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Jüdische Rundschau · 1904-07-15 · Heft 28 (15.7.1904) · page 15

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
IX (1904)
Issue
Heft 28 (15.7.1904)
Date
1904-07-15
Page
– (sequence 15)
Language
German
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No. 28. JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 305. hingen, jede Silbe, die er sprach, in sich einsogen und dann׳ plötzlich in einen brausenden Beifall ausbrachen, aus dem das eine Wort ״H e r 21“ mächtig hervortöntc. Nun ist der Mund, der so viele beglückt hat, für immer geschlossen. Theodor Hcrzl ist 44 Jahre alt geworden. Als wir, seine Kollegen in der Redaktion der ״Neuen Freien Presse“, deren Feuillctonrcdakteur Dr. Herzl gewesen ist, die. Todesnachricht hörten, mochten wir’s kaum glauben. Mir selbst war cs, als sei in mir eine Saite gesprungen. . . Er ist am Herzen gestorben, an diesem Herzen, mit dem er sein Bestes gegeben hat . . . Theodor Hcrzl war durchaus eine dichterische Natur. Jedes einzelne Feuilleton von ihm barg so wundersam viel der echten Poesie, dass man sagen konnte: Her2!l hat wieder ein Oedicht geschrieben. Und ich glaube nicht, dass diese subtilen Stimmungen von den Oürten, in denen der Frühling singt, von den Kindern, denen die Welt wie ein Spielzeug ist, von den Allerwcltswciscn, denen die Narrenkappe im Genicke sitzt, und von den Frauen, die sich putzen, weil sie sich lieben — anderes waren als ungemein feine farbenbunte Gedichte, von einem Poeten empfunden, von einem Künstler geformt: Auch in allen anderen Werken von Theodor Herzl zeigt sich die Hand des Künstlers, die Seele des Dichters: In seinen ״philosophischen Erzählungen“ und in allen seinen Stücken, die ja bekannt sind und die viel Erfolg gehabt haben. Warum man es Herzl übelnahm, dass er in seinem ״Neuen Ghetto" die jüdischnationalc Idee verfocht, konnte ich nicht begreifen. Das ist wohl sein gutes Recht gewesen. Herzl hat übrigens auch in diesem Stücke den Dichter nicht verleugnet, lind dass er gerade in diesem Werke wie zum Teil auch in seinem Roman ״Alt-Neuland", der vor zwei Jahren erschien, die jüdische Wiener ״Ge- Seilschaft seziert, in dem er ihre Schwächen blosslegt, gereicht ihm zu besonderer Ehre. Das ist wohl auch sein gutes Recht gewesen. In der ganzen Weit kennt man heute den Namen Dr. Thewior Hcrzls, des Schöpfers und Führers des modernen Zionis* mus. Trotz seiner angestrengten politischen Tätigkeit ist Herzl stets mit der Literatur in innigster Fühlung geblieben. Als Schriftsteller, und er war einer der glänzendsten Schriftsteller Oesterreichs, hat er manchem jungen Talente den Weg geebnet mit einer Güte, die man nicht genug an ihm bewundern konnte. Sein Name wird fortleben, solange es Menschen gibt, die nicht vergessen, dass ein Grosser nur gutes getan hat• _ Adolph Donatlh. Bohemla. (Auszug.) Theodor Herzl war frei von jeder Pose, ein natürlich liebenswürdiger Mensch von innigstem Empfinden, der Armut, Schmerzen und Kummer nicht mitansehen konnte, ohne helfend einzugreifen, ein kindliches Gemüt von unverdorbenster Reinheit, das sich gern den Freuden des Lebens hingab und an den einfachsten Vergnügungen, wie sie das Landleben bietet, Gefallen fand. Ich erinnere mich, wie ihm die Augen leuchteten, als er zum erstenmal Tennis spielte und mit jugendlicher Lebhaftigkeit den Bällen nachlief, jeden Treffer mit einem Jauchzen der Befriedigung begriisste und mir mit seinem gewinnenden Lächeln versicherte, das sei ein Spiel, bei dem der Lausbub im Menschen wieder erwache und so etwas mache jung und glücklich. Sein Verkehr mit der hochsinnigen ihn abgöttisch liebenden Gattin und der an dem einzigen Sohne mit ihrem ganzen Wesen hängenden Mutter war ein Abbild seiner edlen Gemütsart; eine etwas altfränkisch anmutendc Galanterie, beim Kommen und Gehen küsste er den beiden Damen die Hand, gab den Grundtor; ab, der Respekt gegen die in ihrem Wesen dem Sohne ähnliche Mutter, die vor Kurzem ihren Gatten verloren hatte und daher den Besitz des berühmten Mannes doppelt ängstlich hütete, die formvollendete Höflichkeit gegen die Frau, welche niemals auch im intimsten Kreise verlassen wurde, bcrührten überaus wohltuend und gewährten einen Einblick in das noble Empfinden dieses Adelsmenschen. Und.nun erst die Kinder. Wie verklärten sich seine für gewöhnlich etwas dusteren Mienen, wenn er das herrliche Drciges'tirn seines Nachwuchses betrachtete. Er bekam ein ganz anderes Gesicht, wie Sonnenlicht lagerte es auf den Zügen, die eigene Jugend schien zurückgekehrt zu sein — es war ein rührendes Bild. So mögen die alte Patriarchen, von denen er ja viele Züge hatte, ihre Söhne angeblickt haben, die die neue