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Jüdische Rundschau · 1904-06-24 · Heft 25 (24.6.1904) · page 14

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
IX (1904)
Issue
Heft 25 (24.6.1904)
Date
1904-06-24
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seite 270. JÜDISCHE RUNDSCHAU. No. 25. in den Vereinigte» Staaten “ Rednerin führte ungefähr folgendes aus: , , . , . Die Juden sind in Amerika vor dem Gesetze gleich, aber nichtsdestoweniger sind starke Vorurteile zu bekämpfen, wenn auch nicht in religiöser, so doch in ״nationaler“ und sozialer Hinsicht. Juden werden in Amerika nie die höchsten und einflussrcichsten Stellen erreichen, auch wenn sie die grösste Begabung dazu zeigen; gesellschaftlich sind Juden und Christen vollständig von einander getrennt. Auch Amerika hat keine Staatsrcligion; die betreffenden Gemeinden stellen den Rehgionslehrer, der jüdische Religionsunterricht findet Sonntag Vormittag statt, ist aber zu gering, um den Kindern nach dieser Richtung eine genügende Ausbildung zu gewähren. — Als im Jahre 1893 in Chicago das Parlament der Religionen tagte, tauchte zum erstenmal der Gedanke eines jüdischen Frauenkongresses auf. Ich schrieb in zwei Jahren mehr als 5000 Briefe, um schliesslich 14 jüdische Frauen zusatnmerezubringen. ״Wir fühlten uns als Jüdinnen, die von einem Volke stammen, das eine grossartige Geschichte hat.“ Keine einzige jüdische Frau war imstande über jüdische Wissenschaft zu berichten, nur auf dem Gebiet der Wohltätigkeit hatten sic sich bisher betätigt. Wir zogen daraus die Lehre, dass vor allem das Interesse an der Bibel und der jüdischen Wissenschaft wiedererweckt, und der Unterricht der Kinder nach dieser Richtung ausgebaut werden müsse. 1893 stiessen wir auf viel Indifiercntismus, heute haben wir 71 Ortsgruppen mit 10000 Mitgliedern in den Vereinigte» Staaten. Die grösste Ortsgruppe hat 1100, die kleinste 12 Mitglieder. Zwei besondere Komitees sind gebildet worden, dem einen unterstellt die Pflege der Religion und jüdischen Wissenschaft, dem anderen die Wohltätigkeitsbcstrcbuiigen. Wir haben auch in die Komitees der Rcligionsschulen Frauen gebracht. Für die männliche u!ud weibliche Jugend im Alter von 13—IS Jahren haben wir 26 Union sections gegründet, wo jüdische Wissenschaft gepflegt wird und das Gefühl der Zusammengehörigkeit aller Juden geweckt werden soll; auch dabei haben wir gute Erfolge zu verzeichnen. Wir wollen jüdisches Selbstbewusstsein schaffen, das gegründet ist auf tüchtigem jüdischen Wissen. ־- . Frl. American ist nicht gerade Zionistin, aber vielleicht doch mehr, als sie selbst weiss, denn sie fühlt sich stets als zu unseren» ״Volk“ gehörig. L. F. Das Judentum ln der Provinz Sachsen. Bei der letzten Volkszählung wurden in unserer Provinz Sachsen insgesamt 8047 Juden gezählt, und zwar in den Regierungsbezirken Magdcbürg 3999 oder 0,34 Prozent. Merseburg 2070 oder 0,17 Prozent und Erfurt 1978 oder 0,42 Prozent. Die Durchschnittsprozentualzahl der Juden in» Preussischen Staate stellt sich auf 0,40 Prozent, •sie wird in unserer •Provinz daher vom Regierungsbezrke Erfurt übertroffen. Eine verhältnismässig geringere jüdische. Bevölkerung als der Regierungsbezirk Merseburg bat von den übrigen 35 preussischen Regierungsbezirken nur der Regierungsbezirk Stralsund, nämlich 0,13 Prozent. Unter den 48 Kreisen, aus denen sich unsere