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Jüdische Rundschau · 1903-08-25 · Heft 35 (25.8.1903) · page 15

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VIII (1903)
Issue
Heft 35 (25.8.1903)
Date
1903-08-25
Page
– (sequence 15)
Language
German
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No. 35. Jttdische Hundscliau. Seite 373. Der erste jüdische Turntag trat am 21. August In Basel zusammen, und er hatte sich die Aufgabe gestellt, eine Organisation der gesamten jüdischen Turnerschaft in einem festen Verbände herbeizuführen. Anwesend waren ca. 15 Vertreter jüdischer Turnvereine aus Deutschland (Berlin, Köln), aus Oesterreich (Wien, Bielitz) und Bulgarien (Sofia). Der Vorsitzende, Herr Dr. Tuch aus Berlin, macht nach Eröffnung Mitteilung von Briefen verschiedener Turnvereine, die keine Delegierten entsendet haben, teilweise zustimmenden, vielfach aber auch ablehnenden Inhalts. Nach der Begrüssung der Anwesenden beginnt Herr J a 1 o* wie z-Berlin mit seinem Referat über ״Geschichte und Stand der jüdischen Turnbewegung.“ Dieselbe sei keine Frucht des Antisemitismus, sondern die Bestrebung zur Eindämmung der progressiven körperlichen Entartung d.*r jüdischen Rasse. Das Hinausdrüngen von Juden aus den deutschen und Österreich!- sehen Turncrschaftcn wäre nur Gclcgenheitsursache der Be* wegung. Das Verhalten vieler Juden bei diesem Anlass sei schmählich gewesen und verdammenswert. der neue Juden* schlag wäre von anderer Art. Den eigentlichen Anstoss zur Gründung jüdischer Turnvereine aber hätte der Zionismus gegebet!, insbesondere der 2. Kongress, wo Maudclstamm und Nordau die Wichtigkeit der Regenerierung unseres Volkes euergisch betonten. ־ Referent gibt dann eine eingehende Statistik der bestehenden jüdischen Turnvereine nach Anzahl und Stärke. Vereine. Turnstatistik. Berlin . . . Biclitz-Biala Wien .... Bukarest . . Mähr. Ostrau . Privoz . . . Halberstadt Troppau . . Köhl .... Hamburg . . Frankfurt a. 0. Freiburg i. B. . Posen . . . Leipzig . . . München . . Sofia .... Philippopel Mitgliederzahl. 550 . 55 146 106 127 64 38 36 110 60 0׳} 26 180 77 35 60 60 17 Vereine mit. Dazu kommt noch der neugegründete (Bulgarien). Der Plan zu einem engen Zusammenschluss sei schon drei Jahre alt, aber erst heute spruchreif. Fs gilt heute, eine straffe, zielbewusste Organisation auf national-jüdischer Grundlage ins Leben zu rufen. Soweit politische Hindernisse nicht entgegenstehen, müssten die jüdischen Turner aller Länder in einem engen Kreis, sonst in kooperierenden Landsmannschaften oder Spracheinhciten zusammengeschlossen werden. (Beifall.) Als zweiter spricht Herr Schule in ־Berlin flhcr ״Pie turnerischen Aufgaben des jüdischen Turnerverbandes." Hierfür bringt er eine ganze Serie höchst fruchtbarer Vorschläge. F.r fasst seine Ausführungen schliesslich zusammen in folgender Resolution: cl)er jüdisch-nationale Turnverband stellt sich die Aufgabe, die in *den Einzelvereineii gegebenen Kräfte zusamiucn/.ufasseit zu gemeinsamer turnerischer Arbeit im Sinne gemeinschaftlicher turnerischer Ausbildung und Förderung durch Turnübungen, Feste, Ausbildungskurse in den Vereinen ähnlicher Art, durch Unterstützung schwacher und Gründung neuer Vereine, durch Förderung aller Bestrebungen, die dazu angetan sind, die körpcrliche Tüchtigkeit des jüdischen Volkes zu fördern." Es folgt Diskussion. Zirkcr (Berlin), vermisst in Scholem’s Referat die Auseinandersetzung über die Wahl des Tunt- Systems, das sielt der Eigenart der jüdischen Struktur am besten anpassen würde. Er empfiehlt, eklektisch zu verfahren, das deutsche System nicht kritiklos zugrunde zu legen. Die Debatte hierüber wird auf c'׳. spätere Turntage verschoben. , Jiierauf hält Herr Dr. Egon Zweig (Wien) seinen Vortrag filier die ״Nationalen Grundlagen der jüdischen Turnbewegung.•‘ Im Fortgänge der Verhandlungen wird die Gründung eines national-jüdischen Turnerverbandes einstimmig und unter Begeisterung der Beteiligten beschlossen. Hedadl Israel Ben-Baruch. . 