Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- IX (1904)
- Issue
- Heft 12 (18.3.1904)
- Date
- 1904-03-18
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2651273-2651341-2651354--01141-2657977- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
•י^^י׳י öeite ll<>. JüDlscHfe RüNbscHAÜ. No. 12. tand trotz ihres prächtigen Unsinns Eindruck* und die ajitijikhzche Stimmung nimmt an Umfang zu. In Erkenntnis dieser traurigen Tatsache beeilte sich der bekannte russische Publizist Alexander Amfiteatrow. in der neuen Zeit- Schrift ״Russij“ Menschikow und seine unwürdige Haltung scharf zu tadeln, und dem Antisemiten der ״Nowoje Wremja" vorzuhalten, dass er das Jüdische Volk beleidigt, zu einer Zeit, wo tausend« von Söhn«! dieses Volkes im fernen Osten für das russische Vaterland kämpfen. Auch die ״Nowosti“ brand־- markten die Haltung MenscI1iko\v׳s, während die ״Petershurgskija Wjedomosti“ auf Qrund von Informationen aus kompefrendtr Quelle die von der ״Nowoje Wremja" lairzierte Mddüng über den angeblichen Ankauf von Pferden für Japan durch rusr'sche Juden als Unwahrheit bczeichneteu. Aber, die kolossale Verbreitung der ,.Nowoje Wremja*‘ unter den russischen Militärs und unter der russischen Kaufmannschaft macht die von diesem Blatte cingcsclilagcnc Bahn der Vcrlüurrdung der Juden 7.u einer Zeit, wo die russischen Volksmasscn so leicht entzündbar S'nd, f 11 r unsere Volks- »nasser! zu einer fo»ss־״״s* gefährlichen. Wie weit uic Perfidic der ״Nowoje Wremja" geht, kann man daraus ersehen, dass sia alle von den Juden iti allen ihren Wohnorten veranstalteten Gottesdienste für den Sieg der russischen Waffen und Spcndensatmnlungcn für d*e Verwundeten und Kranken ganz einfach totsehweigt . . . Unter diesen Umständen ist es begreiflich, dass d:e Ausfälle der ״Nowoje Wremja‘*• unter den Juden in Russland Beunruhi>p111g erzeugt haben. Kiew. Die polzciliche Verfügung, dass die Familien der nach den! Kriegsschauplätze entsendeten jiidsichen Acr/.tc. welche in Kiew ihr Domizil hatten, das Wohnrecht in Kiew verwirken und daher in den Ansicdlimgsrayoi! zu iibersieJ-,111 haben, wurde zurückgezogen. Wie aie ״Kicwskije Otkliki" melden, fiat der Gouverneur von Kiew an de Polizeileiter von Kiew ein Zirkular gerichtet, in welchem anbefobleu wird: Die Familien der Aerz.te und Wundärzte, welche nach den! Kriegsschauplätze entsendet würden, haben auch fernerhin das Wohnrecht ü! Kiew. Ein ebensolches Recht gemessen auch die jüdischen Aerzte. denen der Aufenthalt in Kiew behördlich bereits gestattet wurde. Ein Tagesbefehl des Kiewer Polizeimcistc.rs vom 25. Februar verfügt jedoch, dass die Pol zei darüber wachen muss, dass die Eltern und Verwandten der hezeichneten jüdischen Aerzte und Wundärzte, welche jetzt ausserhalb Kiew leben, sich ohne behördliche Erlaubnis in Kiew nicht nicderlassen sollen . . . Petersburg. Unmittelbar nach eriolgter Anordnung dca־ Mobilisierung der Truppen in den west- und ostsibirischen Militärbezirk«! wurden alle Aerzte der kriegsmedizinischen Reserve ©'«berufen. Da jüdische Aerzte zum militür-ärzt- Uchen Dienste nur in Sibirien zugelassen worden, so wurden fast alle jüdischen