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Jüdische Rundschau · 1904-07-22 · Heft 29 (22.7.1904) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
IX (1904)
Issue
Heft 29 (22.7.1904)
Date
1904-07-22
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 308. JÜDISCHE RUNDSCHAU. _; No. 29. Tröstet, tröstet mein Volk! Der Trost-Sabbath naht. Wieder haben wir bleich und gebtickt auf der Erde gesessen und die alten wehmütigen Klagen angesiimmt, in deren Melodie der tausendjährige Schmerz eines ganzen Volkes um 1.sein Höchstes gebannt ist. Wann war wohl das Schluchzen unserer Väter und Brüder herzbrechend wie diesmal? Keine mühsam heraufgeholten historischen Reminiszenzen und kein religiöses Gebot zur Trauer war diesmal notwendig. Denn unmittelbar aus dem Tag und der Gegenwart heraus ist unser Kummer, geflossen. Und so haben selbst d i e unter uns diesen Tischa be’ Abh begangen, die sonst eine Arbeit um neue Freiheit für die beste Form der Trauer um die alte verlorene zu halten pflegten. Die klagende Stimme Rahels um ihren Erstgeborenen ist nun verklungen, und die Stimme des Trösters ist an ihre Stelle getreten. ״Bahnet, bahnet den Weg*!'‘ ist des Trösters Stimme, der sein gebeugtes Volk wieder zur Hoffnung aufruft. Dieser Ruf des Sabbath Nachamu ist auch für unser Leid die Befreiung. Indem wir unseren Weg bahnen, findet unsere Seele die Tröstung. Auch wenn unser Held nicht mehr vor uns einherzieht, der mit seinem Wort, wie mit einem scharfen hell blinkenden Schwert, das Gestrüpp und die Dornen vor uns hinweggeräumt, unter dessen Fuss jedes Tal sich hob und jeder• sperrende Gipfel stürzte, werden unsere Schritte nicht stille stehen. Die alten Genossen unseres grossen Führers, die einst neben und dicht hinter ihm siegesfreudig einherzogen, haben auch jetzt nicht ihren Mut, noch die Riehtung verloren. Sie kennen den Willen und den Weg ihres Meisters und werden ihn unbeirrt und ohne Zögern kraftvoll weiter verfolgen. Auch als Mose tot war, blieb nicht sein Volk in der Wüste, und so werden auch wir unseren Josua nicht vermissen. - Keine Verzweiflung und keine Unruhe herrscht in unseren Stämmen und Gruppen, zum Trotz t!nscrer Gegner! Die Bewegung geht weiter und geraden Wegs. Schon haben unsere Führer, die von langher bewährt sind, von sich hören lassen und gezeigt, dass sic den Kopf durchaus nicht verloren. Sie sorgen und handeln emsig weiter in unserem Sinne und im Geist unseres Herzl, sic arbeiten zehnfach wie vordem. Bis sie sich versammelt haben werden zu gemeinsanier Beratung, ist kein plötzlicher Wechsel und keine beuruhigende Neuerung zu erwarten. Jeder bleibt auf dem Platze, den er vordem eingenommen, und jeder bei seiner gewohnten Arbeit. Unsere Aufgaben und Methoden bleiben völlig die gleichen. Verbreitung und Vertiefung unserer grossen Idee, Eroberung unseres Volkes für unser Land, Erforschung und Erwerbung unseres Lundes für unser Volk, haben mit denselben Argumenten, Waffen, Hilfsmitteln und Faktoren wie bislang, vorwärts zu schreiten. Unser Ziel ist nicht ferner, als es uns vordem erschienen, wenn unsere Ziele konkret bleiben wie bisher. Und so werden wir weiter unsere Schlummernden wecken, unsere Abtrünnigen bekämpfen, unsere Gemeinden und Tempel mit unserem Willen erfüllen, unsere Machtmittel an Geld, Geist und Menschen bereichern. Folgen wir