Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VIII (1903)
- Issue
- Heft 29 (17.7.1903)
- Date
- 1903-07-17
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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ו *** f?**״«.. 8v*('ü•«*•**®■ ■ <ו#זי«^1*^»*»*«י, Seite 294. Jüdische Rundschau. No. 29. bereitete, desto grösser. Wir hatten gehofft, dass ein kräftiger Hauch des neu erwachten Geistes, der selbst an den trägsten Elementen der deutschen Judenhoit nicht mehr ganz spurlos vorüberzieht, auch in die offiziellen Kreise der jüdischen Wissenschaft eir.dringch würde, die einer solchen Belebung nur allzu sehr bedarf, um aus ihrer Lethargie geweckt zu werden, aber diese Hoffnung scheint sich als eitel zu erweisen. Es bedarf keiner besonderen Betonung, welche ausserordentliehe Bedeutung für die Qesamthelt die jüdische Wissenschaft gerade heute ausüben kann, wo überall eine lebhaftere Anteil* nähme an jüdischen Dingen wieder erwacht und sich 11 mannigfaltigen Lebensäusserungen kundgibt. Es ist gerade ein gesun* des Zeichen für den inneren Gehalt und die Ursprünglichkeit dieser Regenerationsbewegung, dass ihr überall, wo sic ihre Keime pflanzt, namentlich bei der Jugü־d, der Drang nach jüdischem Wissen auf dem Fussc folgt. Wenn sich aber der Wissensdurstige, dem bisher die Kenntnis über sein Volk im günstigsten Fall aus den meist spärlich und trübe fliessenden Bächlein des Religionsunterrichts dargeboten wurde, sich nun voll Eifer auf die Quellen stürzt, um aus ihnen zu schöpfen, dann wird ihm eine schmerzliche Enttäuschung zu teil. Die jüdische Wissenschaft, oder was sich als solche ausgibt, bc■ sitzt nur in beschränktem Masse die Eigenschaft, seinen Er* kenntnisdrang zu befriedigen. Gewiss besitzen wir aus früheren Zeiten von hervorragenden Gelehrten, den Begründern einer jüdischen Wissenschaft, bedeutende Werke, sic sind aber zun! grössten Teile entweder veraltet oder doch mit einem solchen Schwergewicht gelehrten Materials belastet, dass sie den Laien eher abschrecken, als anzichcn. Die jilngene GencraEcn hat es aber nicht verstanden, das Erbe ihrer Vorgänger auf derselben Höhe zu erhalten. Es fehlt sowohl an bahnbrechcnden Geistern wie an grossen Gesichtspunkten, der Zusammenhang mit dem Leben und der Wirklichkeit ist verloren gegangen, die meiste Mühe wird in philologischen Spitzfindigkeiten und antiquarischer Kleinkrämerei verzettelt. Daneben macht sich eine seichte und kritiklose Pseudowissenschatt breit, die mein־ Irreführend als fördernd wirkt. Diese misslichen Verhättnisse sind zu bekannt, als dass ein weiteres Eingehen nötig wäre, und auch die beteiligten Kreise sind des Uebelst^Kles sicher bewusst, denn sonst würde eben der Gedanke und die eifrige Förderung der neuen Gründung keine Tatsache sein. Kann somit über die Notwendigkeit einer Reform auf dem Oebicte der jüdischen Forschung nur eine Meinung herrsehen, so muss es geradezu erschreckend wirken, wenn man Allerlei *;«W ־- . . Vorgeschichtliche Ausgrabungen ln Palästina. Aus London wird berichtet: Die Hauptarbeit des ״Palestinc Exploration Fund“ während des vergangenen Jahres war die teilweise Ausgrabung der Stadt Gezer, die ein wichtiger Ort war, ehe die Israeliten über den Jordan gingen; Nur ein Achtel der Gegend Ist blosgelegt worden; aber die Arbeit hat reichere Ergebnisse gezeitigt, als jede frühere Ausgrabung. Eine Übersicht über die bisherigen Ergebnisse gab Sir Charles Wilson am Montag in der Jahresversammlung der Gesellschaft. Mr. Macalister hat In Gezer sieben Kulturschichten gefunden, die die Geschichte der Gegend bis in das fernste Altertum zurücktühren. Die beiden untersten Schichten gehören dem neolithischcn Zeitalter an, als die Menschen noch kein Metall brauchten und in Höhlen oder Gebäuden aus Schlauunziegelu wohnten. Die Leute waren nicht Semiten; man fand, dass sie ihre Toten in einer besonders dazu vorbereiteteU Höhle verbrannten. Augenscheintich war der Luftzug In diesem Krematorium ungleich, denn einige Knochen waren nur geschwärzt und wurden genau so gefunden, wie sie na'ch der Einäscherung gelassen waren. Diesen Leuten folgten die Semiten, die f.1 Häusern aus Schlamm und Stein, durch Steinwälle gjesc'liü'tzt. wohnten. Sie begruben ihren Toten und gebrauchten das Krematorium und eine grosse Ctsternö ihrer Vorgänger zu diesem Zweck. Eine der Ansichten, die Sir Charles Wilson auf einem Schirm zeigte, illustrierte ein merkwürdiges Begräbnis in