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Jüdische Rundschau · 1904-02-05 · Heft 6 (5.2.1904) · page 7

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
IX (1904)
Issue
Heft 6 (5.2.1904)
Date
1904-02-05
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Ist doch die Orgel erst eine Erfindung des sechsten nachchristlichen Jahrhunderts, also mindestens ein halbes Jahrtausend spater in die Welt gekommen, als der Tempel zerstört wurde, in dem sie nach dem Ausspruche eines Vorstandsmitgliedes der Berliner Jüdischen Gemeinde regelmässig beim Gottesdienst benutzt worden ist. Zwar ist sie dann zuerst In den Kirchen des Orients, und dann seit dem 7!en Jahrhundert mitsamt den Glocken das eigentliche Kircheninstrument auch des. christlichen Okzidents geworden; aber im Sinne des ״liberalen“ Judentums hat die christliche Kirche ebensowenig einen gerechten Anspruch aui die Orgel und auf die Gfccken,.wie auf den Sonntagsgottes־ dienst. Denn auch * olfne diesen hat das Christentum bestanden, und hat ihn erst verbindlich gemacht, als man es für schimpflich und entehrend hielt, mit den jüdischer ״״üottesmördern“ den gleichen Tag als Sabbat- und Ruhetag zu begehen. Also die Orgel ist in nicht höherem Masse christlich als der Sonntagsgottesdienst, und so wie die sich liberal nennenden Juden diesen dem Judentum als ganz besondere Reform bringen wollen, so haben sie au־-.» die Orgel dazu aasersehen, eine ״Reform“ im Judentum zu sein, ״an Haupt und Gliedern“. Die Orgel und die Glocken, wenn sich die furchtsamen Juden solche erlauben würden, zu ihren Gottesdiensten zu lauten, sind ganz im Sinne jenes merkwürdigen Liberalismus, der den jüdischen Gottesdienst lediglich von dem einen Gesichtspunkte aus betrachtet, wie er auf die Nichtjuden wirkt. ־ Denn iiir den Freidenker ist es ja völlig gleichgiltig. ob er mit der Orgel oder ohne die Orgel nicht betet. Der Religiüsveranlagte wird aber immer mehr Andacht fühlen in seinem stillen Kämmerlein, als bei dem grossen Konzert, 'das durch die Anlockung derer, die umsonst Musik hören wollen, wahre Andacht in de* Orgelsynagoge unmöglich macht. Der Gesetzestreue und der Gesetzeskundige aber wird trotz aller rabbiuischen Gutachten wissen, dass klipp und klar der Orgeldienst nach Sinn und Wort unseres Gesetzes unzulässig ist. Das Gesetz, das das Spielen ven Musikinstrumenten .ausserhalb des Jerusalemer Tempels am Sabbat verpönt, ist ein Wort, das einen ganz besonderen S.i 11!1 erhält, wenn man die-.Be- Stimmungen über '“r. rr״ betrachtet, die uns nicht im gewöhnlichen Leben, sondern ausdrücklich für die gottesdienstlichen Veranstaltungen jede Nachahmung!! :teil, :hier und Nachäffung nichtjüdischen Gottesdienstes ver Das richtige Gutachten, das dem Vorstände de! li Jüdischen Gemeinde von den befragten Rabbinern zu erstatten gewesen wäre» hat schon im ״S c h 1 e m i e 1*׳ gestanden: Als in der Provinzialbatiptstadt D. in W.-Pr. die Orgel in die Synagoge eingeführt wurde, bewarb sich ־ auch ein Jude um die Organistenstelie־.“ Der Vorstand aber lehnte ihn mit grossem Bedauern ab; denn es würde• das religiöse Gefühl der meisten Gemeindemitglieder verletzen, wenn ein Jude am Sabbat die -Orgel spielte. ‘ ״Nu schön,“ meinte der Bewerber, ״bei festem Engegec;' ment wäre ich nicht abgeneigt, mich taufen zu lassen.“ — Der Nützlichkeitsstandpunkt, den der jüdische Bet . Werber um die D.-er Organistenstelle einnnahm, kehrt. in andern Formen in den von Berliner Rabbinern er-. statteten Gutachten nicht minder als in den Reden der Gemeindevertreter und Repräsentanten wieder. _ . Freilich müssen wir dabei von vornherein zugeben. ־־ dass uns die sogenannten ״Liberalen“ weit weniger missfallen haben, als jene, die sich konservativ nennen... Auch nicht ein einziger von diesen hatte den Mut, one!1_ zu sagen, dass die Orgel etwas Unjüdisches ist, und dass sie ebensowenig in die Synagogen hinein gehört, in denen sie bereits eingeführt ist. Vier Konservative waren konservativ von der entscheidenden Sitzung ferngeblieben, und der Fünfte entfernte sich unmittelbar, ehe es zur Abstimmung kam. Da sind die: Liberalen ganz aridere Männer. Mit einer Sicherheit ohne Gleichen, jener Festigkeit, die nicht das Vertrauen in die eigene Kraft, sondern die Schwäche des Gegners gibt, berufen sie sich auf jene merkwürdige, von ihnen veranstaltete Enquete, bei der einige 40 Personen ausdrücklich dem Liberalen Verein ihr ablehnendes• Verhalten gegen die Einführung des Orgelgottesdienstes zu erkennen gaben. Dabei verschweigen sie, dass man mir solchen Leuten die Karte zur Beantwortung zusändte,. von denen man gleiche Gesinnung voraussetzte, und dass *man ausdrücklieh nur die auftorderte, zu antworten, die. f ü r die Einführung der Orgel in der Rykestrasse seien. Dass trotz alledem einige vierzig Personen es für nötig erachteten, sich ausdrücklich gegen die Einführung der Orgel ausz.1lassen, beweist, wieviel mehr die Gemeinde gegen nie Orgeleinfiihning ist, als ihre konservativen Vertreter. ׳״■•*

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