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Jüdische Rundschau · 1904-07-08 · Heft 27 (8.7.1904) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
IX (1904)
Issue
Heft 27 (8.7.1904)
Date
1904-07-08
Page
– (sequence 4)
Language
German
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ו Seite 284. JÜDISCHE RUNDSCHAU. No. 27. * י,*”*־ “*־ ' *-Ul- —-- ..^.-1—— - ׳/ 1! Das jüdische Volk in Trauer. Allmählich wird es uns doch zur Gewissheit, dass das wahr ist, woran wir nicht glauben können, und was wir nicht begreifen. Ist es denn möglich, dass Theodor Herz! nicht mehr unter uns weilt? Immer wieder drängt cs sich uns auf, dass cs nur ein böser Traum ist, der vergehen muss. Und immer wieder hämmert es uns in den Ohren, dass cs doch Wirklichkeit ist, bitter traurige Wirkliehkeit, dass der Mann von uns genommen ist, der unsere Hoffnung war und unser Stolz, unsere Ehre und unser Kämpfer. Theodor HcrzI, der Mann, an dem unser Volk hing, wie an einem Abgott, -- der Grosse des Jüdischen Volkes hat uns verlassen und zu Waisen gemacht. Denn ein‘ Vater ist von uns genommen worden, ein Vater des Jüdischen Volkes, und als vaterlose Waisen lässt er uns alle zurück, das Volk, das sich in der kurzen Zeit seiner gewaltigen Wirksamkeit gewöhnt hatte, auf ihn wie auf einen treuen Vater zu bauen. Allzufrüh und fern der Heimat müssen wir ihn einbetten in die kalte Gruft, der eben noch in seiner Jugendktaft vor uns einherschritt, unseres Volkes besten 'Föten. Er hat das Land nur von fern schauen dürfen, das er für sein heimatloses, gehetztes Volk erkämpfen wollte. Wenn cs eine Tragik in der Geschichte der Völker gibt, so ist das Geschick des Juden Volkes gewiss das an Tragödien reichste. Aber selbst in der jüdischen Geschichte gibt cs kaum eine Episode, die in ihrer Tragik an die erschütternde Grösse des Unglücks heran reicht, das uns soeben betroffen. Und doch werden wir erst, wenn wir versucht haben, ohne den sorgenden Vater, der von uns genommen, sein Werk fortzusetzen, allmählich ermessen lernen, wie tief die Wunde sitzt, die das grausamc Schicksal unserem Volke geschlagen. Von dem Tage an, wo HcrzI unter uns getreten, 1tngerufen und nicht geworben, aus seiner eigenen angeborenen Liebe zu seinem Volke heraus, fühlten wir, dass der Meister gekommen sei, dem wir alle uns willig beugen müssten, der grosse Mann, auf den das Jüdische Volk achtzehn lange und bange Jahrhunderte des Elends 1!nd der Zerstreuung geharrt und gehofft halte. Zuerst fühlten wir cs, dann verstanden wir cs, dass ein überragender Staatsmann uns geboren sei, ein Mann, vor dem unsere Grössten klein waren, ein Vater des Volkes, dessen Lasten er nun willig trug und das zum ersten Male begriff, dass es in ihm teilnelnncn durfte am Wüllen der Völker. Vaterlos hat er uns gelassen, er, auf den wir vertrauten, und dem wir gewöhnt waren zu folgen, wie Kinder dem Leiter ihrer Jugend. Und er war uns mehr noch als ein Vater. Wie er unsere Lasten trug auf seinen starken Schultern, wie er unsere Sorgen und Kiimmernissc in seinem weisen Haupte erwog, wie er für uns arbeitete und schaffte, so hatte er auch für die kleinen und kleinsten, wie für die grossen und grössten Schmerzen seines Volkes jenes weiche und sanfte Empfinden, ienc Liebe und Weichheit, wie sic nur eine Mutter für ihre Kinder hegt. An seinem treuen Busen konnte das Jüdische Volk im Grössten wie im Kleinsten seine Sorgen und seinen herben Kummer still einer Mutter vertrauen, die mit allem mitfühlte