der Cistcmc, dessen sicht, einen wie verkehrten Weg die berufenen Vertreter unserer Wissenschaft einschlagcn, denn die Forderungen, welche sic in jener grundlegenden Sitzung ausgesprochen haben, gehn auch nicht um ein Haar über das hinaus, w׳as schon Jetzt geleistet ward. Als Kernpunkt der Wirksamkeit des neuen Vcreins muss der Beschluss gelten, der die Förderung Jüdischwissenschaftlicher Arbeiten durch materielle Unterstützung anstrebt. Man betrachte nun, welche Einzeldisziplinen hierbei aufgeführt und somit offiziell als diejenigen angesehen werden, welche die ״jüdische Wissenschaft“ ausmachen. Es sind 1. systematische Theologie (Ethik und Religionsphilosophie), 2. hebräische Sprachwissenschaft und Bibelcxcgcsc, 3. Talmud und Codices, 4. Geschichte (politische, Rechts- WirtscWts- und Kulturgeschichte), 5. Literatur- und Religion?• geschichtc, 6. Praktische Theologie (Pädagogik), 7. Apologetik. Noch deutlicher werden die engen Grenzen, in welche unsere Gelehrten die Wissenschaft unseres Volkes ba<׳m;n möchten, wenn man den Plan heranzicht, der in engem An- Schluss an den oben erwähnten Hauptpunkt zum einstimmigen Beschluss erhoben würde, ich meine die Herausgabe eines Sammelwerkes, das in einer grösseren Anzahl in sieh abgcseblojjsenen Einzelhandel» einen ״Grundriss der Wissenschaft des Judentums“ bilden soll, der zwar wissenschaftlich gehalten, doch in erster Linie für weite Kreise bestimmt ist. Man höre nun, welche Gebiete behandelt werden sollen: 1. Einleitung in die Bibel, 2. di; Bibelübersetzungen, 3. die hebräische Sprachlehre, 4. die aramäische Sprachlehre, 5. Geschichte der hebräischen Sprachwissenschaft, 6. systematische Theologie, Ethik, ReÜgionsphilosopliie, S. Einleitung in die Talmud?, 9. Umleitung in die Midraschliteratur. 10. hellenistische Litera* tur, II. die Apokryphen und Pscudcpigraphen, 12. Judentum und Christentum, 13. Judentum und Islam. K die rabbinische Literatur, 15. ReHglonsgcschichte, 16. Geschichte der jüd sehen Sekten, 17. biblische und talmudischc Archäologie, 18. mosnischcs und talntudisches Recht, 19. Grundriss der jüdischen Literaturgeschichte, 20. Geschichte der Juden in vier Abteilungen, 21. Geschichte des Synagogcnkultus, 22. Apologetik, 23. praktische Theologie, 24. Homiletik, 25. Pädagogik. — Ist’s nicht verwunderlich, dass in dieser kalten gelehrten Gesell- Schaft die beiden lebendigsten Zeugen unserer Existenz, die Bibel und unsere Geschichte, denen gnädiglich ic ein ganzer Band zugedacht ist, überhaupt einen Platz gefunden haben? Dafür machen sich Gegenstände breit, die entweder nicht jüdisch sind, wie ״Praktische Theologie", oder mit Wissen- Geheimnis noch nicht gelöst worden ist. Die Skelette lagen in verschiedenen Stellungen und rührten alle von Männern her, abgesehen von dem oberen Teil des Skeletts eines Müdchens, dessen Leiche augenscheinlich auseinandergerissen war; denn der untere Teil fehlte und ist auch nicht entdeckt worden. In der dritten 111’d vierten Schicht fand mau eine ..Anhöhe" (Opferstätte); diese bestand aus einer Reihe Monolithen, die aufrecht auf einer steinernen Plattform innerhalb eines ummauerten, der Luft offenen Geheges standen. Unter dem Boden fand man eine Anzahl grosser irdener Krüge, von denen jeder die Überreste eines neugeborenen Kindes enthielt, was deutlich auf das Vorherrschen der Kindesopfer hinweist. Die Knochch einiger trugen deutliche Feuerspuren. Jede Stadt und iedes Dorf hatte seine eigene ״Anhöhe"; die Israeliten benutzten eine Zeitlang diese Gehege als Andachtsstätteu. Die fünfte Schicht vom Boden an zeigte eine Lücke in der Besitznahme* des Ortes an. die anscheinend mit dem Kommen der Israeliten zusiönmeuiülU. ln den Resten fand man lampen und Schalenlager unter den Fuiulanichtcn der Gebäude; Macalister weist darauf hin. dass sie vielleicht mit einem den Juden eigentümlichen Zeremoniell Zusammenhängen. Die sechste Schicht in aufsteigender Reihe kann mit Sicherheit der periode der jüdischen Monarchie zugewiesen werden. Die Lamoen und Schalcnlager sind fortgesetzt, und die Grösse der Stadt war sehr vermindert. Ais Salomou den Ort wieder erbaute, wurde 1 r auf den westlichen Teil des Berges beschränkt. Die siebente Schicht be/.eiehnetc eine völlige Unterbrechung in der Geschichte. Die Geräte aus Feuerstein sowie die Lamoen und Sehalenlager verschwanden, Eisen u׳ar allgemein gebräuchlich, und Broitzegcgcnstüüde dienten nur zur Zierde. Das Mauer- *Vß** •«*