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Jüdische Rundschau · 1903-09-25 · Heft 39 (25.9.1903) · page 16

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VIII (1903)
Issue
Heft 39 (25.9.1903)
Date
1903-09-25
Page
– (sequence 16)
Language
German
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Seite 426. Jüdische Rundschau, No. 39, Feldwebel, der einen schiessenden Juden festnehmen wollte, wurde von einem anderen Juden durch einen Messerstich am Halse verwundet. Im ganzen wurden während der Unruhen vier Christen und vier Juden getötet, verwundet sieben Christen und acht Juden, von dcnai einer starb. Die bisher fcstgcstclltc Zahl der zerstörten Häuser und Buden betrügt 200. •68 Personen wurden wegen Teilnahme an den Ausschreitungen ver* haftet Fälle von Raub wurden nicht festgestellt. Das Militär hält die Ruhe aufrecht. Offiziere und Justizbeanite bezeichnen die Haltung der Polizei bei der Unterdrückung der Unruhen als tadellos. Nur den Anordnungen des Polizeirneisters sei es zu verdanken, dass die Unruhen auf einen verhältnismässig unbedeutenden Kreis beschrankt blichen. Die Ursache der Unruhen ist nach der Ucberzeugung der gutgesinnten Bevölkerung in der äusserst feindseligen, herausfordernden Haltung der Juden gegen die christliche Bcvölekrung zu suchen.“ An unserer jüdischen Verstocktheit liegt cs, wenn wir feststellen, dass wieder einmal auf Befcbl einer hohen Obrigkeit die ״gutgesinnte Bevölkerung" rauben wollte und das diesmal trotz der Unterstützung durch das Militär nicht konnte, weil die Juden nnfre'ngcn, den Räubern organisierten Widerstand entgegenzusetzen. Sie beginnen damit ihrer Pflicht gegen die Obrigkeit zu genügen, die seit einiger Zeit zu offener Gewalt gegen die Juden übergegangen ist. Man weiss, dass die ״Bariüsser“ von Beamten und Offizieren in seidenen Strümpfen geführt werden. Wer Wind sät, sagt ein neutcstamemiiclics Wort, wird Sturm ernten, und sogar die geduldige jüdische Bevölkcrung Russlands wird endlich der fürsorglichen Liebe des russisehen Volkes müde werden. Bezeichnend ist die Stelle des offiziellen Berichts: ״Fälle von Raub wurden nicht festgestellt!“ mmm Für die Mitteilungen'הב dieser Stelle übernimmt die Redak- /ך'?;,־׳ tk׳n des Blattes nur die pressgesttxHche Verantwortlichen. י* ־י ןן 'xmrs^ In seiner F.rwidcrung auf die Rede Davis Trictschs spricht Dr. Herzl (s. ״W c 1t“ Sep. Ausg. No. 2 S. 11־ Sp. 2 unter.) vo1׳ einem Auftrag, den Trictsch sich vorn Breslauer Distriktskomitcc habe geben lassen und der zu der rührigen Agitation Trictschs gehöre. Demgegenüber habe ich zu bemerken: 1. Ls ist nicht richtig, dass Davis Trietsch sich von der Breslauer Zionistischen Vereinigung irgend einen solchen Auftrag hat geben lassen oder nur inspiriert bat; ein Breslauer Distriktskomitee existiert nicht. 2. Ls ist vielmehr wahr, dass ich persönlich Herrn י rietsch einen Antrag zur Berliner Distriktskomitec-Sit/.uiig übermittelte, der nur bezwecken sollte, dass die Franz Oppenheimer'scheu Ideen, die bei dem Arbeitsplan der ״Jüdischen Orient-Kolonisations-Gesellschaft" zum ersten Maie für ein jüdisches Siedeluugs-Untemehmen verwertet sind, auch bei einer zionistischen Kolonisation angcwhudt würden. — Von dem Kongress-Referat Dr. Franz Oppenheimers verlautete dainals noch nichts. 3. Ich hatte zu dem Anträge keine ausir fick liehe Einwilligung der Mitglieder der B re sI. Zion. V c rein, c i n g e h 0 11, erfuhr vielmehr nachher, dass ein grosser Teil derselben mit dem Anträge nicht ein־ verstanden sei. 4. Lin eventuelles Verschulden träfe also mich personlieh, und alle Kombinationen, dass und warum der Antrag von Davis Trictsch ausgehe, sind demnach durchaus hinfällig. Breslau, den 4. September 1903. Hugo Schachtel. ßto Kleine Chronik. üa Der Vorstand des Hüfsverelns für die jüdischen Taubstummen in Deutschland (Eingetragener Verein), veranstaltet an den hohen jüdischen Feiertagen in Dräscls Festsälen eineif' Gottesdienst in deutscher, hebräischer und in der Zeichen־ spräche und gibt hierzu den jüdischen Taubstummen sowie deren Angehörigen freie Eintrittskarten. Bisher waren die jüdischen Taubstummen darauf angewiesen. ihre religiösen Bedürfnisse an den hohen Festtagen in Weissensce zu befriedigen, indem sie au dem Gottesdienst der taubstummen Kinder tcilnahmcn. Zu diesem Zwecke mussten sic aber täglich zweimal nach Weissensce pilgern, was eine allgemeine