1826 Turnern. Verein in Küstendicl lieber die Russlandreise Dr. Herzls melden hebrüiscne Blätter, dass er am 6. August in den frühen Morgenstunden in Warschau eintraf und dass jeder offizielle Empfang absichtlieh unterblieb. Nur einig; hei vorragende Zionisten erwarteten Dr. Herzt, der in der Zeit bis zur Weiterfahrt einen kurzen Spaziergang in der Stadt unternahm. Allgemein herrscht in den auf der Reise berührten zionistischen Gemeinden tiefes Bedauern darüber, dass ihnen keine Gelegenheit geboten wurde, ihren Führer zu feiern. In Petersburg, wo die Anwesenheit Dr. Herzls be- Kaimt wurde, bemächtigte sich der Zionisten eine tiefgehende Erregung und nur die offiziellen Wünsche hielten die Absichten zu jeder Demonstration nieder. An den dortigen Aufenthalt sehliesst folgendes an: ..Der Freund" berichtet: Am 30. Juli (11. August) veranstalteten die Petersburger Zionisten ein Bankett zu Ehren Dr. Herzls. zu dem sich die Vertreter aller jüdischen Zeitungen Petersburgs cinfanden. Der Abend verlief unter anhaltend ernsten und inhaltsreichen Reden. Jeder Anwesende fühlte, dass der Moment ein wichtiger sei. Die Tatsache allein, dass Dr. Hcrzl in Petersburg war. genügte, um die Stimmung zu einer ausserordentlich bewegten zu gestalten. Dr. Hcrzl. über das Ziel seiner Reise befragt, antwortete, er sei noch nicht in der Lage, darüber zu sprechen. Er erkundigte sich eingehend über die zionistische Arbeit in Russland und nahm dann Anlass, sieh über di.- Bewegung im allgemeinen in einer längeren Rede zu äussern. Er sagte ungefähr folgendes: Ich freue mich, nach Russland gekommen zu sein und meine Brüder hier gesehen zu haben mitten in ihrem Leben tm J Treiben. Ich bin hier fremd, aber feste Bande knüpfen mich ati meine russischen Brüder, die brüderliche Arbeit für das Wohl und die Zukunft unseres Volkes. Ich gestatte ruir daher, zti euch nicht wie ein Gast zu sprechen; ich habe euch nämlich manches zu sagen, was vielleicht einige nicht gern hören. 111 solchen ernsten Augenblicken muss oiu.11 und frei das ausgesprechen werden, w ess’ das Herz voll ist. Ich halte cs für unfeine:!! wichtig, dass das zionistische Programm, wie es zuerst in Basel ausgearbeitet und formuliert wurde, aufs strengste eingehalten werde. Wir müssen dieses P r ״ g r a ווו 1וז iesthalten, es mit allen Kräften zu verwirklichen bestrebt sein; cs darf nichts neues und fremdes in ihm gesucht oder in dasselbe hincingetragen werden. Wenn ich zugleich sage, dass w ir jetzt keine Gegenwartsarbeiten zu verriebten haben, meine ich nicht, dass diese uns nicht einmal später obliegen werden. Jetzt dürien wir uns nicht mit seichen befassen. — In unserem l ande wird es hoffentlich verschieden; Parteien, verschiedene Anschauungen geben. Jetzt aber halte ich cs für nicht zeitgenüiss, sich mit solchen Fragen zu befassen. Ich bin durchaus kein Mann von bourgeoiser Weltanscliauuug. wie sich unsere Gegner bemühen, mich als solchen darzustellen. Aber unsere .Vbeit ist eine schwere und fordert von uns die Anspannung aller Kräfte, das Sammeln tu ein; in Punkte, zu eine in Ziele. Unser rein zionistisclK־s Programm erfordert ganze Menscheu, nicht halbe, zerrissene und zersplitterte Kräfte. Leute, die mit einem Fusse bei uns, mit dem zweiten im anderen Lager stehen, können unserer Sache keinen Nutzen bringen. Glaubet mir. dass cs nicht von Nutzen, dass es höchst Schädlich ist. andere Prinzipien mit den eigentlichen weseutliehen unserer Bewegung zu vermengen. Was uns allein nützen kann, ist; Mit aller Kraft an dem rein zionistischen Programme fcstzuhalte» und darin schliesslich zu arbeiten. Ich hoffe, dass meine Worte bei euch Anklang finden werden." Es sprachen noch mehrere Redner in würdiger und ernster Stimmung über verschiedene Seiten der zionistischen Bcwc- Ktmg. Das Bankett endete um 3 Uhr morgens. In Liebe um! Freundschaft verabschiedete man sich von dem Gaste, Ucber die Ziele der Reise ist die Aeusserung feststehend, dass Dr. Herzl mit seinen Erfolgen sehr zufrieden sei und demnächst Gelegenheit haben werde, sich darüber zu üusscru. Wir wollen den zu erwartenden Mitteilungen nicht vorgreifen, glauben aber ausdrücklich betonen zu müssen, dass Herzl natürlich nur dort von einem freiwilligen Aufgebot der Gegenwartsarbelt spricht, wo sie von einer force majeure gewaltsam unterdrückt wird. Wir deutschen Zionisten täten Unrecht, wenn wir unseren Führer dahin verstehen wallten, dass wir auch in freien Ländern keine Kulturarbeit schaffen solle*!. Im Gegenteil müssen wir doppelt ersetzen, was an anderem Orte vernichtet wird, Jbhri LSumtni. **HVä*־

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