Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- IX (1904)
- Issue
- Heft 30 (29.7.1904)
- Date
- 1904-07-29
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 328. JÜDISCHE RUNDSCHAU. N0. 30. Und glaubt er fliehend zu entspringen, . Geflügelt sind wir da, die Schlingen Ihm werfend um den flücht’gen Fuss, Dass er zu Boden fallen muss singen in Schillers Kranichen des Ibycus die Erlnnycn von ihrer Verfolgung des Verbrechers im Aufträge der ״furchtbar'n Macht, die richtend in1 Verborgnen wacht.“ Die sittliche Entrüstung ist in diesem Falle ganz sicherlich ehrlich, ebenso wie die seelische Erschütterung bei der Nachrieht des Todes. Wenn die armen dreihundert ihren bestialisehcn Peinigern Entronnenen sich iürr ihre Räuber und fienker lieber hätten hinknallen und ntedcrschlachtcn lassen, hätte ihr Tod ahf unsere ״Freunde“ natürlich weniger Eindruck gemacht. ־ Wahrscheinlich Erinnyen־ im Aufträge der ״furchtbilr'n Macht, die richtend im Verborgenen wacht,“ waren auch ״das finstere Geschlecht der Nacht", die neuen lerneifrigen Friedhofshyänen, die der Ruhm ihrer Lehrmeister von Friesach* nicht schlafen und nicht schlummern licss. Auf dem israelitischen Fricdhocf zu Bracht wurden sämtliche Grabdenkmäler zerstört. Offenbar waren die Juden, die dort in ihren Gräbern ruhen, der deutsch-christlichen Kultur, dem stark auf dem ״Marsch“ befiudlichcn ״ewigen Frieden“, sowie der bestehenden (nach Adolf Bartels deutsch-demokratischen) Gesellschaftsordnung gejährlich. Und auch gegen tote Juden ist die Piicklcr'sche Methode das einzig germanisch Ehrliche, Moralische und Praktische. Denn gefährlich sind sie! sind die Juden immer und überall! Beweis: Judenbomben! Naiv, wer's nicht glaubt. Wenn Judcnfiinteu, warum nicht auch Judenbomben? Das ״Deutsche Volksblatt“ in Wien schwitzt schon vor Angst. ״In» Lokale des jüdisch-irredentlstischen Turnvereins in Triest wurden mehrere Bomben, Zündkapseln und Sprengpulvcr gefunden. Die jüdische Presse ist bemüht, diese Gegenstände als harmlose Feuerwerkskörper hinzustcllen.“ Da habe:» wirs! Der irrcdentistische Turnverein ist zwar national-italienisch, die Antisemiten meinen zwar sonst unwiderleglich. dass es jüdische Turner überhaupt nicht gebe — — aber was verschlägt das! Wenn die Wasser taufe Juden so plötzlieh in Arier verwandelt, warum soll eine Feuertaufe (mit Bomben etwa) nicht ebenso schnell aus Italienern Juden machen? Und so wäre die Judenrelne Wahrheitsliebe wieder einmal glänzend erwiesen. Ach, es ist schon lange her, dass ״SchmülchCn kein Pulver riechen“ konnte! Sogar die Judenmädels habeifs schon erlernt. ״Aus Mukden nämlich gehen den Blättern Berichte über mutige Taten eines tapferen russischen Mädchens zu, welches sich bei genauerer Nachforschung nach ihrer Persönlichkeit als eine karaitische Jüdin zu erkennen gab. Das beherzte Mädchen, das erst zwanzig Jahre alt ist, hatte sich als Mann verkleidet, nannte sich Michael Smolko und bewährte sich insbesondere glänzend hilfreich als Meldereiter und Dolmetsch. Wenn besonders gefährliche Arbeit zu verrichten war und Freiwillige hiezu aufgeboten wurden, war sie die erste, die ihre Dienste, anbot, um die japanischen Stellungen auszukundschaftcu. Am 21. Juni führte sic eine kleine Abteilung Kosaken und konnte nicht blos die für den russischen Kommandanten nötigen Informaiionc» cinholen, sondern cs gelang ihr auch, eine grosse Menge von Vieh, welche von den Japanern erbeutet worden war und von Chinesen in ihr Lager getrieben wurde, den Russen wieder zurückzubringen." — Das wackere Judenblut könnte sich wahrhaftig ein besseres Schlachtfeld fiir sein Heldentum suchen, als eines, das sie in eine Linie stellt mit den westeuropüischcn jüdische!» Finanziers, diesen Seelenverkäufern ihrer Brüder, die für die Blutsaugereien an den armen Juden das nötige Kapital Vorschüssen. Hoffen wir wenigstens, dass ihre untergebenen Kosacken unsere Heldin fiir ihre geniale Führung nicht eines schönen Tages zum Pauke vergewaltigen und in de>! Jaiu befördern werden! 