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Jüdische Rundschau · 1904-04-22 · Heft 16 (22.4.1904) · page 14

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
IX (1904)
Issue
Heft 16 (22.4.1904)
Date
1904-04-22
Page
– (sequence 14)
Language
German
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J JÜDISCHE RUNDSCHAU. Nö. 16. Seite 170. Streben nach Erhaltung des Jüdischen Volkstums Ausdruck geben. — Zum Schluss forderte Redner zu lebhafterer Betelligung an unserer Bewegung auf; denn wer unser Programm kenne — eine öffentlich-rechtlich gesicherte Heimstüttc in Palästina für die Millionen Heimatloser zu gründen — dürfe y von unseren Bestrebungen sich nicht abschliessen. Unter lebhaftem Beifall schloss Redner seine fesselnden Ausführungen. An der darauffolgenden Diskussion beteiligten sich besonders die Herren: Dr. Moses, Julius Simon. Stadtverordneter Levl'und Brunhlld. Der Ortsgruppe, traten 11 neue Mitglieder bei. S. R. | Rundschau. | BßBSlCTSSeB3®tSSRS3a13S3rE®KS3S3ei5S3»S.l Berlin. Am Sonntag, dem 24. April, wird •im Sitzungssaale der Repräsentanten der Jüdischen Gemeinde die Haupt- Versammlung zur Begründung des Verbandes Deutscher Juden stattfinden. Beginn der Sitzung ll1^ Uhr. Für die Vertreter der jüdischen Zeitungen wird ein besonderer Platz reserviert werden.. Berlin Jüdischer Turnverein ״Bär Kochba“. Am Sonnabend, dem 23. er., abends 9 Uhr findet im Saale des Ver. Berl. Musiker Kaiser Wdlhcimstr. 18m ein Vortrag des bekannten Bodenreformers Damaschke über ״Die Bodenreform ln Israel“ statt. Qästc wi 11 k0mme 11. Die Zurücksetzungen der Juden in Preussen werden immer ärger. Dagegen vermag keine Abwehr des Antisemitismus etwas auszurichten. Der Verein zur Abwehr des Antisemitsmus konstatierte in seiner Generalversammlung daher neues und altes Unrecht, vermag aber kein Mittel zu ihrer Beseitigung zu finden. Bezeichnend ist dafür eine dabei angenommene Resolution: ״Die Stellung der Juden in! deutschen Heere entspricht in keiner Weise dem verfassungsrechtlichen Grundsätze konfessionelier Gleichberechtigung. Zumal in Preussen ist heute däs Aufrücken unserer Jüdischen Mitbürger in Oiiizierstelleii taitsächlich ausgeschlossen. Da die Juden an den Heereslasten wie an allen anderen Staatslasten zum Vollen beteiligt werden, so erscheint ihre aus sachlichen Gründen schlechterdings nicht zu ־rechtfertigende Zurücksetzung im Heere als eine staatsbürgerliche Ehrenkränkung, dio eines Rechtsstaates, unwürdig ist.“ Eine sehr arge Verschlimmerung in der politischen Lage des deutschen Teiles der Judenheit, der Ja auch wirtschaftlich sehr zurückgegangen ist, bedeutet das offene Umschwenken eines TeUes des Zentrums ins antisemitische Lager. De! Pfarrer Skowronnek, dessen wir ln voriger Nummer gedachten, hat noch einen zweiten in diesem Sinne sehr charakteristischen Brief an die ״Vossische Zeitung" geschrieben. * Der Brief lautet: Bogutschütz, I. April 1904. Lassen Sie sich doch nicht so riesige Bären aufbinden: 1) ״Dass der Bogirtschützcr Friedhof bis vor etwa zehn Jahren ein rein deutsches Gepräge . hatte“: 2) ״dass die jüdischen Geschäftsleute noch immer die strammsten Zentrumsagitatoreji gewesen sind“. Sollte ihr Kattowitzer Berichterstatter wirklich davon nichts wissen, dass am Abende der fetzten Reichstagswahl die Kattowitzer Judenschaft »m Hotel ״Monopol“ Korfanty unter Ucberrcichung eines• grossen Blumcnstrausses zur Wahl herzlich beglückwünscht hat? Das lässt doch tief blicken 11 — Es macht deshalb einen geradezu komischen Eindruck, wenn die jüdische Journalistik In Hakatismus arbeitet. Da sind die oberschlcsisehen Schnapsjuden praktischer. Die fassen das ״fromme wasseryolnisclte Volk“ vön einer anderen Seite. Skowronek. Pfarrer. Dabei ist Korfanty' keineswegs Judenfreundlich, wie aus seiner Zeitungsdenunziation russisch-jüdischer Auswanderer deutlich hervorging. Selbstverständlich ׳ kam die Judenfrage auch Im Reichstag Und preusslschen Landtag zur Sprache. Dabei erinnert man sich der Redensart, das das Mädchen das beste wäre, von dem man .am wenigsten redet. Den Juden geht es nämlich immer unr so trauriger, Je mehr man von ihnen spricht. Und man spricht entsetzlich