Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VIII (1903)
- Issue
- Heft 30 (24.7.1903)
- Date
- 1903-07-24
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 306. «Jtlclisclie Hundfjcliau. No. 30. haben Ihre Sekretäre und Angestellten, die Ihnen die Leute aus den Augen schaffen, deren Anblick ihnen das Herz brechen könnte. — Unser Volk ist auf der Wander- Schaft und wir können nicht mehr durch Machtwort und Warnungen dem Auswandererstrome Einhalt tun, und können ihn nur regeln und dafür sorgen, dass dieser Strom seinen Weg verfolgt, ohne über die Ufer zu treten. -—- — Aber wohin mit den Unglücklichen? Wo ist eine Heimat, die sie aufnehmen könnte, wo ein Land, das sich ihnen gastlich öffnet? Die Tore der Länder sind ihnen verschlossen. Russland stösst sic aus und Ruinänien vertreibt sie, und kein Land öffnet sich ihnen. Darum lasst uns in Frieden mit euren Flausen von einer Mission, die wir zu erfüllen hätten, aber legt auch nicht zu grossen Wert idealen Bestrebungen bei, für die wir jetzt keine Zeit haben, weil es sich um das Leben handelt. Vor dem Tode entflieht unser Volk. Wohin aber? Alles ist ihnen verschlossen! Darum ruft der Zionismus alle auf, die nicht bloss die Liebe im Munde sondern auch Gerechtigkeit im Herzen haben: Schafft eine Heimat für die Unglückliche n, Land, Land, Freiland! Heinrich L 0 e w e. Jüdische Statistik. (Zur 1. Publikation des ״Vereins für jüdische Statistik.“) Von Dr. jur. Bruno Blau. I. Bereits seit mehreren Jaltren beschäftige ich mich mit ״jüdischer Statistik“, da Ich von ihrer •grossen Bedeutung stets überzeugt war. Doch fand Ich früher für meine Be- Strebungen gerade bei denen, welche an der Fortentwickelung unseres Stammes tätigen Anteil zu nehmen vorgeben, so gut wie gar kein Verständnis. Erst seitdem Nordau auf dein vorigen Zionistcnkongressc mit zündenden Worten die Wichtigkeit der Jud.nstatisfik betont hat, ist man plötzlich anderen Sinnes geworden. Während man vor Nordaus Rede über die trockenen, unfruchtbaren, öden usw. Zahlen mit einem überlegehen Lächeln hinwegging, herrscht jetzt allenthalben helle Begeisterung für lenes Problem — gleich als ob die statistischen Gefühle im indischen Volke geschlummert hätten, und es nur des Zauberworts eines Nordau bedurfte, um sic zu erwecken. Uebcr den Wert der Statistik für ein Volk lassen sich dicke Bände schreiben, und doch ist eigentlich heute jedes Wort darüber überflüssig. Denn in unserer Zeit gehört die Statistik nicht nur zum täglichen Brote des Staatsmannes, des Volkswirts, des Sozialpolitiken, des Kulturhistorikcrs. des Kriminalisten, des Mediziners, sondern ebenso bedidit sich ihrer der Landwirt, der Kaufmann, der Fabrikant, um die Ren* iabilitüt und die Chancen seines Unternehmens zu berechnen. Von wieviel grösserer Bedeutung aber Ist die Statistik für ein Volk, welches erst restauriert werden soll, welches über die gan/c Erdkiurci versprengt ist. für ein Volk, dessen einzclne Teile so sehr in Bezug auf kulturelle, wirtschaftliche und soziale Verhältnisse differieren. Wollte man alle die Zweige des jüdischen Volks..ohne sic näher zu kennen, ohne ein bcstimmtes Gesetz, ohne System zusanuncnwürfcln, so entstände ein helles, unharmonisches Mosnikbild. dessen Bestandteile mit Naturnotwendigkeit aufeinander platzen und sich bald von einander loslösen würden. — Wollen wir unser Volk zu einem einheitlichen Ganzen einigen, so müssen wir seine einzelnen Teile nach vorher genau fcstgcleetcu Regeln in- und aneinanderfügen. Zur Feststellung dieser Regeln gibt cs nur ein Mittel, das ist die Statistik; auf diesem