Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- IX (1904)
- Issue
- Heft 19 (13.5.1904)
- Date
- 1904-05-13
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 200. _ _ JÜDISCHE RUNDSCHAU.____ N,9■ 19., Seelenleben der Eitelkeit seiner nichtiüdischen Mitbürger zum Opfer,־ indem er Ihnen zu Liebe sein Judentum verrät, so verdient er nach der Meinung dieser seiner Mitbürger, in den alten Zustand der Rechtlosigkeit zurückversetzt zu werden. ' Und doch istt dies nur die eine Seite des Antisemitismus, wähnend die andere, ln ihrem äusseren Habitus zwar etwus feiner, aber doch nicht minder gefähr'ich. Er will bei Leibe nicht das Rad der Zeit aufhalten und auf eine Praxis zurückkehren, die die Juden durch Ghcfctomauern abgesondert und sie auch sonst der primitivsten Menschen-!rechte beraubt hat Andererseits Ist er nicht unbefangen genug, die ausgesprochene Oleichberechti״ung voll und ganz in Praxis umzusetzen. Um aber diese Befangenheit zu rechtfertigen. weist man auf eine ..Judengefahr” hin, die nicht existiert: auf Jüdische Sonderbestrebungen und Weltherrschaftsgedanken, die man behufs dieser Rechtfertigung der Phantasie entliehen hat Könnten sich doch, die das behaupten, in das Seelenleben der Juden einen Einblick verschaffen, sie sollten bald linne Werden, wie es da mit dem Wclthcrrschaftsgedanken bestellt ist Zur Abwehr dieser fiktiven ״jüdischen Gefahr” •und um die Juden crdl'ch zur Erfül'ung der Emanzipationsbedingungen. d. h. zum Selbstaufgeben zu zwingen, wird als wirksamstes Mittel in Empfehlung gebracht, das Fundament, auf ־‘dem die Existenz des grösseren Teiles der Judcnheit beruht zu untergraben. Sehen wir. mit welchen Worten Eduard v. Hartmann*) das Judentum zum rascheren Aufsrehen in den ..Wirtsvölkern” veranlassen will und wir wissen, mit welchem Mittel man sich zur Bekämpfung der Juden bedienen will. Es heisst da: * ״Sol'ten (Ve Juden fortfahren, die von der Nachsicht ׳ der .Wirtsvölker gewährte provisorische Frist zur Um- Wandlung für ein ihnen zustchcndcs definitives Recht zu halten, so würden sie cs ganz allem sich selbst zuzuschreiben haben, wenn dem Volke de Geduld risse, und die aj־t:scmitische Bewegung einen systematischen, wirtschaftlichen Kampf gegen das Judentum organ'sierte.” Zwei Wege führen da zur Lösung der Judenfrage und wir werden vor die Alternative gestellt ciien dieser Wege zu wählen. Entweder wir geben uns auf und bestreben uns, so rasch als möglich in den anderen Völkern aufzugehen. So wir aber dies nicht wollen, so so’l uns der wirtschaftliche Krieg auf der ganzen Lire erklärt werden und wir werden gezwungen sein, uns rr/t obiger Forderung zu befreunden, oder unserer Wege zu z;ehen. Wohin? Dafür gibt er bis nun keine Antwort Dies die Lösung der Judemrage, wie s'e von nichtjüdischer Seite für Nichtjuden gedacht wird. Dass kein Jude dieser Lösung zusthnmen kann und darf, liegt kjar zu Tage und muss nicht erst betont werden. Von Wichtigkeit •ist abor, wie sich die Juden de Lösung dieser Frage, die doch an erster Reihe;Ce angeht vorstellen, und dies um so mehr, da die Lösung in erster Reihe auch von ihnen ausgehen muss. Nun ist aber b's jetzt von jüdischer Seite diese Frage nicht ernstlich ventiliert worden. Die Einen ljessen sic •in der Form einer Judenfrage überhaupt nicht an sich heran, indem sie eine solche überhaupt negierten und als nicht existierend hinstclltcn. Andere wieder, die das Vorhandensein einer Judenfrage zugegeben, sind von der Aussichtslosigkeit einer befriedigenden Lösung so durchdrungen gewesen, dass sie sich, dem bequemen Prinxip ״laissez faire et laissez passer" huldigend, nicht weiter mit der Frage beschäftigt haben. Es wird ewiges Verdienst des Zionismus bleiben, dass er mitten in dieser Rat- und Tat'osn'gkcit mit einem festen Vorschlag gekommen ist. der geeignet ist dieser Rat- und Tatlosigkeit ein Ende zu bereiten. Die Entstehung des Zionismus hat denen, die es nicht glauben wollten, bewiesen, dass es eine Judenirage gibt: er hat aber gleichzeitig den Weg gewiesen, der zu einer alle Teile befriedigenden Lösung führen kann. An uns ist es Jetzt, welcher Art der Lösung wir den Vorzug geben. Die von nichtjüdischer Seite empfohlene kann es nicht sein. Wir wollen und dürfen uns!rieht assimilieren: wir wollen und müssen unter allen Umständen Juden bleiben. Dies wird uns aber allenthalben schwer gemacht, in allen Ländern und in allen Berufen wird es dem Juden von Tag zu Tag schwerer gemacht, sich behaupten zu können. Man verlangt von ihm das schwerste; das Aufgeben seiner selbst und dies in