Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VIII (1903)
- Issue
- Heft 29 (17.7.1903)
- Date
- 1903-07-17
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 301. «JUdisclie Ritndaoliau No. 29. Bonn. Eigentümliche Nachrichten über den Vorstand und I die Refcräscntantcnversammlung der jüdischen Gemeinde in Bonn gehen augenblicklich durch die jüdische Presse Deutschlands. So schreibt u. ä. Dr. Apfel-Barmen Im Kölner ״Israel. Gemeindeblatt“ von einer Reihe von Mitgliedern der* GemeindeVerwaltung mit getauften Kindern und betont, dass der Umstand, dass solche Männer an die Spitze einer Religionsgemdnschaft berufen werden und dass diese nach der Taufe ihrer Kinder nicht durch den elementaren Unwillen der ücmcindemitglicder aus dem Amt entfernt werden konnten, eigentümliche Gefühle weckt. Wie wir hören, handelt cs sich um nicht weniger als drei Vorsteher resp. Reprä- Senta ntc 11, deren Kinder gedauft sind. Man wählt, wie unser Gewährsmann schreibt, diese Leute wieder, weil man fürchtet, sie möchten sonst ״religiöser Bedenken wegen“ aus der Gemeinde ausscheiden und die Gemeinde würde, da die Täuflingsväter sehr vermögend sein sollen, einen Steucrausfall erleiden, die anderen Gemeindemitglieder würden stärker zu den Steuern herangezogen werden! All diesfc Mitteilungen sind so ungeheuerlich, die Taufen von Kmdem von Gcineiiidcvertretern so empörend, dass wir davon ahschcn, Kritik zu üben; es würden uns parlamentarische Wendungen zur Charakterisierung dieser schmachvollen Zustände fehlen. ak. Jedes Land beginnt mit der Form des Antisemitismus, die ihm am nächsten liegt. In Sachsen Ist cs die ofienc Gehässigkeit, in Frankreich überreizter Nationalismus und bigotter Klerikalismus, in England und Amerika die Abschliessung gegen die fremde Einwanderung. In Schweden gibt sich der Anti- «emitismus als eine Tierschutzbewegung, und es ist bczeichnend, dass man einstweilen sich noch hütet, das Wort Antisemitismus in den Kampf zu schleudern. Der Rufer im Streit ist bezeichnender Weise der Schwede mit dem cchtgerma• nischcn Namen Wawrfnsky. Er und u<a Tierarzt Skag verlangen gesetzliche Massnahmen gegen das Schächten, als einer ״Barbarei und Tierquälerei“. In Wahrheit richtet sich der Kampf gegen die Juden als Stamm. In Finnland, wo die um ihre Freiheit kämpfenden Schweden und Finnen die Juden unterdrücken, wie es nur sonst die Rumänen können, hat man ebenfalls mit dem Schächtvcrbot längst Ernst gemacht. Audi in Schweden wird der Schächthetze bald ein offener Kampf gegen die Juden folgen. Sie Ist der Versuchsballon, den man erst steigen lässt. Uebrigens kennt die schwedische Verfassung noch immer einen wesentlichen Unterschied zwischen Juden und lutherischen Schweden. Kleine Chronik. יו vssu ne Berlin. Am Mittwoch, dem 8. Juli feierte der ״Verein Jiidischer Studenten“ sein diesjähriges Stiftungsfest durch einen wohlgciungcncn Dampferausflug nach dem von Wald und See umgebenen Hesscnwinkel bei Erkner. Von bestem Wetter begünstigt, ging die Fahrt durch Spree und Müggelsee, vorbei an allen den schön gelegenen Ausflugspunkten, wie sie die Oberspree dicht aneinandergereiht zeigt. Nach der Kaffee• tafel, bei der der erste Chargierte, cand, med. Leo Cohn, die Gäste und die anwesenden Vertreter mehrerer lüdischcr Vereine begrüsste, bot der nahe Wald Gelegenheit zum Spiel im Freien, das später vom Tanz abgelöst wurde. Eine schöne Rückfahrt auf dem Wasser beschloss das zur Zufriedenheit aller Teilnehmer verlaufene Stiftungsfest. Aus Anlass der kläglichen Niederlage der Freisinnigen Volkspartei bei den Reichstagswahlen greift die ״Freisinnige Zeitung“ Fugen Richters den ״Generalanzeiger für das gesamte Judentum“ in einer Weise an, die wir sonst nur von der ״StaatsbUrgcrzeitung“ gewöhnt sind. Charakteristischer Weise nennt die ״Freisinnige Zeitung“ den Generalanzeiger ״Das Organ des Herrn Moses", den es persönlich zu verdächtigen sucht Aber die Freisinnige hält denn doch die Juden für zu dumm, wenn sie glaubt• dass man auf ihren Lelm kriechen und gegen das trefflich geleitete Blatt auftreten werde, wenn es von der Freisinnigen proskribiert wird, ״als suche Moses zum Schaden des Judentums und zum Vorteile des Antisemitismus die Aufmerksamkeit auf sich und sein Blatt zu ziehen“. Hoffent- .ich haben diese Angriffe des führenden Organs der Freisinnigen Volkspartei, der ja auch bezeichnenderweise Müller- Meiningen angehört, nur den Erfolg, dem Generalanzeiger neue