Beteiligung ziemlich illusorisch machte. In diesem Jahre ist zum ersten Male durch den Hilfsvercin für die jüdisehen Taubstummen in Deutschland für e!.vcn Gottesdienst in Berlin gesorgt, wozu bis jetzt schon 150 Anmeldungen vorliegen. Ein Prozess mR dein Fiskus und der Berliner Jüdischen Gemeinde ist zu Unguresten dieser ausgefallen. Ls handelt sich uuj ein Legat, das der, in der Verwaltung der Gemeinde stehenden Troppau-Stiftung zugcfallen war, für das de־׳ Fiskus 131 Mk. Stempelsteuer verlangte. Die Jüdische 02mcinde verweigerte die Zahlung und stützte sich hierbei auf die Bestimmung, dass alle deutschen Kirchen und anderen dctitscheri Rcligionsgcscllschaftdii gemachten Zuwendungen Steuerfrei bleiben sollen. Gegen das Lrbschaftssteueramt wurde Klage angestrengt. Das Gericht erkannte, in Ucbercinstiimmmg n.it einem Reichsgerichtsurtcil, dass nur solche Zuwendungen an ReÜgioiisgcscllschaiten stempelstcuerfrei. die innerhalb .ihres eigentlichen Wirkungskreises liegen. Da die genannte Stiftung nur den Zweck hat, jüdischen Mädchen eine Beihilfe zur Aus- Steuer zu gewähren, dies aber nicht gut zu den Aufgaben einer Rcligioiisgeselisciiaft gerechnet werden kann, ist die Steueriorderung des Fiskus berechtigt. Der Gemeindevorstand bc* schloss in anbetracht der Geringfügigkeit der Summe von einer Berufung abzusehen. Wir entnehme׳:! der antisemitischen ״Post" die folgende Notiz: . ״Förderung der ehrlichen Arbeit. Line gemeinsame Vertiiguug dos Justiz- und des Finanzministers ge währt der jiidisehen Arbeiter-Kolonie in Weissensce. die bereits das Recht der juristischen Person besit'/t, die Anerkennung als ״milde Stiftung". Das Institut erhält damit Befreiung von der preussisehen Stempelsteuer, der Erbschaftssteuer und den Gerichtsgebühren. Die Kolonie beherbergt zur Zeit 70 Pfleglinge. Auel! die Kischinewer Flüchtlinge waren eine Zeit lang liier untergebracht, sie sollen aber, wie die ״D. T ages/tg.‘‘ bemerkt, der Arbeit aus dem Wege gegangen sem.“ Die Bemerkung über die Kischinewer Flüchtlinge Ist eine־ der beliebten Unwahrheiten der ״Deutschen Tageszeitung". Den Leuten, die von unserer Seite an die Arbeitcrkolonie gewiesen wurden, ist von allen Seiten und nach allen Richtungen das beste Zeugnis ausgestellt worden. Sic haben mit grossem Geschick und Liter ihre Arbeit unternommen, und die gegentt-ilige Behauptung ist eine dreiste Lrfindung der ״Deutschen Tageszeitung". Bauernfang treibt die Zeitung, die sich Toleranz nennt, um Intoleranz ungestörter treiben zu können. Die ״Post“ schreibt über sie: ״Die Zeitschrift ״Toleranz", welche wir kürzlich als zionistisches Organ bezeichnet hatten, bittetuns, bekannt zu geben, dass sie ebenso erbitterte Gegnerin des Radikalismus wie des Zionismus der deutschen Juden ist und deren Heil nur im Anschluss an die staatscrhaltenden, deutschnationalcu und monarchischen Parteien erblickt.“ Dieser Anschluss wird dadurch propagiert, dass man ä h ״Post“ Staatsbürgerzeitung etc. in Antisemitismus macht. Jedenfalls sind wir sehr zuirieder , dass uns diese Blätter ebenso wie ihr Korrelat das ״Berliner Tageblatt" mit ihrer Freundschalt verschonen. Die Jüdisch-Musikalische Vereinigung zu Berlin die in weiteren jüdischen Kreisen bekannt ist. beginnt gleich nach den hohen Feiertagen mit den Ucbungcn zu ihren! d. Stiftung*- fest. Neben der Pflege des jüdischen Gesanges, wird auch das deutsche Lied zu seinem Recht kommen. Das Stiftungsfest dürfte übrigens auch ein neues, grösseres, jüdisches Chorwerk eines jüngeren Komponisten bringen. Die Uebuugen finden jeden Dienstag Abend in Dräscls Festsäleu, Neue Friedrich- Strasse statt. Herren und Damen sind als Sänger jederzeit willkommen. ׳*• F. H. Ein Marin nach dem Herzen Gottes glaubt sicher der Amtssorsteher in Birkwitz bei Dresden zu sein. Dort werde der sehr reiche jüdische Gutsbesitzer Lmanuel Ephraim zum Gemeindevorsteher einstimmig gewühlt. Der Amtsvorstcher wollte die Wahl nicht bestätigen, ״weil ein Jude doch nicht in einer christlichen Gemeinde 01> r i gkeit sein könne“. Der Kön'igl. Kreishauptmann hat jedoch, den! ״Neuen Görlitzer Anzeiger" zufolge, auf Rekurs dies Bedenken nicht anerkannt und der Einführung stattgegeben. Bei derselben erklärte der Amtsvorstcher. dass er an seiner Anschauung fcsthaltc. sich aber selbstverständlich der Lntscheid'fhg der Vorgesetzten Behörde füge.

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