denen vertrauensvoll weiter, die wir uns selber zu unseren Führern erkoren haben. Wenn wir in die Landsmannschaften und Gruppen hinunter, jeder Erste und Letzte, uns gleich mühen wie sie, wird der Erfolg nicht fehlen. Jeder lege mutig, mit doppeltem Eifer die Hand ans Werk. Jeder räume den Stein fort, der vor .ihm liegt, dann wird unsere Bahn weit und frei sein.; ■; Aus dem Gefühl, dass wir arbeiten, wird Tröstung kommen. . f. . v . ,;Dann hat der Sabbath‘ Nachamu für uns Sinn gehabt. Israel Aucrbach> AndasjödischeVolk! Brüder! Schwestern! Unser grosser Führer hat uns verlassen. Er war zu uns gekommen, um uns zu helfen, mit seinem ganzen Herzen, mit seiner ganzen Seele und mit seinem ganzen Vermögen. Seit neun Jahren schenkte er täglich, stündlich, dem jüdischen Volke mit einer Freigebigkeit, zu der sich nur die Liebe einer so hochgestimmten, reinen Seele wie der seifigen erheben kann, alles, was ihm zu Gebote stand. Ein endloses Opfer auf dem Altäre seines Volkes, bis er sich selbst zmn Opfer gebracht batte. Seine ungeheure Kraft, seine kostbare Zeit, sein ganzes Denken und Fühlen gehörten seinem Volke. Selbstlos, wie er war, erntete er nicht nur keinen Vorteil1 für sieb, sondern gab auch sein Hab und Gut hin mit einer Freudigkeit, die keine Grenze und keine Beredtnung kannte, mit einer Freudigkeit, die so zart und unauffällig war, dass nur die Allernächsten von der Grösse seines Tuns eine Ahnung haben konnten. Alle zivilisierten Völker pflegen ihre grossen Männer nach deren Tode durch Staatsbegängnisse, prunkende. Denkmäler, hohe Pensionen an die Hinterbliebenen, Er-‘ Ziehung der Kinder auf Staatskosten und ähnliche ungewöhnliche Auszeichnungen zu ehren. Der *wahrhaft grosse Sinn Herds w׳ar äusserlichen Ehren abhold. Prunkvolle Feiern, Denkmäler aus Erz verbieten sich daher von selbst. Aber eines ist vielleicht nach seinem Sinne: dass seine’Kinder wissen, dass sie unser sind, dass sie gelehrt .werden, das jüdische Volk mit derselben glühenden Liebe zu umfassen, Wie er selbst es getan.; ־ Deshalb halten ..wir es für unsere heilige Pflicht, für eine Ehrenpflicht des ganzen jüdischen Volkes, den Kindern zu geben, was ihnen der Vater, uns zu Liebe und uns zum Nutzen, entzogen hat. Theodor Hcrzls Kinder sollen ein Nationalgcschenk erhalten, so gross, dass sie zu edlen Menschen und’ freien Juden erzogen wferden können. Des ganzen jüdischen Volkes Kinder sollen sie sein! Ein jeder von uns gebe nach seinen Kräften und seiner Liebe zu dem grossen Toten! Wie er unser Vater war und uns zur Nation erzog, so soll die Nation nun seine Kinder lieben und erziehen! Wir haben daher beschlossen, einen Aufruf an alle' Juden, vor allem aber an sämtliche Zionisten, Einzelne und Korporationen, zu erlassen, damit sic zum * i N a 110 n a 1 g e s c‘11 e n k für die K i nd e r des Dr. Herzl sammeln. Es soll ein Fond gesammelt werden, der in der Jüdischen Kolonialbank in London, der Bank des. Jüdischen Volkes, hinterlegt werden wird. Es ist' unser aller Wunsch, dass nicht nur die Reichen, son-. dern alle Juden sich beteiligen, dass es ein wahres' Nationalgcschenk werde. Keine Spende,"und sei sie noch so klein, darf uns zu gering dünken, denn heilige Pflicht ist es unserem Volke seinen toten Füllrer und in ihm sich selbst zu ehren.

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