Fundamente allein können die Volkshaumeistcr bauen. — Bei anderen Nationen dient die Statistik nur zur Aufdeckung kleinerer Schaden, da sind nur — mehr oder minder geringfügige Reparaturen vorzunchnicn, bei uhs aber Ist der ganze Bau von Grund auf auszuiühren, denn das alte massive Gebäude ist zerstört, — die Statistik Ist der Bauplan. Das ist der Grundzug der Juden- Statistik, zugleich Ihr Charakteristikum. Aus dem Gesagten ergibt sich aber auch, wieviel schwicriger es ist, brauchbares und zuverlässiges statistisches Material für das jüdische Volk zusammenzutragen, als für Völker, w׳elchc einen staatlichen Mittel- und Brennpunkt haben. So sind es zwei Faktoren, welche vor allem das Zustandekommen einer jüdischen Statistik ungemein erschweren: das Fehlen einer Zentralgewfalt und der Mangel einer räumlichen Geschlossenheit. Zuverlässiges Material lieferte uns bisher allein die amtliehe Statistik der einzelnen Länder, doch ist diese vielfach sehr mangelhaft und nimmt auch nur in wenigen Staaten Rücksicht auf die Abstammung oder auf das religiöse Bekenntnis, so dass sic für unsere Zwecke nicht verwendbar ist. Und auch das vorhandene spärliche Material lässt sich zu einer cinhcitliehen Statistik kaum verarbeiten, da die Erhebungen fast überall nach einer anderen Methode erfolgen und ihre Ergebnisse nicht in Zusammenhang und Vergleich gebracht werden können. Nur eine einzige Möglichkeit gibt cs, um eine jüdische Gesamtstatistik zu gewinnen: Eine grosse Enqiu'te in allen von Juden bewohnten Ländern. Eine solche Privalenqu'te muss aber, so wie heute die ganzen Verhältnisse liegen, als Utopie bezeichnet w׳erdcn. Daher bleibt uns vor der Hand nichts weiter übrig, als das Material, welches uns zu Gebote steht, so gut cs geht, zu verarbeiten. Aber wir müssen irtis hier stets vergegenwärtigen, dass wir auf solche Weise nie zu einer Statistik des jüdischen Volkes kommen können, sondern nur zu einer Statistik der deutschen, österreichischen usw. Juden. * In dieser Klcinstatistik verspricht der ״Verein für jüdische Statistik“ ein bedeutender Faktor zu werden. (Fortsetzung folgt) * -JV'T vm Aus der Bewegung. > Wm Das Organisationskomitee teilt den deutschen Delegierten ferner mit, dass Sankt-Ludwig, der Ort des Deutschen Delegiertentages, als Kongresswohnort u n ־ g ii n s 11 g ist, da die letzte Strasscnbahn abends 11 Uhr von Basel abfährt, während der letzte Eiscnbahnzug 12,36 nach St. Ludwig fährt. In der Frühe fährt der erste Zug um 6,10 Uhr. Da die Kongresssitzungen sich oft bis in die späte Nacht dehnen, so wird es notwendig sein, dass die Delegierten sich über die Verbindungen rechtzeitig und genau unterrichten. Basel, den 29. Juli 1903. Da Fnde August in Basel ein sehr starker Fremdenandrang herrscht, wird cs nötig sein, für die Kongressbesucher Privatquartiere zu suchen. Wir richten, um uns unsere nicht leichte Aufgabe zu vereinfachen, das liöfl. Ersuchen an die werten Delegierten und Gäste des Kongresses, uns sofort wissen zu lassen: den Tag (eventl. Stunde) ihrer Ankunft, ob sie im Hotel oder Privatlogis wohnen und welchen Preis sie auslcgcn wollen. Die Ankommenden erhalten, entweder am Bahnhof oder im Kongressbureau (Abt. Organisationskontitee) ihre Quartierkarfen. Das Organisationskomitcc des 6. Zionisten ko n grosses. I.A.: Julius Meyer. Die zionistischen Blätter werden um Nachdruck ersucht. Distriktsbureau Berlin. Zu der von uns veröffentlichten Tagesordnung des Kongresses tragen wir nach, dass nach der Mitteilung in der vorigen Nummer der ..Welt“ Dr. Max Nordau (Paris) das politische Referat halten 1