Provinz zusammensetzt, finden sich verhältnismässig die meisten Juden •natürlich in den Stadtkreisen, und zwar reihen sich diese wie folgt aneinander an: Halberstadt 18,0, Nordhausen 16,6, Erfurt 9.2, Magdeburg 8,4, Halle 8.0. Mühlhausen 6,5, Aschersleben 5,8, Wcissenfcls 3,2 und Zeitz 2,2 Juden auf je 1000 Binw’ohncr. Unter den ländlichen Kreisen finden sich die meisten Juden in den Kreisen Schlcusiugcn (4,5) und Grafschaft Hohenstein (4,3 auf je 1000 Einwohner.) In letzterem Kreise (Landkreis Nordhausen) sind die Städte Bleicherodc und Ellrich die Hauptsitzc der jüdischen Bevölkerung. Ziemlich stark ist die Zahl der Juden in Nordhausen gewachsen. Anfangs vorigen Jahrhunderts hatte man jüdische Einwohner in Nordhausen überhaupt nicht, da die reiclisstädtisclie Regierung den Zuzug von Juden nicht duldete. Letzterer trat erst mit Einverlclbung der Stadt in das Königreich Preusscn ein, d. i. also 1802, und hat allmählich dahin geführt, dass bei der letzten Volks- Zahlung In Nordbausen 474 Juden gezählt wurden. Dessau. Auf Einladung der Herren Moritz Probst. Landesrabbiner Dr. Walter. Rechtsanwalt Dr. Colin u'nd Stiftungs- Sekretär Otto Rosenbaum fanden sieb am 26, April im Fürstenhof die Mitglieder der hiesigen Kultusgemcinde zur Gründung eines Vereins für jüdische Geschichte und Literatur ein. In den Vorstand des,Vereins wurden der Rechtsanwalt Dr. Ascher als 1. Vorsitzender, der Landesrabbiner Dr. Walter als dessen Stellvertreter, ferner d'e Herren L c w>i s o h 11, Ta ss c. Dr. Marcus, Leyy und Jakobson gewählt. Bereits am 8. Mai wurde die Voreiistütigkeit mit einem Vorträge des als Rezitator ■n Deutschland bekannten hiesigen Hofschauspielcrs Hans Calm eröffnet, Herr Calm brachte zunächst drei Psalmen, das Buch Ruth lind das Klagelied Davids aufs Kaul und Jonathan . (2. Sam. 1, 17—27) zuin Vortrag und rezitierte im zweiten Teile das Hohelied• Die Gestalten der Dichtung wusste er so plastisch .mittels seines Vortrags vor die Augen der Anwesenden zu stellen, dass diese ein Drama sich abspielcn sahen, es wurde auf diese Weise mehr Verständnis für die Dichtung gewonnen, als durch langatmige Erläuterungen. Den Schluss des Vortags bidetc ein Kapitel aus Sirach. Der Verein Jüdischer Studenten an der Universität Freiburg begann am 7. Mai sein zweites Semester mit der Antrittskneipe, die von zahlrechtfn Gästen besucht war. Unter anderen waren Mitglieder des V.J.St. Strassburg und Vertreter hiesiger jüdischer Vereine anwesend. Bbr. Stahl hielt die Tendenzrede, die mit grossem Befall aufgenommen wurde. Wir haben sieben neue Füchse und im ganzen 19 Aktive. Der V.J.St. Freiburg will, wie die Im ״Bund״ Jüdischer Korporationen (B.J.C.)V vereinigten Vereine Jüdischer Studenten seine Mitglieder neben der Unterweisung in studentischen Dingen zu reger Anteilnahme am jüdischen Leben crzicncta, indem er sic in die wissenschaftlichen, politische» und sazalen Fragen innerhalb des Judentums in Vergangenheit und Gegenwart einzuführen sucht. Es wurden hs jetzt folgende Vorträge gehalten: Bbr, Stahl: ״Bar Kochba”, Bbr. Kassel: ״Geschachte und Lage der Juden in England“. Für die körperliche Ausbildung wird durch Turnen und Fechten gesorgt. t ,, Briefe sind zu richten an s t» d. r c r. n a t. K u r t Hammerstein. Guntramstr. 