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Jüdische Rundschau · 1904-06-24 · Heft 25 (24.6.1904) · page 11

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
IX (1904)
Issue
Heft 25 (24.6.1904)
Date
1904-06-24
Page
– (sequence 11)
Language
German
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JÜDISCHE RUNDSCHAU. Seit« 267. '! No. •25. -1- ״Nicht »vielleicht*, Herr Beer,'׳ bemerkte der Vorsitzende. *Sie müssen «ns das mit Bstimmthcit sagen." ״Nu, so hat er ausgeschaut!" Am 17. d. beginnt das Verhör der Entlastungszeugen. thirch das bisherige Beweisverfahren sind die Rädelsführer del* Exzesse stark belastet. Uebr.'gens wird Wien nicht minder antisemitisch regiert, als Uhnow. In der letzten Gemeinderatssitzung »ntcrpe'lierte. wie bcrcits mitgeteilt wurde, Dr. Oskar Hein wegen der ungleichmassigen Vorschreibung von Heimatrechtstaxen durch den Haimatrechtsausschuss des Gemeinderates. Dr. Lueger gab, w'e erinnerlich, zur Antwort, dass die vom Interpellanten erwähnten Vorschreibungen der Höchsttaxe von 600 Kronen für zwei Ausländer ein in dem bezüglichen Gesetz statuiertes Recht der Gemeinde sei, von dem sie bc' Personen, die sic aufzunehmen genötigt ist, eben Gebrauch mache. Zu dieser Angelegenheit erhält die .,Zeit" von Dr. Oskar Hein folgende Zuschrift: ״Da sVh nach der Geschäftsordnung des Gemeinderates an die Beantwortung einer Interpellation eine Debatte nicht ankniipfen lässt, so ersuche ich mit Riichsicht auf eie in der gestrigen Sitzung des Gemcindcratcs erfolgte Bcantwortiiig der. von .mir eingebrachtcn, auf die Handhabung des neuen Taxgesetzcs bezüglichen Interpellationen nachstehende sich aus derselbe!5 ergebende Tatsachen testzustcllcn. In der letzteil Sitzung des Hcimats- und Biirgcrrcchtsausschusses wurde 45 ausländischen Gcsucbstellcrn die Zusicherung der Aufnahm? öi den Gcnicindeverband erteilt. Zwei Gesuchstellern f ü d ischer Konfession wurde trotz dezennienlangcn Aufenthal'.cs die höchste zulässige Taxe von 600 Kronen vorgeschrieben, während die, Gesuche vch 43 christlichen Petenten nach der Interpellationsbeantwortung als Gesuche um frehv.'/ligc Aufnähme behandelt und bei diesen eine bedeutend niedrigere, nach der Aufenthaltsdauer bestimmte Taxe vorgeschrieben wurde. Hätte die Regierung, wie ich dies vor der Sänktinnierung des Taxgesetzcs publizistisch anregte, in diesem Ab- Stufungen nach der Dauer des Aufenthalten stipuliert, so wäre eine gochmässigc Behandlung aller ausländischen Gesuchstellcr . gesichert wordet.1. Die durch meine Interpellation authentische Feststellung sollte einer Regierung zur Lehre dienen, die derarfge allgemeine Ermächtigungsgesetze zur Sanktion vorlegt, obwohl sie ganz gut wissen kann, dass sich dieselben in der Praxis ausschliesslich gegen die Angehörigen e'ner bestimmten Religionsgenossenschaft richten werden.” Inzwischen leiden die Juden ln Russland sehr schwer unter den Folgen des Krieges. Ihre Jugend kämpft in Ostasien, während die wirtschaftliche Not täglich noch wächst Sämtliche russischen Provinzblätter berichten fast tagtäglich über den durch den Krieg in Ostasien verursachten Notstand. Die dank dem holiC.1 Schutzzoll und der Protektion der Regierung entstandenen zahlreichen Fabriken, meistens von fremden Kapitalisten erbaut, haben ihre Tätigkeit eingeschränkt. Die Baumwollspinnereien in Lodz, sowie viele Fabriken in * Warschau, haben bereits die Arbeitsdauer bis auf die Hälfte reduziert. Das Banken- und Börsenblatt hebt die traurige Tat- Sache hervor, dass infolge der durch den Krieg hervorge- rufenen Unsicherheit sämtliche Werte im Fallen begriffen sind. Unter den Arbeitern, deren FAikmntuen vermindert worden ist, herrscht d:c grösste Misorc. Das Tagblatt ״Sewerozapadnyi Krai" (״Nordwestgebict") teilt ergreifende Einzelheiten über diesen Notstand mit. Im litauischen Industriezentrum Biälystok ist auch — laut der Petersburger ״Nowosti" — die Produktionstätigkeit!in hohem Masse eingeschränkt worden. Nach e'neni anderen Provinzblatt gibt es in Witebsk tausende von Handwerkern, die an den Bettelstab gebracht worden sind. Der grösste TeÜ aller d'esor Arbeiter sind Juden. 