Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VIII (1903)
- Issue
- Heft 46 (13.11.1903)
- Date
- 1903-11-13
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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9 Seitejp2. I. Die Zweckmässigkeit des akademischen Studium? ist die erste von Herrn Dr. Meyer behandelte Frage. Er fängt ganz vernünftig an indem er den Gebrauch unserer Jüdischen Zcitungen, ihre Spalten mit Festberichten und Anhimmelungen verdienter Glaubensgenossen (Gewöhnlich heisst es: ״dessen begeisterte Anhänglichkeit an das Judentum und dessen eifriges Wirken . . . allgemein bekannt sind״) und andererseits mit Aufzählung der Missetaten der bösen Antisemiten zu füllen, tadelt. Zur besonderen Berücksichtigung sei dem Verfasser das Blattlein des Abwehr Vereins empfohlen. Ganz richtig fordert der Verfasser auf, auch gegen die Fehler unseres Stammes nicht die Augen zu schliesscn. Es war wohl unnötig, als Zeugen daiür, dass dies mit der Liebe zum Volke verträglich sei. Moses und die Propheten zu zitieren, zumal mit der geschmackvollen, aber von tiefen wissenschaftlichen Forschungen zeugenden Bemerkung, dass die Propheten keine ״Bankdircktoren .... oder sonstige Akademiker“ (!) waren. Der Verfasser meint, dass ihr geringes Herkommen, ihre nicht übermässige Bildnng sie der Volksseele näher brachten. Und doch war Jesajas aus königliäem Gebliitc. Jeremias und Ezechiel von hohem Adel, - - Moses aber am Hofe des Pharao erzogen!? O nein. Herr Rechsaitwalt, mau kamt gebildet und aus gutem Hause sein. - ohne deshalb aufzuhörcit. von Herzen Jude zu sein und zu verstehen, was das heisst. Ja, aber doch hat der Verfasser recht, wenn er fcststellt. dass vielfach die höher gebildeten sich dem Judentum entfremden. Woher das kommt? -- Herr Dr. Meyer geht darauf nicht ein. Und doch hätte er nur einen Gedanken des Artikels zu Ende denken sollen: ״Unser Judentum (!) hat nur den Wunsch, die Kinder mehr werden zu lassen, als die Eltern waren“. Ganz recht! Den Gedanken hat jedes Eltcrnpaar seit der Zeit unserer Stammeltern. — Und die Kinder wollen auch mehr werden und das ist recht so! - - Aber nun redet matt den Kindern ein, dass das Judentum, dasselbe echte, weniger sei, als das geistige Besitztum der Anderen, - i dass jede andere Kultur eine höhere st‘i als die jüdische, — dass unser Volk nur noch ein Schatten sei usw. — Die Kinder wollen j mehr werden und greifen nach dem, was ihnen als das Bessere j gezeigt wird. In christlich-gennanisch-griechischcm Geiste J erzogen -■ mit dem auf das geringste M3ss beschränkten Relij gionsunterricht versehen -־- gehen die Jünglinge und Mädchen j nur auf dem Wege weiter, den man ihnen geebnet hat. -- Aber; Herr Dr. Meyer — in einem merkwürdigen, besonders für i No. 46. 1 I einen Juristen merkwürdigen Mangel an Verständnis für Kau- ן salität, — begehrt nur: Lasst eure Kinder nicht studieren!! —; Im Gegenteil, sagen wir, lasst sie studieren, aber nicht nur Hunter und Cornelius Nepos, — die Krcuzziigc und die amlytische Geometrie, — lasst sic unsere Jüdischen Dichter und unsere jüdische Geschichte und unsere jüdische Sprache studieren! - Damit soll nun durchaus nicht gesagt werden, dass trotz schlechter Begründung nicht der Verfasser mit seinem Wunsche, cs möchten sich mehr deutsche Juden dem Handwerk ztiwenden. Recht hat. Ueber den Drahg zum Studium, über das . ״Ausreisseil nach Oben“ ist nirgends besser gesprochen, als von Nordau auf dem V. Kongress. Es erübrigt sich, jetzt hierauf naher einzugehen. Dagegen empfehle ich die Artikel des Verfassers aus dem Jahre 9J naehzuschlagen. — was mir z. Zt. leider nicht möglich ist. Aber ich erinnere mich auch noch heute, dass damals von Herrn Dr. Meyer der Grundsatz gepredigt wurde, unter allen Umständen dahin zu streben, dass die jüdischen Lehrlinge auch am Sabbat arbeiteten, - ein Grundsatz, dem Geltung zu verschaffen der Verfasser Gelegenheit haben dürfte. - So will Herr Dr. Meyer das alte Judentum retten, so ist seine Toleranz und seine Liberalität beschaffen!! Die glänzende Abfuhr ist ihm damals von dem leider zu früh heimgegangenen H. Isaak Hirsch zuerteilt. Ich bin überzeugt. Herr Dr. Meyer hätte bei Lebzeiten des alten Kämpen nicht an seine damaligen