Aerzte, welche nach der Molvlisicrungs- Erslarung einberufen wurden, den sibirischen MiL'tärbczirken zugeteilt. Petersburg allein hat nach Sibirien 150 Aerzte, darunter 90 Juden «itscndet. Kiew. Angesichts der demnächst bevorstehenden Er- Öffnung der grossen Jahresmesse in Kiew hat der Polizo'- meister von Kiew angeordnet. strenge darüber zu wachen, dass die au! die Messe kommenden Kaufleute nur in den Bezirken von Podol, Ploskojc und Lybedok wohnen. Den Polizedlettcrn der Bezirke von Starokiew, Dworzowy und Bulvarny, sowie den Lo'tern der Geheimpolizei der inuern Stadit wurde «'«geschürft, jüdische Kaufleiite zum Absiteigen in den Hotels und üi den möblierten Zimmern nicht zuzulassen. Gt. I Kleine Chronik. | Die für die Frage der Gültigkeit der Wahl In Eschwegc- Schmalkalden massgebende Antwort, welche die Armendirekton Kassel auf eine Anfrage unterm 8. Mürz, dem Vorstand des Freisinnigen Vereins (Freisinnige Volkspartei) erteilt hat. lautet nach der ״Freis. Ztg." wörtlich: Armen-Direktiou. J.-No. 4401 A. P. Kassel, den 8. Mürz 1904. Eilt! Auf das Schreiben vom }’». d. M. teilen wir ergebenst nut. dass die Ehefrau des Zigarrenmachers Wilhelm Hugo. Elise, geh. Boedicker, Holländische Strasse 88 II hier wohnhaft, auf Antrag ihres Ehemannes an! 15. Oktober v. J. in das hiesige Landkrankenhaus aufgenommen worden Ist, du dom sic ach noch befindet. Am 8. Februar d. J. musste auch das Kind Sophie des p. Hugo im Landkrankenliaus untergebracht werden. Die entstehenden Kur- und Verpflegungskosten hat der hiesige Landarmonverhand übernommen, weil Hugo landarm und ausserstande ist, diese Kosten zu zahlen. Jochmus. Hiernach kann es gamteht zweifelhaft seür. dass der | Reichstag die Wahl von Raab kassieren wird. Um unnötige Arbeit und Geldkostcn zu sparen, könnte die ״Freisinnige Volkspartei“ vielleicht gle'ch beim ersten Wahlgange( durch ,.Ausgeber! keiner Parole“ die Wahl ihres Antisemiten durchsetzen. Die Verhandlungen der 1. sächsischen Kammer über das Gesetz, betreffend die Regelung der Angelegenheit«! der jüdisehen Gemeinden, drehten sich in erster Linie um die Wirkung des neuen Gesetzes auf die Möglichkeit zum Austritt aus dem Judentum besw. Ucbertritt zu einer der christlich«! Kirchen. Der Leipziger Theologieprofessor Geheimer Kirchenrat D, Pank befürchtete vor allem, dass das Gesetz, das dem Austretenden, analog d«1 Vorschriften beim Austritt aus einer der christlichen Kirchen, die Anzcigcofbcht beim Seelsorger auferlegen will, durch derartige Bestimmung«! die Judentaufe erschweren könnte. Diese ״Bedenken" erschienen so durchschlagend, dass der Gesetzentwurf an die Kommission zuriickverwiesei! wurde. Aus einem Prager Tagesbericht: Der grösste Teil, etwa 61)0 Personen, wollte zum Deutschen Theater Vordringen, wo gerade Kainz als Gast spielte. Dort wartete jedoch bereits berittene Wache, die das Theater umschlossen hielt und die Demonstranten energisch zurücktrieb. Diese zogen nun, fortwährend tschechische Lieder singend. ״Nieder mit den Juden und Deutschen!