Lehre in die Welt tragen und dort verbreiten sollten. Wie oft sah Ich dieses grosse Kind im Grase liegen und mit dem Söhnlcin seines Haus- Wirtes, einem putzigen Kerlchen von ctw־a ein und einhalb Jahren, spielen, ihn herzen und küssen, wie es, nur gute Menschen können. Wer ihn noch so flüchtig gekannt hat, und auch ich kann mich keiner intimeren Beziehungen zu ihm rühmen, wird ihn nie vergessen, w׳ird stets die sympathischesten Erinnerungen an ihn bewahren, den grossen Idealisten mit dem kindlichen Gemüte. Möge ihm die Erde leicht sein. Rudolf Fisch I. 1w \M Sprechsaal. Pür die Mitteilungen •n dieser Stelle übernimmt die Redaktion nur die preisgesetzliche Verantwortlichkeit w Von einem Gesinnungsgenossen geht uns folgende Anregung zu: Wäre es nicht möglich, ein gutes Herzl-Bild in Stahlstich oder Holzschnitt herzustellen, zu einem Preise, der es jedem Zionisten möglich machte, es sich anzuschaffen? Wohl nur wenige würden auf den Besitz eines solchen Bildes, das für etwa 1,50 Mk. bis 2 Mk. zu liefern wäre, verzichten wollen. Ein guter Beitrag zur Herzl-Stiftung würde sicherlich dabei mit abfallen können. Mit Zionsgruss Horstermark i. W. Heinrich Auerbach. ^3SSGEuS£38GQSaSSSS&SSSSSSc3S3GiSSa3U?£8Q£fSQ.'9 Rundschau. 1 ryrv ^׳*’.י *"־י *vir v\ J?J Die Berliner Zionistische Vereinigung veranstaltet am Montag, dem 18. Juli, abends 9 Uhr, bei Dräsel, Neue Friedrich- Strasse 35 eine Mitglicder-Vcrsammlung, in der Herr Dr. A. H a n t k e über das Hinscheiden unseres verew igten Füllrers Dr. Theodor Herzl und die Traucrfeierlichkeiten berichten wird. Zu dieser Versammlung ergehen keine beso!!- deren Einladungen, Gäste haben Zutritt• Ueber die Organisation des Zionismus schreibt die Wiener ״Zeit“: Ueber die politische Organisation des Zionistnus, die mit dem Hinscheiden Dr. Theodor Herzls die allseits anerkannte fiihrende Persönlichkeit verloren hat, taucht eine Reihe unkontrollierbarer Gerüchte auf. Diesen gegenüber ist, wie wir erfahren, festzustellen, dass irgend eine Abänderung erst durch den siebenten Kongress in legaler Form vorgenommen werden kann• Bis dahin behalten das grosse und das engere Aktionskomitce Ihre Funktionen bei. Der Kongress w׳ird dann zu entscheiden haben, ob eine Umgestaltung des bestehenden Organisationsaufbaues notwendig erscheint. Vor alle!?, Dingen ist darauf,hinzuweisen, dass die Organisation des Kongresses keine Abänderung erfahren wird. Der Kongress wählte stets am Aniang.seiner Verhandlungen einen ersten Präsidenten. Bisher fiel die Wahl stets auf Dr. Herzl, und so vereinigte er die Würde des ־Kongresspräsidenten mit der des Vorsitzenden im Aktionkomitee. In Zukunft wird vielleicht eine Trennung dieser beiden Aemter cintreten. Was nun die Frage der Exekutive betrifft, so dürfte insofern eine Aenderung vorgenommeu werden, dass an Stelle des jetzigen engeren Aktionskomitees, in dem der Wille des Präsidenten fast ausschliesslich zur Geltung kam, ein Arbeitsausschuss treten wird, in dem der Vorsitzende nur ein Primus inter pares ist. Alle Namensnennungen, die für diese Körperschaft bisher laut geworden sind, entbehren jeder Begründung. Auch steht es noch nicht fest, ob die Zentrale in Wien bleibt oder in eine andere Grosstadt verlegt wird. Da aber die Geschäfte des Aktionskomitees vorläufig eine Unterbrechung der Kontinuität nicht vertragen, so dürfte für die nächste Zeit, höchstw׳al1rschcinlich auch nach dem Kongress,, das Wiener Aktionskomitee weiterfuugieren. Es ist nicht ausgeschlossen, dass dann irgendeine hervorragende Persönlichkeit aus einem anderen Lande zur Führung des Präsidiums be• stimmt wird. Die Christlich-soziale Vereinigung ln München richtete an den Stadtmagistrat und das Gemeindekollcgium eine Eingabe, ln der gebeten wird, die beiden Kollegien wollen I. an die k. Regierung das Ersuchen stellen, der Einwanderung ausländischer Juden nach Bayern erhöhte Aufmerksamkeit zuzuwenden und sie auf Grund der einschlägigen Be- Stimmungen des bayerischen Gesetzes über Heimat, Verehelichung und Aufenthalt für die Zukunft zu verhindern, mindestens aber doch einzuschränken, indem sic a) die Eingewanderten auf ihren gesundheitlichen Zustand und ihre Arbcitsfähigkeit einer strengen Kontrolle unterzieht, b) den Nachweis genügender Subsistenzmittel fordert, wovon ein Betrag von vielleicht 400 Mk. pro Kopf als Wohlvcrhaltenskaution bei den öffentlichen Kassen fünf Jahre lang deponiert zu bleiben hätte, um Schiebungen vorzubeugen, c) die Grenzbehörde anweist, die Ausweispapiere der jüdischen Einwanderer auf ihre Echtheit und Vollständigkeit einer genauen Prüfung zu unterziehen und krankheits- oder sicherheitsverdäclitige Individuen am

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