Artikel erinnert. En passant spricht Herr Meyer mit Bedauern darüber, dass unsere Jünglinge so selten den Rahhincrheruf ergreifen. Das stimmt nur für Westdeutschland. Ich kann Herrn Dr. Meyer einen der Gründe nennen: Nur in wenigen Stellungen ist es dem Rabbiner vergönnt, unabhängig iür seine Uebcrzetigung wirken zu können. In sehr vielen, namentlich kleinen Gemeinden, bes. Altpreussens. aber ist der Geistliche in hohem Masse von Leuten abhängig, welche eben so unwissend wie aiimassend sielt in allen Kultusangclegenheiten 'die Entscheidung anmassen. Das ist nichts angenehmes für den ernsthaften Gottesgelehrten und so sucht man tatsächlich in solchen Nestern mehr den stillen Dulder als den tapferen Kämpfer. — Charakteristisch ist iür Abneigung gegen den Rabbinerstand jener hannoversche Bankicr, der sich beniüssigt fühlte, als sein Sohn Rabbiner werden wollte, einen Entschuldigimgsartikel zu schreiben (auch in der Allg. Zeitung des Judentums. Ucbrigens ein interessanter und ernsthafter Aufsatz.). Nachher wurde freilich nichts aus dem JÜDISCHE RUNDSCHAU tionalgott der Opposition“ aufzuwarten, oder so zu tun. als glaubte er wirklich, dass sich die נביאים selbst die falsche griechische Bezeichnung Propheten gegeben hätten, oder dass er nur so den blühenden Blödsinn fertig bekäme. Priester und Propheten zu identifizieren oder Jeschajali zum Priester zu machen, — vielmehr bringt er hie und da einige bekannte Wahrheiten, die auf dem Markte liegen, und ruft damit als ״echter Künstler“ den Eindruck bei Unkundigen hervor, als sei es ihm ernst, mit dem, was er schreibt. Das ist aber gerade die Satire. Nur wenn man das weiss. wenn man den Schlüssel zu Ltiblinski's .סוד' gefunden hat. begreift man das Grotcskkoniischc in Sätzen, wie den folgenden: ״Und um überhaupt das letzte Wort herauszusprechen, die Aufgäbe der Juden wäre es damals gewesen, Christen zu werden. Es hätte ihr Ehrgeiz sein müssen, im kämpfenden Proletariat des Weltreiches aufzugehen und in der Vorderreihe seiner Märtyrer zu stehen. Das wäre keineswegs ein Abfall gewesen, wenigstens keiner aus byzantinischen Gründen, weil für drei Jahhundcrtc das Bekenntnis zum Christentum Bekenntnis zur Revolution bedeute.“ Jede jüdische Bewegung von heute, der Zionismus nicht ausgenommen, dient bewusst oder unbewusst der Beseitigung der National- und Wucherwirtschaft. der Modemisierutig des Judentums." Vielleicht scheint den Lesern der ״Jüdischen Rundschau“ eine solche Erklärung des Lubliuskischeii Buches etwas gezwuugcu. Aber es kommt öfters vor, dass ein kritisch*•• Ge^t sich durch die Ausartung irgend einer Kritik veranlasst sieht. sie dadurch zu verspotten, dass er sic weit überbictct, um ihre Unmöglichkeit darzutun, wie es auch in den indirekten Beweisen in der Klanimetrie ähnlich der Fall ist. Ein solches Stück hat sieh einmal der berühmte Germanist Prof. Heinrich von der Hagen geleistet, indem er in scheinbar ernster Weise mit ganz ähnlicher ״Beweismethode", wie sich Lublinski ihrer bedient, nachweist, dass Luther nie gelebt hat.*) Um es kurz zu macWn. wer Lubiinskl's Buch in diesem Sinne liest, wird viel Vergnügen davon haben, und oft herzlich lachen. Wer ihn aber ernst nähme, täte ihm Unrecht. Dr. Loewe. Junp-Juda. Zeitschrift für unsere Jugend. Jg. 4 No. •1. Prag, Stefansgasse 63 II. halbjährlich 2 Mk. Inhalt von No. •J: Die Versuchung (I. Infcld) 0״." (G. König). Judenbriefträger (Kohut). Bilder aus d׳?r Vergangenheit. (S. S. F.) Wie die Alten smigeu. Mit Illustration (Israels). Perlen aus dem Talmud. Abraham als Götzenhändlcr. Verschicdenes Ein Kunststück. Rätsel Zum Ueberset/.en. Briefkästen. Dr. Max Jungmann wird von jetzt ab ein illustriertes jiidisch cs Witzblatt unter dem Namen ״Schlemiel" herausgeben. Der Name Junemanns bürgt dafür, dass nicht seichtes Gewit/.cl dem Blatte die Farbe und den Ton geben wird, soudem die ernste Satire und der feine Sooft, worin Jungnn1 ״ der unübertroffene Meister ist. Wir dürfen hoffen, ,dass sich das Unternehmen Bahn brechen wird. *) Prof. v. d. Hugcn : Beweis, dass Dr. Martin Luther nie existiert hat. Vorgetragen in der deutschen Gesellschaft. Abgedruckt aus den! Berliner Convcrsatiniisblatt für!838. Berlin: Schlesinger 1838. (30 S.) 33°; 1 1 1 1