Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- IX (1904)
- Issue
- Heft 23 (10.6.1904)
- Date
- 1904-06-10
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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]y/00p OQA'orp ÜUCjüJG U)UÜ 00 0 vO Abonnementspreis (Zusendung Inbegriffen) Vierteljährlich I. daroh dte Expedition: a) In Berlin M —,9a b) nach auswärts M j,— c) für das Ausland Al 1,50. s. im Fostaüonnoment M. 1,25 s. bet Sammolbezug durch die Ortsgruppe M. — ,60. Xnsorato Jie vlergespalicne Fctitzcilc 25 Pl Inaoratonbollagon 15 M. h § 'i Organ der Zionistischen Vereinigung für HeEstseSntsföKiL Adresse für Geldsendungen und Bestellungen: Verlag Südlsdie Rundschau, E. a m. b. H. Berlin n 54, Buguslshrasse flr. 19 a. Sprechstunden: ». 4—5 Uhr nachmittags. Redaktion*. Dr. Heinrich üoewc, Berlin HW. 10. hehrtersfrasse W/15. Unverlangte manuskrlpte werden nur bei Beilegung genügenden Rückporto zuradrgesandt. Baeetga■ ■Aar No. 23. Berlin, 10. Juni 1904 Der allgemeine Frauenkongress in Berlin. Mit einer grösseren Spannung als näheren gleichen Veranstaltungen sieht man dein allgemeinen Frauenkon* gross entgegen, der in der Woche vom 13.--18. Juni 1904 in der Berliner Philharmonie tagen wird. Es ist nicht bloss die bis in das Kleinste gehende Ausarbeitung des Piogran.ms, nicht bloss die Menge zum Teil recht herverragender Frauen, die erscheinen wird, die das Interesse wachruft. Auch nicht der begreifliche Wunsch, neue Anschauungen und temperamentvollen Gcisteskampi zu hören, haben die Erwartungen so hoch gespannt, als vielmehr die Grösse des erstrebten Zieles und die K011sequenz, mit der cs von seinen Anhängern erstrebt wird. So lange die Kulturnicnsclihcit zuriiekdenken kann, hatte sie sich gewöhnt, es als selbstverständlich an zusehen, dass der Mann der alleinige Herr der Schöpfung dazu bestimmt sei, die Frau zu bevormunden und in ihr kaum noch seine Gehilfin, wie es nach der altjüdischen Anschauung war, zu erblicken. Selbst im jüdischen Stamme, dessen älteste Ucberlicfcrunp die Frau geschaffen sein lässt als עזר כגנדו״“, als eine dem Manne entsprechende gleichwertige und ihn ergänzende Hilfe hat unter dem Einflüsse der Umgebung in Europa die Stellung der Frau cingcbiisst, und das. einzige, was sie statt dessen gewonnen hat, die Monogamie des Mannes, ist immerhin nicht von so unzweifelhaftem Wert, dass sie nicht von dem, was verloren gegangen Ist, übertroffen würde. Denn das jüdische Frauenrecht beruhte auf demselben sozial-gerechten Unterbau des mosaischen Staates, dessen unvergleichliche Grund- und Bodenverfassung das Muster der wichtigsten sozialen Rcformbewegung der Neuzeit geworden ist. Es ist anderen Nationen und ihrer Stellung zu den Frauen gegenüber bezeichnend, dass es fast zu allen Zeiten des biblischen Altertums an der Spitze der geistigen Bestrebungen Tranen gab, ‘ die als führende Geister dem Volke in Frieden und Kampf vorangingen. Eine ungeschickte griechische Uebersetzung hat aus diesen jüdischen נביאות Prophetinnen wie aus ihren männlichen Mitkämpfern Propheten gemacht, als ob es sich bet ihnen um Mantik und Vorherverkünden der Zukunft gehandelt habe. Aber etwas ganz anderes ist es, das das besondere 27. Silvan 5684. IX. Jahrgang. jüdische Interesse an dem Frauenkongress fesselt- Es ist eine gewisse Aehnliehkeit in dem historischen Geschick der Frauen und dem der jüdischen Nation, das nicht nur im jüdischen Volke gewisse weibliche Charakterzüge entwickelt hat. sondern das zu einen! Vergleiche auch des Fieiheitskampfcs aufierdert, den beide zu führen und zum Teil auch schon begonnen haben. Bezeichnend ist es, dass der Freiheitsbewegung der Juden wie der Frauen das unschöne Wort ״Emanzipation“ vorangeschrieben ist, das aus dem hässlichsten Kapitel des harten römischen Rechtes entstammt. Aber bei beiden konnte cs nicht bei einem Kampfe um die Emanzipation, um die Befreiung von der Bevornmndung des einzelnen stehen bleiben. Handelt es sich doch um die Wiedergutmachung alten schw־cren historischen Unrechts, um die, Wiedereinsetzung in die Menschenrechte. Bei beiden aber hat die lange Zeit der Entrechtung, die nicht nur eine politische und soziale war und ist. den Charakter in einer Richtung entwickelt, der im Kampfe um die wiederzuerringenden Rechte •wenig geeignet ist. Die Energie ist durch die lange Jahrlmnderte und Jahrtausende währende Unterdrückung eine passive geworden, während gerade aktive Tatkraft am meisten erfordert wird. Daher ist ja eben auch der Emauzipatienskampf mit Unrecht so sehr in den Vordergrund gerückt, dass er alle andern Bestrebungen lange Zeit ganz verdrängen konnte. Wenn aber die Frauenfrage und die Judenfrage bei aller Verschiedenheit so vieles Achnlichc aufw eisen und so viele Berührungspunkte haben, so sollte man erwarten, dass gerade die Frauen, die am meisten in der Bewegung stellen, auch am ehesten die Entrechtung fühlen sollten, die ihrem eigenen Volke zuteil wird- Wir haben leider zu oft die bittere Erfahrung gemacht, dass gerade die Juden alles andere eher begreifen und für alles andere eher Empfinde״ haben, als gerade für ihre eigene Nation. Es erinnert das an jenen Zug weiblichen Charakters, der für die nackten Ncgerkinder in Afrika Kleider sVcndcn lässt, während man die noch tausendmal entsetzlichere Not in nächster Nähe dauernd übersieht und höchstens bis zu einem auch aus andern minder idealen Gründen erwünschten Wohltätigkeitsbazar sieh auischwingt. Ganz so stehen viele jüdische Frauen im Vordertreffen der allgemeinen Frauenbewegung, während sie für die entsetzliehe Not ihres eigenen Volkes höchstens einen vater-