20. Das Honorar Im Ti-szaj-Eslarcr Prozess. In einem soeben i erschienenen Werke, das den Titel ״Der grosse Prozess, der 1 sei{ tausend Jahren anbült und »och immer nicht zu Ende ist"! trägt, schildert der bekannte Publizist Karl Eötvös den Tlsza- I Eslarer-Prozcss mit allen Einzelheiten. Der Verfasser, der als I Hauptverteidiger in die Mysterien der Biutanklage eingedrungen! ist. bietet einen Spiegel des grossen Prozesses und seines j Werdeganges. Es unterliegt keinem Zweifel, dass dieses Werk überall mit grossem Interesse gelesen wird. 111 dieser Chronik '• nimmt der Verfasser auch pro domo das Wort. Er wurde nämlieh seinerzeit beschuldigt, der Prozess habe ihm Millionen I eingetragen und Millionen habe er zur Bestechung der Richter, der Zeugen etc. verwendet. Er widerlegt die Anklage mit i einigen interessanten Daten. Die jüdische .,Landeskanzlei“, das Zcntralorgan der Kultusgemeiriden Ungarns, stellte ihm als Hauptverteidiger 33 000 Gulden für Vorarbeiten, Recherchen etc. zur Verfügung. Für Reise im Interesse der Sache, für Nachforschungen, für! Honorare an seine Mitarbeiter verausgabte er etwa 18 000 Guli den, so dass .hm noch 15 000 Gulden blieben. Dieser Betrag 1 und das ihm nach Beendigung des Prozesses überreichte Honorar im Betrage von 20 000 Gulden waren die ganze Entlohnung für die unermüdliche Arbeit eines ganzen Jahres. Der Verteidiger Horanszky erlrclt ein Honorar von 3000 Gulden- ן Der Rechtsanwalt Dr. B. Friedman!!, der bei der Sehlu$svcr- | handlung seine Stelle vertreten musste, bekam einen gleich! grossen Betrag. Die Verteidiger Alexander Funtak und Ignaz Hcitfiaty.1. de bei der Sclilussvcrhandlung mit Eötvös die Verteidigung leiteten, wurden mH 19 000 Gulden honoriert. Der Verteidiger Szekcly verzichtete auf jedes Honorar. Die VierteicFgung beanspruchte demnach einen Aufwand von etwa 60 000 dulden gleich rund 100 000 Mark. Direktion der Strafanstalten. Der Züchtling Joseph Höll, geboren am 19. Juni 1S62 in Tolkcmit. Kreis Elbing, welcher seit 25. November IS99 eine Zuchthausstrafe von 5 Jahren hier verbiisst, ist heute morgen 61גז Uhr entwichen. Antrag: Festnähme und Nachricht. Hüll ist 1,64 m gross, gesetzt, hat dunkelblondes Haar, hohe SLni, graue Augen, lange Nase, die Zähne sind lückenhaft. Besondere Kennzeichen: Sciinittnarbe am rechten Daumen jüdisches Aussehen. Ainzug: Züchtlingskiddüng, von denen die Stücke. Hemd. Halstuch. Taschentuch not der No. 91 versehen sind. Vechta, den 20. Dez.hr. 1903. Ramsauer. Diesen Steckbrief bringt die ..01 dcnburgischcn Anzeigen" in ihrer Nummer 297. Der ״Züchtling in11 dem jüdischen Aussehcn" gehört der Edelrasse an und ist evangelisch. . Ein Mordversuch in fr lest. Gegen den bekannten Grosshändler Giuseppe Morpurgo wurde in Triest gestern mittags im israelitischen Wohltütigkeitsvere'n ein Attentat verübt. Morpurgo'.. der Vizepräsident des Vereins ist. begab sich aus dem grossen Saal 11׳ ein Nebenzimmer, als ihm ein Bittsteller, der sich als der 40jährige Markus Hana aus Korfu legitimiert hatte, nachfolgte und ihm mit einem Dolch einen Stich In die rechte Seite versetzte. Der Attentäter ergriff hierauf mit einem Manne, der m't ihm erschienen war. die Flucht. Die beiden wurden Jedocli verfolgt und auf der Strasse iestgenommen. Herr Morpurgo. der schwer, wenn nicht lebensgefährlich verletzt ist. gab der Vermutung Ausdruck, dass es sich um jlcn Anschlag gedungener Mörder handle und dass das Attentat

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