Freunde zuzuführen. Loyalität kt eine schöne Tugend. Der ״Israelit“ in Mainz besitzt sie in hervorragendem Masse. Zur Depesche des Königs Georg an den antisemitischen Abgeordneten Gräfe schreibt er: ״Wir halten das Telegramm des Königs Georg nicht für eine antisemitische Kundgebung, sondern nur für einen Ausdruck der Freude, dass wenigstens ein bürgerlicher Kandidat siegte. Einem Freisinnigen hätte der König sicher ein gleiches Telegramm gesandt. Red. des Isr." Trotzdem wäre die Loyalität noch grösser gewesen, wenn der ״Israelit" gar nicht darüber spintisiert hätte, ob auch ein Freisinniger solch Telegramm crlialteu könnte, sondern einfach gesagt hätte, was der König tut, ist eben wohl getan. Ein Fall von Hunderten, so nennt die antisemitisch.* ״Deutsche Hochwa.cht" die Begnadigung des Grafen Piicklcr, dessen Gefängnisstrafe auf dem Gnadenwege in eine Geldstrafe \׳>־n 6»XM M. umgewandeit worden ist. Wir wissen nicht, wie oft gerade antisemitische Agitatoren sich einer besonderen Rücksicht irgendwie zu erfreuen haben, wollen aber in solchem Falle dem Antiscmiteublatte die Kmnpetenz und Sachkenntnis nicht abstreiten. Das Bild des Kaisers, nicht das, von detn Hauff eine so reizende Novelle uns!unterlassen!tat, sondern das, von dem das ״Berliner Tageblatt“, die ,.Allgemeine Zeitung des Judentums“ und andere dem Hilfsverein für Deutsche Juden nahe ,stehende Blätter erzählt hatten, dass Seine Majestät der Deutsche Kaiser es dem Vorsitzenden der Deutschen Orientgcscllschaft und des Hilfsvereins der Deutschen Juden, Herrn James. Simon, mit einem Handschreiben verehrt habe, ist der Ge genstand der Erörterung in vielen nichtjüdischen Blättern. Damals meldeten die Blätter, der Kaiser habe das Bild dem Herrn James Simon mit einem Schreiben übersandt: ״Wenn der Empfänger auch alle sonstigen Ehrungen von der Hand weist und keine Ordensauszcichmmg angenommen habe, weil er jeder äusseren Ehre abhold ist, so würde er doch für das beifolgende Bild noch ein Plätzchen in seinem Zimmer finden." Diese Notiz in den Zeitungen gab den Antisemiten reichlich Gelegenheit über die Juden herzufatlen, ohne dass wir davon Notiz nahmen, indem wir uns aui den Standpunkt stellten, es müsse Herrn James Simon unbenommen sein, Orden abzulehnen und Bilder anzunehtnen. Jetzt aber schreibt die Berliner ״Toleranz" in einem aus diesem Anlass gegen die Juden gerichteten Artikel: ״Der Herr Kommerzienrat Hess das ruhig über sich ergehen; es wurde aber festgestellt dass Herr James Simon überhaupt kein ähnliches Handschreiben des Kaisers erhalten hatte, dass er sich aber im Besitz des Roten Adlerordens IV. Klasse befand, der seiner Zeit von ihm angenommen war. Merkwürdigerweise war es nicht das Hotmarschallamt, von dem die Richtigstellung ausging." Herr James Simon nimmt durch den Vorsitz im ״Hillsverein der Deutschen Juden" eine so hervortretende Stelle ein, dass die jüdische ©Öffentlichkeit billig verlangen kann, zu wissen, wie es damit ist. Jedenfalls wäre es längst die Pflicht des Herrn Simon gewesen, solche Nachrichten zu dementieren, wenn sie n i c h t auf Wahrheit beruhen. Wir sind durchaus der Meinung, dass auch der Hiifsverein verpflichtet wäre, auf die Interessen der Judenhcit einige Rücksicht zu nehmen und zu seinem als Riesenerfolg hinaus״osaunten Mis&crfotg beim Reichskanzler nicht noch mehr Fehler auf Konto der deutschen Juden zu begehen. Die Wiener ״Alldeutschen Blätter“, die unentwegt das reine Deutschtum vertreten, wie cs sich aus slavischem, keltischem und anderem, auch etwas germanischem Blut gebildet hat, schreiben über den österreichischen Zionistentag in den! ihnen eigenen deutschen Dialekt das Folgende: ״Am 28. und 29. v. M. fand in Wien eine Tagung der österreichischen Zionisten statt. Zweihundert Vereine hatten sich hierzu angemeldet. welche fast vollzählig durch Delegierte vertreten waren. Sonntag fand zu Ehren der auswärtigen Gäste ein Festabend bei Ronachcr statt, bei welchem der jüdische ״Tom"- und Gesangverein ihre Fertigkeiten zum Besten gaben. Wir erachten derartige Vereinigungen als das beste Mittel zur Hiutanhaltung des — Arierparagraphen. Auf der Tagung und dem Kommers ging es nach Urvätersitte sehr lebhaft zu. Geredet wurde viel und ausdauernd. (Besonders ״mit de Händ‘“). Es ist leider nicht bekannt, ob bereits ein fester Beschluss betreffs einer demnächst stattzuhabenden allgemeinen Judcnauswändcrung nach Palästina gefasst wurde. Dieselbe würde gewiss