und deshalb mütterlichen Trost gewährte, wo sonst kein Trost aufkommen konnte. Vaterlos und mutterlos lässt Theodor Herzl das Jüdische Volk, vaterlos und mutterlos uns alle, die wir ihn geliebt haben und ihn lieben werden, so lange ein Atemzug in uns ist. Eine schwere Familientrauer hat uns betroffen. In jedem Hause, das dem Judentum treu ist, wird der Tod unseres Herzl als ein schweres Familienunglück empfunden, und wie er seine Frau und seine Kinder und die greise Mutter einsam zurücklässt, so trifft sein Ver- Inst nicht minder uns, deren Ruhmestitel und Stolz er allein ist. Seit den Tagen, wo unser Reich in Trümmer sank, wo das verbannte Volk sich in alle Himmelsstriche zerstreute, haben wir keinen Mann unter uns gehabt, der so einmütig die Liebe des ganzen Volkes auf sich vereinte, der weithin sichtbar war vor allem Volk, kein gekröntes Haupt, aber der geborene und auserkorene Fürst des Volkes. Unmöglich ist cs uns, wo die Leiche unseres Vaters vor uns liegt, zu sagen, was er uns gewesen. Er war unsere Hoffnung und unser Stolz, unser Eines und unser Alles. Denn in ihm verkörperte sich, was cs in unserem Volke an leiblicher und geistiger Schönheit gab, in ihm krystallisierte sich die hoifnungsircudigc Zukunits- Sicherheit unseres kummervollen Wanderstammes. Schön war er an Körper, bezaubernd schön von Antlitz, und wer ihn einmal gesehen, konnte niemals wieder den unendlich feinen und festen und doch so wunderbar weichen und traurigen, milden Ausdruck seiner schworzen Augen vergessen. Er war uns so der edelste Idealtypus unseres Stammes, dessen Schönheit sich in dem einen Manne vereinigt zu haben schien. Und doch war seine Seelcnschünlieit unendlich viel grösser als alle Schönheit seines Leibes und sogar seines Auges. Er war der Inbegriff aller edlen Stammestugend und der Liebe des Jüdischen Volkes, mit der cs trotz aller Abirrungen unwandelbar an seinem Volkstum und an seinein Lande hängt. Mit tiefer, innig tiefer Wehmut fangen wir allmühlieh an, zu begreifen, dass er uns wirklich entrissen. Das jüdischste Herz hat aufgehört zu schlagen, das seinem Volke, das uns allen in liebevoller Treue schlug. Denn uns ist er gestorben, uns, die wir nicht wissen, was w ir ohne ihn tun werden, ohne seinen treuen Rat, ohne seine kluge und weise Sorge. Wir hatten ja für den Zionismus gekämpft und hatten jeder nach seiner Kraft und nach seinem Vermögen für die Wiederherstellung unseres Volkes in unserem Lande gearbeitet, ehe er in unsere Mitte trat. Aber wir wurden erst zu einem Volke, zu einem einzigen grossen Willen, als der Mann sich uns schenkte, der allein aus eigener innerer Grösse heraus uns alle vereinigte in seiner starken Hand zu dem einen Ziel. Er hat den Zionismus und die nationaljüdische Idee vorgefimden, aber den Kongress und die Partei, das wollende Volk, hat er geschaffen. Und in der so unendlich kurzen Zeit seines Wirkens, das ia im ganzen kaum acht Jahre umfasste, hat er die zionistische Bewegung zu einem Siegesläufe geführt über den ganzen Erdball. Und wo es heute Juden gibt, ob in den Ländern des rauhen Nordens, oder im heissen Süden, an den Gestaden des Grossen Ozeans wie in allen Ländem des alten Europa, da dureliwiihlt ein einziger Schmerz das jüdische Herz, der Schmerz um Vater und Mutter, die uns in einer Person zugleich entrissen, um den Grössten unseres Volkes in der ganzen Zeit unserer Wanderschaft. Ob Arm, ob Reich, wir alle haben ihn 1

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