viel von ihnen. Seit dem Ausspruch des Kanzlers, der dem mächtigen Russland gegenüber nachgiebig, dem schwachen Heimatlosen gegenüber ebenso stark ist, glaubt jeder faule Zeitungsschreiber ein verbrieftes Recht auf die Titclverleihung von ״Schnorrer und‘Verschwörer" zu haben. Bei diesen erwähnten Parlamcntsdebatten nannte Bebel den ausgewiesenen Silberfarb ״einen Zionisten“, d. h. — wie er sich ausdrückte — ״einen orthodoxen Juden“. Wahrscheinlich hält Bebel auch Max Nordau für einen orthodoxen Juden. Ueber die Juden darf man eben absolut unwissend sein, und den Zionisten gegenüber machen Juden und Nicbtjuden von diesem ־ Recht recht weitgehenden Gebrauch. — Im Reichstag stellte der Abg. Kämpf die Frage, warum die deutsche Regierung die vertragswidrige Behandlung deutscher Juden in Russland zulasse. Der Staatssekretär gab in einer sehr langen Rede die übliche Antwort, nämlich gar keine. Faktisch ist damit eine privatrechtliche Ausnahmestellung gegen die deutschen Juden geschaffen, wie ja ein solches Gesetz augenblicklich auch gegen die Polen in Arbeit ist. Vielleicht fangen doch die Juden der Provinzen Oberschlesien, Posen und Wcstpreusscn an. schneller, als es der preussichen Regierung lieb ist, zu begreifen, wie sie allein ihr Achtung und Beachtung abnötigen können. Gleichzeitig steigt die wirtschaftliche Not der jüdischen Massen in allen Ländern, wohin sic sich noch flüchten durften. Im Ostende Londons sind die jüdischen Bäcker in den Ausstand getreten; sic stellen nachstehende Bedingungen: Mindestlolm von 26 Sh. pro Woche, 12stti!1digcr Arbeitstag, Anbringung einer tradeunionistischcn Marke auf jedem Brot, ein Ruhetag im Zeitraum von 7 Tagen. Der Streik nahm seinen Anfang mit grossen Umzügen durch die fast nur von ״Ausländern“ bewohnten Strassen. Bei diesen Umzügen fiel besonders eine grosse Schar jüdischer Schneiderinnen auf, die ein mit hebräischer Inschrift versehenes Banner mit sich trugen. An der Spitze des Zuges marschierte ein nur aus Juden zusammengesetztes Musikkorps in roten Röcken, das ununterbrochen die ״Marseillaise" spielte. Hinter ihm wurde eine Tafel ־mit russischer Inschrift getragen. Am Nachmittag versammelte sich eine ״aus allen Nationen der Welt“ gemischte Volksmenge um 2 Rednertribünen auf einem offenen Platze in Whitechapel. Es Wurden hebräische Flugblätter verteilt; die Redner sprachen jüdisch - deutsch. Die Hauptbeschwerde war die, dass englische Arbeiter weit höhere Löhne und weit kürzere Arbeitsstunden hätten als die ״Ausländer“. Mit der ihr eigenen Nüancc chrisficher Liebe bringt die ״Post" diese Meldung unter der Ueberschrift ״Schnorrer und Verschwörer fn England.“ Es ist nur gut, dass in England die Engländer und nicht die deutschen ״Postleute“ regieren. Russland, .das. die heiligsten Güter der europäischen Völker in Ostasien zu verteidigen vorgibt, schickt dorthin seine polnischen und jüdischen Untertanen, weil die russischen Kinder im Reiche Väterchens ihren Osterrausch noch nicht ausgcschlafen haben. Wie der Kriegsministcr Kuropatkbi den Juden gegenüber gesinnt ist, haben wir kürzlich an anderer Stelle nach Tatsachen deutlich beleuchtet. Dem sozialistischen Pariser Blatt ״Action“ zufolge hat er einen vertraulichen Erlass an die Armeekommandos gerichtet, in dem auf die revolutionäre Propaganda in der Truppe hingewiesen wird. Im besonderen aber sollen die jüdischen Soldaten aufs schärfste beobachtet werden, da die Erfahrung gezeigt habe, dass sie mit ihren Glaubensgenossen am Orte meist «n enger Fühlung stehen und unter diesen viele zur revolutionären Partei gehören. Es soll ein ganz besonderer Geheimdienst organisiert werden, der die jüdischen Soldaten und ihre Habseligkcitcn zu kontrollieren hat. Infolge dieser Verfügung muss unter den jüdischen Soldaten eine ganz besondere Berufsfreudigkeit eingetreten sein, und sie schwärmen sicher mit Schiller ״Ans Vaterland, ans teure sch.Mess* dich anl", während die judenfeindlichen Blätter ln Deutschland und umliegenden Ortschaften in! Demut vor dem russischen Kulturgenlus ersterben, gemäss dem Bibelworte: ״Auf deinem Bauche sollst du kriechen 1“

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