der Form eines Ultimatums, das bei weiterem Verharren im Judentum noch weitere Schwierigkeiten und Bekämpfungen in Aussicht steht. Dagegen schlägt der Zionismus eine Lösung der Judenfrage vor, die von jüdischem Standpunkte als die cinz'g riehtige erscheinen muss. Nicht Aufgaben des Judentums, nicht Abkehr von —. sondern Rückkehr zu demselben, ist hier die Devise. Ohne Judentum ke'nc Lösung der Judenfrage. Die Betonung wahren und echten Judentums als erste Prämisse je- (1er Lösung der Judenfrage ist das Moment, an welchem der Zionismus unentwegt festhalten muss. Und dieses Moment, cs wird dem Zionismus die stärkste moralische Stütze sein in dem Kampfe, den er unternommen und wird ihn auch zum Siege führen. Und wie die intellektuelle, so ist auch die materielle Seite des Zionismus geeignet, die Juden sich selbst wiederzuoebe». Was will denn der Zionismus anderes, a's d e Jude!!, die oder deren Existenz auf einem ״Vulkan" (wie sich Hartmann riehtig ausdrückt) sieht, auf sicheren Boden zu bringen, wo sie ernst vor Lavaartigen Wut- oder Böswiüigkeitsausbrüchen der ..Wirtsvölker" zu fürchten hätten. Und noch mehr handelt es sich doch in erster Reihe um Menschen, über die die Lava sich schon ergossen hat und die rn'tten im Feuerregen stehen. Indem der Zionismus das will und dahfn arbeitet, hat er die e'nzig mögliche Lösung der Judenfrage In jüdischem Sinne angebahnt. A'lerdings hängt es von den Juden selbst ab. ob.uud wann diese Lösung herbeigeführt werden kann. Dr. Ph. Frankl. *) Hart mann, Ed. von: Das Judentum in Gegenwart ond Zukunft. N. Ausg. 189S. freudig zu begrüssen. Wir stehen deshalb nicht an, se'bst ־ schwächere Erscheinungen auf diesem Gebiete milder zu beurteile», als wir es auf andern! Gebiete gewohnt sind, eben wert die Nachfrage sehr gross und das Angebot minimal ist. Uns fehlt aber eine Geschichte unserer Nation in kurzem Rahmen und In objektiver Darstellung, die zugleich von edler Begeisterung getragen wäre, für unsere Schuljugend vollkommen. Denn das grosse Unglück unserer Nation ist hier wie auf vielen andern Gebieten, dass man d e Geschichte der Juden für ein Stück Dogmatik. fü,r eine Religionsgeschichte hält, und deshalb die grossartige Geschichte des Volkes neben aller Tendenzcrei nicht zum Ausdruck komme״ kann. Ein kle'nes Buch, wie es Graetzens unsterbliches Werk (m grossen ist, fehlt uns noch vollständig. Es Ist eben viel leichter Graetz zu tadeln, als es ihm auch nur Im־ allerentferntesten ähnlich zu machen. Auch Löwenstein■ gehört zu, Graetz’ Tadlern, wenn er schreibt: ״so hat die Methode der Graetzeschen Geschichtsforschung vielfach berechtigte Bedenken hervorgerufen. Sie lässt allzu oft de voraussetzungslöse geschichtliche Wahrheit vermissen, und bewegt sich statt dessen in subjektiven Anschauungen, aus denen teils gewagte, teils falsche Schlüsse gezogen werden. So wenig Graetz in'seiner Geschichte davor zurückscheut, Männern, deren glänzende talmudische Gelehrsamkelt und anerkannte Charaktergrösse allseitige Bewunderung erregt hat, Halbwissen und niedrige Qesinnungswcise anzudichten, ebensowenig trägt er Bedenken, in seinen exegetischen Studien den Text der heiligen Bücher nach Willkür umzuändem. " Da sollte doch Löwenstein sich ein ganz klein wenig gesagt sein lassen, dass man in den Brunnen, aus dem man trinkt, keinen Stein werfen soll, und si Graetz non graelzasset, Löwenstein non saltasset. Oder gilt Graetz gegenüber das Bibelwort von Brunnen und Stein so wenig, wie Kaiser Sigismund sich gebunden erachtete durch das .Wort, das er einem ״Ketzer" gegeben hatte. Dabei weiss Löwenstein nicht einmal Graetz’ Werk richtig zu benennen. Denn Graetz war eben nicht der Mann, der sich jungfräulich-scheu ״Israelit*‘ nannte, — er hat sein Work ״Geschichte der Juden" genannt. Wenn Löwenstein sich auch nur die Mühe genommen hätte, die beiden Titel (Ober- und Untertitel) des ersten Bandes sich anzusehen, so hätte er verstanden, dass Graetz unter ״Israeliten" nur die 12 Stämme, bezw. die 10 Stämme des Nordreichs versteht, während er sein Werk ״Geschichte der Jude n“ nennt. Ein solches Werk will richtig zitiert sein, in euem Buche, das auf ihm aufbaut. Aber Löwensteins Buch hat ganz andere Grundfehler, als diese immerhin charakteristische Ungenauigkeit. Wenn wir bei einem Schul- und Lehrbuch für die Jugend das Beste verlangen und zu diesem Besten auch das Ringen nach Voraussetzungslosigkeit rechnen, wobei wir uns sehr wohl vergegenwärtigen, dass wir immer subjektiv bleiben werden, so bedauern wir es umsomehr, wenn die historische Ten-