111 Moskau und Petersburg sind zahlreiche Bankerotte vorgekoinmen; das ganze Wolgagcbict, die Handelszentren Jaroslaw, N schni-Nowgorod, Saratow usw. leiden unter der schrecklichen! Geschäftsstockung. Auch in den grossen südrussischeli Han- , •delszentren Odessa, Nikolaicw, Kertsch. sowie im Kaukasus I und selbst in Sibirien herrsche׳״ Arbeitslosigkeit und Notstand. ' Ma« kann zwar die Ehrl'chkeit der Absichten des Ministers des Einern v. Plehwe in bezug auf die von׳, der Regiorung in Aussicht gestellte liberale Gesetzgebung betreffend die Juden bezweifeln. Eines unterliegt aber •kenem, Zweifel, dass, eringedenk des durch die Gemetzel in Kischinew und in Hornel hervorgerufenen Wcltskandals «nd der Kriegsmcdprlagen, die russische Regierung die nötigen Verfügungen getroffen hat, um keine Judenhctze zu gestatte 1. Daher muss sich sogar die Petersburger ״Nowojc Wremja“ anlässlich des projektierten Gesetzes, den Juden zu gestatten, :n den Grenzgebieten zu wohnen, nur darauf beschränken, die Regierung zu bitten, sie möge dafür Sorge tragen, dass die jüdisch! Grcnzschmuggier streng beaufsichtigt werden. Wir haben untätigst das energische öffentliche Schreiben des Polizei- Präsidenten von Kertsch veröffentlicht, worin er das antifomitisch-panslawist'schc Blatt ״Swjct“ des Generals Komarow wegen Verbreitung von aufhetzenden Lügenmärchen über die Juden an den Pranger gestellt hat. Und nun veröffentlichen de Petersburger Blätter folgende Meldung des sibirischen Oouvcrncmentsblattcs ״Sahaikalskija Iswcstija‘‘: ״ln dem Charbincr Blatte ״Charbinskij Wjesti.ik“ ist folgende Notiz erschienen: ״Es zirkulären Gerüchte, dass in Charbhi viele Juden und Polen 0?bete zu gunsten eines Sieges der Japanei über die Russen verrichten.‘* Anlässlich dieser Notiz hat der Polizcimc'stcr von Cliarbin die energischesten Schritte untermmmen. um den Verbreiter solcher Gerüchte zu eruieren.“ Die antisemitische Bewegung, die zu den blutigen Gemetzeln 11 Kiseh'iicw und Home! führte, scheint jetzt in Russ- ,and wenigstens in Uircr Rohheit abziiüauen. Unter dem Druck der Verhältnisse fühlt sich selbst der Minister des Innern v. Plehwe gezwungen, für d'c ״Ruhe" zu sorgen und kein.Auftaueben von judenfcindlichen Hctzmarchen und -Legenden zuzulassen. In dieser Hinsicht kann als merkwürdiges Symptom folgender Brief des Polizeiclieis der süd-russischen, Hafenstadt Kertsch am Schwarzen Meer. P. Janow. betrachtet werden. Den Anlass zur Veröffentlichung d'cscs Briefes in dem südrussischen Blatte ..Juschny Kraj" bot eine In! Petersburger panslawistischnationalistischen Hetzblatte des Opercttengencra’s Komarow* erschienene ״Korrespondenz" aus Kertsch, ■worin mitgetcilt wurde, dass die Jüdin wegen Beschmpfung der russischen Armee und Verherrlichung der Japaner von einem Christen durcligepriigclt wurde. Eben durch solche Märchen gelang cs seinerzeit der Clique Suworin (״Nowoje Wremja‘‘), Komarow* (״Swjet“) und Kruschcwati (״Bessarabetz“) tl>? Volksleiden- Schaft gegen d'c Juden aufzuhetzert. Damals stand aber de Polizei auf Seiten der Hetzer und Lfigeuverbreitcr, w׳e:l sic sich nach den Weisungen v. Plcbwes richtete. Das Oeschichts- Blatt ivat sich aber gewendet. Und nun «erklärt der PoVzeime'stcr •von Kertsch. Janow, in seinem offenen Schreiben: ״Ich stellte in bezug auf dcü Iiiba’t der in der Zeitung ,.Swjet‘‘ veröffentlichten Korrespondenz über die Jüdin eme genaue Untersuchiicg an. Ich habe dabei teststellen können, dass die Nachricht der Zeitung ״Swjet“ vollkommen aus der Luft gegriffen und nichts anderes ist. als die Frucht böswilliger Erfiiidung. die anständiger Leute unwürdig (ist, und und die nur den Zweck* verfolgt, zwischen den Vertreter!! verschiedener Nat.'onafitütcn Hass und Feindschaft za säen sowie das ungebildete Volk irrezufiilircn. Infolgedessen muss man stell zu derartigen böswilligen Lügen, wie die in der Zeitung ״Sw׳jet“ wröffent'ichtc, mit Misstrauen verhalten. Ein derartiges Vcr-’ fahren <ler Redaktion der Zeitung ״Sw'jet“ ist eine einfache böswillige Hetze. d:e der Presse unwürdig ׳fst.“ W*r hatten in jüngster Zeit wiederholt Anlass, die neue, etw as veränderte Haltung des Ministers v. Plelnve genenüber den Juden in Russland hervorzuheben. De Londoner ״Times“ erklärt diese Wendung in einer längeren Korrespondenz wie folgt: Die Reg'erung sehe sich genötigt, alle verfügbaren Geldmittel für Kriegszwecke zu verwenden. Infolgedessen sei es uh vcrmeidlich geworden, a'lc Arbeiten an Öffentlichen Bauten, Eisenbahnen usw׳, eliizustcllen. Dadurch, wyirdeu wärtschah^ln; •*׳*י* uv•.

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