Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- IX (1904)
- Issue
- Heft 4 (22.1.1904)
- Date
- 1904-01-22
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 3S. JÜDISUlL ktMlbCHAÜ. No. •). auch nach Deutschland zu importieren, um dadurch für Deutsch* la'nd die Freiheit wiederzugewinnen, die einwandernden russi* sehen Staatsangehörigen nach dem Masse seiner Interessen und Vorteile unterschiedlich zu behandeln. ״Schon der Ausschluss russsich-jüdischcr Geschäftsreisender, sagt Herr Hasse, würde für uns ganz sicher ein Gewinn sein. Noch erheblicher aber wäre aus den cingchends dargelegten Gründen für uns die Möglichkeit, bei der Einwande* rung und selbst bei dem Reiseverkehr aus Russland nach Deutschland die jüdischen und polnischen Russen anders behandeln zu können als die Russen deutscher, russischer, ruthe* nischer, litauischer oder sonstiger Nationalität.“ Man beachte die Feinheit dieser Unterscheidung. Danach wäre Deutschland in der Lage, die russischen Juden anders zu behandeln, als die russischen Staatsangehörigen russischer, rmhcnischer, tatarischer, kirgischer, kalmückischer und sonstiger Nationalität. Die letzteren können ein sehr wertvolles Meitschenmaterial und ein positiver Zuwachs an ״nationaler Volkskraft“ werden, während die russischen Juden in Deutschland unter die Ukase derer von Probcdoimszcw־ und von Plehwe zu stellen wären. Das ist die einzige Sorge, die den ״Nationalliberalen“ Hasse angesichts der Verhandlungen über den deutschrussischen Handelsvertrag bedrückt. Jetzt sind die Antisemiten sehr empört über die Bemühungen der Handelskammern, in den Handelsvertrag mit Russland günstige Bestimmungen für die jüdischen K«u:L1׳ie hir.einzubringen. Sie \ersteigen sich sngar zu der Behauptung, dass dadurch das Zustandekommen des Handelsvertrags verhindert werde. Der Beschluss des ״Kattewitzer Vereins selbständ ger Kauileute“, hei der Oppelner Handelskammer vorstellig zu werden, sie möge den Reichskanzler bitten, beim Abschluss des deutsch-russischen Handelsvertrages dahin zu wirken, dass selbständigen Kaufieuten und ihren Angestellte;), welche deutsche Juden sind, den Aufenthalt in Russland zur Ab- Wickelung ihrer Handelsgeschäfte in gleicher Weise gestattet werde wie nichtjiidischen Handlungsreisenden, ist ihnen ein Dorn im Auge; namentlich der zweite Teil dieses Beschlusses, dass der Reichskanzler durch Vermittelung uer Oppelner Handclskair.mer in einer eingehend begründeten Eingabe anegangen w erden sdl, eine Reziprozität in der Behandlung deutscher Handlungsreisender in Russland und russischer Handlungsreisender in Deutschland anzustreben. Die Petition soll den kaufmännischen Körperschaften aller östlichen Grenz- Provinzen zugänglich gemacht werden, damit diese in ähnlichem Sinne Vorgehen. Es soll besonders betont werden, dass die Tendenz der Anträge keinen konfessionellen, -sondern enen rein wirtschaftlichen Charakter trage. Das aber wird nicht daran ändern, dass den jeweiligen deutschen Regierungen mehr an der Freundschaft mit Russland und an einem bequemen Abwickeln der Vertragsverhandlungen liegen wird, als an den geden aufgefordert, ihr neues Krankenhaus der Stadt provisorisch zu überlassen. Die Vorsteher des jüdischen Krankenhauses kamen diesem Wunsche nach, übersahen es aber, dte russischen VerhältrVsse vergessend, uic Bedingungen zu Gunsten jüdischer Kranken fcstzustellen. Dieser Fehler hat sich bitter gerächt, denn das Krankenhaus ist zwar seiner Bestimmung übergeben worden, aber jüdische Kranke finden — keine Aufnahme. Dieses russische, Kosackcnsttickcl verspüren die Juden Borisows umsornehr, als jetzt in der Stadt ' eine epidemische Krankheit wütet, und das städtische Hospital wird erst im Jahre — 191*> fcrtiggestellt sein.“ Die Juden sind eben in der ..Krankenpflege“ hinter den Christen noch zurück. Ja, wenn er kein ״Kohn“ gewesen wäre. NVt dem Fürstcrzbischoj von Olmütz, Dr. Theodor K ״' h n, soll cs nach den vorliegenden Meldungen aus Rom zu Ende gehen. Es he*sst. dass ine Kurie ihn zum Verzicnt auf sein h.oncs Amt bewegen und iin Einvernehmen mit der österreichischen Regierung .einen Nactuolger tür .;im ernennen wird. Es ist ein hartes ScmcKSa!. wtlcnes eien stolzen Kircnemiirst.