11». Deutschland können solche Gewalttaten natürlich nie möglich werden. Unsere dickbäuchigen Beschwichtigungsräte wissen es ganz genau. Von nun an überhaupt nicht — denn Oraf Pückfer geht zuende. Hatte unsere wohllöblichc Polizei doch schon immer so gut aufgepasst, dass den aufreizenden, blutrünstigen Reden des edclrassigen Dreschflegels keine öffentliehe Störung *— des Verlaufs ihrer Stenogramme folgte. Hat doch seine eigene Partei schon mit ihm gebrochen, damit er — ihrer wirkungsvolleren, weil schleichenden Pöbelaufrcizung nicht schade. Und nun — ist möglich? — ist sein Gcistcszustand unter Beobachtung gestellt. Also sic haben doch recht, unsere Abwchrvcreinslcr: der Antisemitismus ist eine geistige Krankheit und gehört ins Tollhaus. Nur ist zu bezweifeln, ob sic eine Anstalt ausfindig machen werden, die gross genug wäre, alle derart Besessenen zu fassen, und ob cs nicht besser wäre für uns, uns aus der Sphäre der Tobsüchtigen in ein eigenes geschütztes Hatis und in bessere Luft zu begeben. Aber das wäre ja schon wieder Zionismus! Und Zionismus, das gibt's ja garnicht! Ika Frendenberg hat es selbst gesagt, die gehört zur Moderne, und dieser die Zukunft! Die Dame entschuldigt sicli nämlich im ״Zcntralblatt des Bundes deutscher Frauenvereine‘ bei den jüdischen Frauen, weiche sich beleidigt fühlen, weil ihrer in dem Vorträge das Verhältnis der Frauenbewegung zu den politischen und konfessionellen Parteien auf dem Berliner Kongress von der Rednerin keine Erwähnung gemacht wurde. Sie motiviert ihr Versehen damit, dass cs In der Politik keine jüdische Partei gebe, und die jiidischen Frauenrechtlerinnen bis jetzt der Interkonfessionellen Frauenbewegung angeboren. Das Referat J. Frendenbergs habe somit keineswegs den Ausschluss, sondern den ganz sclbstvcrstündlichen Einschluss des jüdischen Elementes bedeutet. Da sieb auf Anregung und zum Teil unter direkter Mithilfe des politischen Klcrikalismus bei den christlichen Konfessionen seit ekligen Jahren eine selbständige evangelische und katholische Frauenbewegung gebildet habe, so sei das Verhältnis dieser koniessionellcn Frauenbewegung zu untersuchen. Das es eine zionistische Bewegung heute noch nicht gebe, wäre die Frage, wie sich unsere Forderungen nach bürgerlicher Gleichheit mit dem jüdischen Dogma vertragen, somit eine rein akademische gewesen und über den Rahmen des Vortrages hinausgegangen. — Welche staunenswerte logische und literarische Leistung! Kein Sterbenswörtchen ist dagegen cinzuwenden! Warum schliesslich sojl Ika (lea ist verdächtig! Amn. d. Red.) Freudenborg nicht ebenso recht haben wie jene andern, die die ganze Frauenbewegung für ein jüdisches Geistcskiud und fiir verjudet erklären? Solche Dinge lassen sich, überhaupt sehr schwer cutscheiden. Meinen doch sogar Sozialisten, dass eine jüdische Nation und eine jüdische Geistesart nicht existiere (dass etwa Zionismus nichts als eine orthodoxe Sekte wäre, s. Bebel über Silberfarb!) -- und doch behaupten! Nationalökonomen zuweilen das Gegenteil. Schmoller z. B. macht die arische Entdeckung, dass Lassalle und Marx, beide garnichts vom ״idcalistiseh-doktrinärcn" Volkseharaktcr (der deutschen Edelrass nämlich, an sich haben, sondern ״echt jüdische zersetzende Geister gewesen sind, beide nationalökonomisch nur auf dem Juden Ricardo fusseivJ“, dass sie ״ehrgeizige Demagogen“, ״talmudistlsch spintisierende Soziaiphilosophen“ waren. Dass keine neuen ״zersetzenden Geister“ der Art dem deutschen Judentum cntspricsscu, dem gedenkt offenbar die preussischc Regierung vorzubeugen. Wo anders liegt die Verderbnis als in den» alten jüdischen Schriften, die in jenem unverstündlichen, unkontrollierbaren Hebräisch abgefasst sind? Und so hat der Kultusminister im Einverständnis mit dem Bedenken der städtischen Schuldeputation die allgemeine Einführung des hebräischen Unterrichts in' den jüdischen Religionsunterricht pti den Berliner Gemeindcschulen abgelehnt. Per Minister be-