“ rufend, in die Heinrichgassc; dort schleuderte plötzlich ein ziemlich verlottertes Individuum au! die Polizisten e'nen Stein, der das Pferd eines Wachmanncs traf." — Dafür, dass die Juden als ..Deutsche" in Prag geschlagen werden, haben sie aber auch das Recht, in Wien von den Deutschen geschlagen zu werden. ״Scliussgcld" auf Juden wird freilich noch nicht bezahlt. Zur Charakterisierung der Judcnfreundllchen Gesinnung des russischen Kr.'egs!n'::istcrs Kuropatküi. Bei einer Inspektionsreise in Polen wurde er '11 einem kleinen Grenz- Städtchen vom Rabbiner und dem Gemcindevorstande nach alter polnischer Ma-Joiiss-Sitte mit Thora-Rolle und Hildachin empfangen. Unter den versammelten Gcrr.cindcmitglicdem war auch ein 75jähr'ger Invalide, der seine 25jährige Dienstzeit unter Nikolaus I. absolviert und im Türkischen Kriege sich das St. Georgius-Krcuz erworben hatte. Der Minister geruhte sich über die höchste nvlitürische Auszeich- 111mg des Veteranen zu erkund:gen und fragte ihn: ״Wovon lebst du jetzt?" ..Von meiner Pension (= 20 Mk. monatlich) und vom Gelde. das mir meine Kinder aus Amerika schicken," war die Antwort. ״Und von Schmuggele•', wie gewöhnlich,“ fügte der Minister hinzu .... Eine feine Nummer leistet sich die ״Post“, indem sic folgendes Telegramm bringt und die weitere redaktionelle Anmerkung daran knüpft: 2060״ russische Bauen!, meistens!11 jugendlichem Alter stehend, die ihr Vaterland verlassen hatten. um sich der Einstellung in das Heer in Ostas'en zu entziehen, trafen gestern mit den! Dampfer ״Graf Waldersec" hier ein. Die meisten von ihnen haben ihr gesamtes Eigentum im Stich gelassen. D'c Russen wurden sämtlich in den Detentionsräumen in der Bucht von Ncwyork untergebracht, wo sie verbleiben sollen, bis die Erhebungen darüber, ob ihnen die Einwanderung zu gestatten ist. abgeschlossen sind. (Diese Auswanderer sind vermutlich Anhänger der zahlreichen in Russland vertretenen Sekten, die prinzipiell den Krieg als unsittlich betrachten. Oder sollten es ganz gemeine Drückeberger vielleicht von der anderen Konfession sein? Dann wird man in Amerika über einen Zuwachs an derartigen Staatsbürgern auch nicht sehr erbaut sein. D. Red.)“ Sic sind tatsächlich von der andern Konfession, nämlich der griechisch-orthodoxen, nicht der evangelischen, wie zahlreiche russische Sekten, und s'nd eben gemeine Drückeberger, während die Juden und Polen das ״Vaterland" für die Russen verteidigen müssen. Marokko und de Juden. Die Gerüchte aus Marokko werden «immer düsterer und erschreckender. So schreibt man aus Marokko an das englische Blatt ״AI-Moghreb Al- Aksa" in Tanger, dass die traurige Lage der Juden noch fortdauert, dass man immer neue Angriffe seitens der Mauren zu befürchten hat. Auch in Mogador herrscht jetzt eCnc schwere finanzielle Krise. Der Vorstand der jüdischen Gemcinde in Mogador Herr Reubcn Alma’ch, wendete sich am 1. Februar 1. J. an die Auglo-Jewish Association, worin er den traurigen Zustand der armen Juden von Mogador schildert. Ec meint, seit der Hungersnot von! Jahre 1879 habe es noch keine so. schlechte Zeit gegeben. Die Ursache des Elends wäre die allgemeine finanzielle Krise des Landes, was mit dc4n rap'den Falle und der Entwertung der Landesmünzen verbunden ist. Schleimige Hilfe wird erilch*.