-n trint, aber man hat es schon seit Jahrzennten langsam und sicher reuen sehen.. Selbstverständlich nehmen d.c Antisemiten aller Tonarten die Oelegcniic.t beim Sciiopic, um für alle Fenier, die Erzbischoi 001,11 begangen hat, nicht ihn personl.ch, sondern das Juueatum. dem seine Familie ־ entstammt. verantwortlich zu tnaciieii. Ur. Tneo״or Kolm ist der i*o:m ei..cs e/ccfio-sla.iscaen Bauern, aber sein Urgrossvater war noch jude. Das ״Deutsche V 1nr.sbi.atf hat nun zwar uen Herren Ur. Kurzer, Ur. Kaspar Scnwarz, Dr. Max Anton Low und anderen Herren glemnen Kahbers a!e jüdische' Abstanummg verzierten tmd deren M.tarüeit im antmcwiimcheii Lager freudig wiilrionimcn geiieisseii. aber — der Fursterzbtscnoi t.׳r. Ko.m, ja B..uer! Uns ist etwas ganz anderes! In seinem Cnarakterü.ld entdeckt Herr \ ergani jene typischen Charaktere;gensc1;atten. die nicht den Bauer der >uüue1tta11üer, souueru aeu JUuett am der ganzen Welt kennzcicnnen. Aui soiene W eise‘ entrinnt man am leichtesten der Verantwortung ihr sein persoaltc.ies '1 un und Lassen. So soll denn aucti der Fürsterzbiscnoi von Ulmutz mit allen seinen wirKhcuen oder verme.nthciien Sünden den Juccn aufgeualst weraen. Dass Kohn ein Knicker war, dass er Kind,selten uru,.k entlüftete. dass er ein tyrannisches Regiment lunrte, all das entspringt nach der Versicnerung des ״ueutsenen VolKsblatt“ seiner spezinsen juaiseneu Maur, den tiei eingewurzelten Kassee.gcnschaftcn, die dem Judemume eigen sind. Mag immerhin in den Adern des Fürsterzbischofs von Olmütz jüdisenes blut rollen ־-־ so wenig wie dieser Umstand für se.ne crwanlung massgebend war, so wenig war er entscheidend für seine Haltung als Kircnemürst. Nicht die Abstaiunung, so.iuern die tizienung hat uen Lebensgang, hat den Charakter, hat Denken und rcnipimden dieses Mannes bestimmt. Sem Vater war em simpler Bauer und nran weiss, in welchem Masse gerade die czccno-slaviscae Bauernschaft Mährens von klerikale:: .Anschauungen beherrscht wird, welche Muont die üeisthenke t über u!c 1 •eister und die Gewissen dieser bevolxerungsscmcht übt. Dr. Theodor Hohn ist im Olmutzer Pr.esterseminar erzogen worden, r.r hat sich Zeit seines Lebens nur in jenen geistlichen Kreisen bewegt, denen als oberstes Ziel die Auirictstung uer schrankenlosen .Macht der Kircne über den ganzen Erduall gilt. In diesem Milieu hat er den angeblich jüdischen hociimut, die angeblich jüdische . . .... ״ , . , , . herrscnsicnt den angeblich jüdischen Starrsinn, der bei der rechten Ansprüchen der Juden. Und das ist so gerecht nach I Zusaminenrammg von Geld und Gut die kupiemeu Heller gedem Grundsätze aller europäiscren Gerechtigkeit: denn Russland ist gross, und wir-sind klein! Wie unpraktisch die Juden in Russland sind, und wie praktisch die Christen in den Wohlfahrtscinricluungeu, geht aus fob ender Nachricht hervor. Die jüdische Gemeinde in Borlsow, Minsker Gouvernement, besass schon seit langer Zeit ein Krankenhaus, welches jedoch nicht mehr den hygienischen An• forderungen und den örtlichen Verhältnissen entsprach. Die Gemeinde beschloss daher, ein neues, modernes Krankenhaus zu errichten. Nach grossem Mühen wurden die hierzu nötigen 15000 Rubel ausschliesslich von Juden aufgebracht, und als nach Verbrauch dieser Summe noch einiges Geld zur inneren Einrichtung des Hospitals fehlte, b.achten sie durch freiwillige Steuern.— so schwtr es ihnen auch fiel — auch diese Summe auf, und das langersehnte Krankenhaus stand fertig da. Nun ereignete sich der Zufall, dass das Armenspital der Stadtgenau so hocusciiätzt wie die Goldstücke, 4n s.cn auigeivommen. Das alte deutsche Sprichwort: ״Die Kirche hat einen guten!Magen“ und cas andere Mort, dass uic tote Hand nichts!:״rausgibt, ist wahrscheinlich nicht von Juden geprägt worden. Nein! Nein! Der Fürsterzb.sehot Dr. Theodor Kohn bleibt unseren Ariern erhalten, und wir Juden müssen es hoiheust ancr entschieden ableimen, dass man uns irgendwie mit ihm identiiiz.ert. Er bildet auch durchaus keine Ausnahme von den Charakterbildern anderer kirchlicher Würdenträger. Nur n einem Punkt hat dem Lrzbischot Kolm seine jüdische Abstammung zum Schaden gereicht; was anderen senesgleichen als Verdienst angerechnet wird, das wuTde ihm als Verbrechen angelegt; wofür andere seinesgleichen Lohn und Erhöhung ernten, dafür leidet er Strafe und Erniedrigung aus keinem anderen Grunde, als weil er ein Judenstäinmhng ist. Sen Denken, sein Wollen und Tun hat die jüdische Abstantmung nicht beeinflusst, aber das Urteil der Welt über sene Tätigkeit ist durch diese Abstammung beeinflusst worden. Von allem Anfang an hat sich die üble Nachrede, der gehässige Verdacht an ihn gehängt, und so fällt er nicht au ein Opfer meinde.einem Schadenfeuer zum Opfer fiel, und die Juden wur* [ seiner Handlungen, sondern weil er ein ״Kohn“ ist. So wird