Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VIII (1903)
- Issue
- Heft 37 (11.9.1903)
- Date
- 1903-09-11
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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0C\G ח I I;ijh l 11 ׳ \ -,ז. I Abonnementspreis (Zusendung Inbegriffen) Vierteljährlich 1 I. daroh dlo Expeditiont a) In Berlin M. -.,Ja b) nach auswärts M I,— c) für das Ausland M. J,5a f. Im Poetabonnemect M. 1,25 8. bei Sammolbozug daroh die Ortsgruppe M. —,60. Postzeitungsliste Ho• 8044. Inserate die viergespaltene PetiUelle 25 Pf. Inseratenbeliagen 15 M. $ Organ der für No. 37. 1 Krsclieint jeden Freitag• 11 Adresse für Geldsendungen and Bestellungen: Perlag Südiscfie Rundscftat* E. 0. m. b. H. Berlin n 54-, Buguslstmse Br. 19 C Sprechstunden; v. 4—5 Uhr nachmittags. Redaktion: Dr. Helnrldi twewe, Berlin ÜW. 10, üehrferstxasse 14/15. Sprechstunden; Montag und Donnerstag 4—6 Uhr. 19. Eliul 56r V1IL Jahrgang. WAfegifiKfiK. .י־-׳עי* ••י ז^מחי*ג* Kav M t fc'f engress. Dem sechsten Zionistenkongress war das Prognostihon gestellt worden, dass er ein Arbeitskongress sein sollte. Und selbst der erbittertste Gegner wird zugeben müssen, dass auf ihm eine Summe von Arbeit geleistet worden ist, wie sie sonst auf kurzlebigen Ko!״(ressen nicht geschaffen wird. Das jüdische Volkspailauient, das sich Zionistenkongress nennt, tritt in etwa drei Jahren nur zweimal iiir ungefähr eine Woche zusammen und muss in dieser kurzen Spanne Zeit seinem Volke das sein und leisten, wozu die sFimUgcn Volksvertretungen anderer Nationen ihre ganze Arbeitszeit nutzen können. Wenn man dazu die anderen Schwierigkeiten rechnet, die sich dieser Arbeit cutgegcntürinen, so begreift man. welche ungeheure seelische Spannkraft die Feder dieser Maschine treiben muss, die solche Energie trotz aller Reibungen entwickelt. Das erste Moment, das!lindernd der Arbeit in den Weg tritt, ist die Vielsprachigkeit. Fast jede europäische Sprache und viele Mundarten anderer Erdteile klingen nebeneinander an das Ohr des erstaunten Zuhörers. Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch, Holländisch und Dänisch hört man auch auf andern Kongressen, auf einem Judenkongress auch Russisch. Die jitdisch-deutsehe Sprache, diu vom bösen Willen und Unverstand fälschlich ein Jargon geschimpft wird, wird in mehreren Dialekten gesprochen, ebenso aber auch die klassischreine hebräische Sprache, die, wie der Kongress beweist, in den sieben Jahren des Kongrcsszionismus ganz, tinerwartete Fortschritte gemacht hat. Daneben hört man Bulgarisch, Türkisch und das inedisch-iranische Tat der kaukasischen Bergjuden. Während auf dem ersten Kongross das Schriftstcllerclenient vollständig überwog, so sind jetzt alle Stände und Bcrufsklasscn vertreten, Aerzte und Juristen, Professoren, Kaufleutc und Hand- Werker, Tagelöhner und Bauern, aber auch, was vielleicht auf vielen Seiten Staunen erregen wird, sehr viele Rabbiner und nicht wenige Offiziere. Unter diesen blieben zwei Personen vom Publikum fast unbeachtet, die an einer anderen Stelle gewiss grosses Aufsehen erregt hätten; der eine ist der englische Oberst Albert Goldsinid. der Sohn einer getauften Judcnfamilic, der Zionist wurde und dann in aller Form zum Judcntiime übertrat, während der andere, der zwar mir einen geringeren militärischen Grad erreicht hat, durch sein Unglück der Welt'aber umso bekannter geworden ist, der französische Hauptmaim Alfred Dreyfuss. So sind alle Stände vertreten, wie alle religiösen Anschauungen, von der Misrachigruppe und der Johan11isstras$enre:orm bis zum Negieren jeglicher Religion, und ake gesdlschaftliehen Anschauungen sowie die Juden aller Länder bis zu den Bergjndeii, die auch im Kongress und in der Synagoge in heimischer Art bis an die Zähm• bewaffnet bleiben. Man muss zugeben, dass dieser Kongress eine Vertretung nicht nur bloss einer Partei im Judentum, sondern das Parlament des ganzen jüdischen Volkes ist. Freiiich eine zahlreiche und bis in die höchsten AäeN- und Beamteukrei.se reichende Klasse unsere;. Stammes, die sich fast ausschliesslich aus den Reichs len d:;־ Nation rekrutiert und die deshalb einen grossen Einfluss in allen Ländern und auf alle Juden ausiibt, ist gar nicht \ ertreten. Von ihnen ist kein einziger dort. Fs sind die ״Getauften Juden־־! Ihre Vertretung ist nicht der Zionistenkongress, nicht der Judenkongress. sondern das - - ״Berliner ,rageblatt“. Wenn wir von dieser einen in ihrem Einflüsse und ihrer zerstörenden Wirkung nicht zu unterschätzenden Gruppe absehen, so ist das ganze Jüdische Volk vertreten. Hier findet jeder Stammesbruder einen Platz für fruchtbringende Tätigkeit ausser den Getauften Juden, und solchen, die es werden wollen. Aber alle diese Personen, die den Kern des Volkstums repräsentieren, die wetterfesten Bauern und Soldaten, die Dichter und Professoren, die erprobten Volksvertreter werden um Haupteslänge überragt von der Persönlichkeit des einen Herzl. Das ist nicht mehr der Präsident des ersten Kongresses. Das ist ein überragender Staatsmann, vor dem sich alles beugt, selbst der unvermeidliebe Kongressnarr, dessen Winzigkeit und Cliarlatauerie nur dazu dient, uni Hcrzls Grösse an ihm zu messen. Er ist gewachsen, wie nur der Zionismus. Wir gestehen das um so freudiger ein, als wir zeitweilig zur Opposition aut dem Kongresse gehörten und nicht mit jedem Einzelnen einverstanden sind, was Herzl aui dem Kongross getan und gesprochen hat. Aber wir beugen uns vor der Grösse lind vor. der Reinheit seiner idealen Gesinuung, und wir verstehen, dass er als Realpolitiker direkt auf sein und unser Ziel losgeht, wenn er Abwege und Umwege zu machen scheint. Und wenn wir vom Kongress sagten, dass er mehr wie alle früheren ein Arbcitskongress war, so war er das für Herzl mehr als für alle andern. Der. eine Mann hat in Basel Uebermenschliches an unermüdlicher Arbeitskraft geleistet.5