der Eheschliessr.ng nicht mehr die enge, lokal begrenzte Judenschaft, sondern das ganze Volk ist. Wie überall wird auch hier der erste Teil der Auswande- #) vgl. A. Sandler, Anthropologie und Zionismus. Jüdischer Buch und Kunstverlag, Brünn.

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