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Jüdische Rundschau · 1903-07-10 · Heft 28 (10.7.1903) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VIII (1903)
Issue
Heft 28 (10.7.1903)
Date
1903-07-10
Page
– (sequence 6)
Language
German
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■ j• Seite 280. Zionisten im Oeiste mit ihren Abgesandten sein. Wichtige Aufgaben harren der Erledigung, unter diesen die vornehmste, die Inkorporation des jüdischen Nationalfonds. Mögen die Beratungen so ernst und würdig sein, wie unser Streben es ist. Der Fraktiönsgcist, der sich von Fall zu Fall bemerkbar macht, kann, wenn er keine Hintergedanken hat und nicht in Disziplinlosigkeit ausartet, unserer Bewegung nicht schaden. Das ist ja eben das Ungewöhnliche in unserer Bewegung, dass Juden der verschiedensten Kulturen, Berufe und Weltanschauungen einem Ziele zu streben können, ohne von einander Opfer des Intellektes fordern zu müssen. Organisation ist die Vorbedingung jeder grossen Bewegung. Wir haben den Kongress zu unserer obersten Behörde eingesetzt; dessen Beschlüsse müssen uns allen heilig sein. Der Kongress hat uns ein Programm geschaffen, welches uns alle befriedigt und unser Wollen klar und deutlich umschreibt; dieses wollen wir unentwegt fcsthalten. Wer auf Grund dieses Programmes nicht mittun kann oder will, dessen Mitarbeit müssen wir uns, und mag es die wertvollste sein, versagen. Wir haben Geduld, wir müssen Geduld haben. Allen Drängern und Stürmern sei es nochmals gesagt: Hüten wir es!— Litt mann So ich er. Moderne Scheherezaden. In eine brennende Wunde des jüdischen Volkskörpers hat der Artikel des Herrn Solcher in No. 26 der ״Rundschau“ den Finger gelegt. Kann man sich einen schrilleren Missklaog denken, als die Tatsache, dass diejenigen, welche den Geist des Judentums vor Allem zu pflegen beraten sind, die Rabbiner, in einem nicht geringen Teile ihrer Vertreter, diesen Geist zu , verflüchtigen und fälschen als ihre höchste Aufgabe zu betrach* j ten scheinen? Ihre bewunderungswürdigste Leistung au; i diesem Gebiete liegt allerdings in der Verkündigung des Märchens von der Mission, wie es Soichcrs Artikel bereits I drastisch beleuchtet bat. Das Volksbewusstsein, welches ia zur Wiedererstarkung des Selbstbewusstseins und der Persönlichkeit zur Abkehr von den Verkündern eines Schablonenhaften Dogmatismus und gar, verhüte der Himmel, zum Einbruchc östlicher Konkurrenz fuhren könnte, soll mit ali(eu Mitteln untergraben werden. Darum ein Judentum, das frei in der Luft zu schweben lernen soll: auf den Eiissen gclit’s nicht mehr, gehn wir auf den Köpfen. — — Doch so ganz ohne Methode wie der Artikel des Herrn S. andeutet, ist das herrliehe System immerhin nicht. Ist die Mission die Krone seine; .Schöpfungen Im positiven Sinne, so entwickelt es bekannterniassen sein negierendes Talent in der Richtung, dass cs alles asn die Volkspersönlichkeit des Judentums Erinnernde geschättig ausmerzt und vernichtet. In diesem Sinne hat cs sich ja vor Allem um die Redaktion der Gebetbücher ״verdient" gc• macht. Aber damit noch nicht genug! Es ist ja nicht so leicht, eine ganze Volkskultur üi ihr Gegenteil zu verkehren. Darum kommt das beredte Wort von der Kanzel noch zu Hilfe, wo jene hier und da noch gar zu aufdringlich mit ihren Aeusserungen an das Herz der Gemeinde pocht. Da gibt cs dann wundervolle predigtfüllcndc Syllogismen, um schwarz in welss zu verkehren. ״Bildlich" soll sic aufzufassen sein, die Selmsucht nach Zion, die in so vielen unserer Gebete flammt una bebt. Eine mystisch-theologisch.* Bedeutung möchten sic ihr unterlegen, die dem Judentum so urfremd ist, wie etwa die Transsubstautationen der christlichen Abendmahlsichre. — —• Allerdings man könnte fragen: womit wagen sie eine solche Auffassung zu begründen, wenn sic sich ebenso wie bei de! Mission auf Lappalien wie Begründungen überhaupt einliessen! Wo ist auch nur eine Andeutung davon vorhanden, dass die unsäglichen Klagen um den Fall Jerusalems ergreifender, als alle anderen Elegien der Welt zusammcngenoinmen — mit dem Nr. 28. himmiKchcn Jerusalem Jer christlichen Kfrche in irgend einer Parallele stehen? Weil die Sprache unserer Altvordercn du Bildlichkeit liebte., weil Unsere Propheten cs verstanden habe!., mit gewaltiger Poesie in die Herzen des Volkes zu greifen, deshalb soll Alles, was jene uns als heiliges Vermächtnis hinterlassen haben, ״bildlich" gemeint sein, deshalb wollt ihr diese bei dem Erschütterndsten, was sie verkündet und mit glühender Qual selbst durchlebt haben, bei dem Sturz des Reiches, /.u der Rolle tändelnder Poctaster ’ oder allenfalls mystischer Spekulanten hcrabdrücken! Wenn ihr an frischen Eiterngräbern sclmierzdurchwühlte Kinder tröstet mit dem Tröste derer, die da trauern um Jcruschalajim, soll ihnen das in des Lebens w'chcvollstdi Augenblicken auch zur Phrase herabgewürdigt werden?-— Was würden wir von einem Schau- Spieler halten, der, wenn er uns das Heidcnschicksal eines Posa vortäuscht, zwischendurch dozieren wollte: Kinder iielmit es nicht so tragisch, möchte ich euch ra'tcn! — Hier abe! handelt es sich um keine Komödianten, sondern um Geistes- Vertreter des Höchsten, was unser Volk Sein Eigen nennt, und sic werden nicht müde, immer wieder zu versichern, dass alles das nicht so tragisch zu nehmen sei! Als״ nur Märchen, die ihr zu erzählen habt, ihr rührenden Schclierczaden! Hütet euch, dass ein gräflich Pückler’schcr bildlicher Knüttel euch nicht eines Tages eure bildliche Logik unsanft zerschmettere! —-Die Gemeinden allerdings verlangen derlei Kost; denn polchc Charakterlosigkeit ist ja heutzutage der Grundcharaktei eines grossen, leider sehr grossen Teiles der deutschen Judenschalt. Aber cs gibt auch noch solche, die nur der Aufklärung bedürfen, um stell von dem Abgründe weg zu wenden, in welchen diese Eutjudung hinein steuert. Ihnen diese Klarheit überall voll und scharf zu verschaffen, das muss chic unserer \ornchmsten Aufgaben sein. Es werden denn doch manche zu uns kommen, denen der Feuerfrank aus Zions Bergen besser mundet, als der bildliche, von den berufenen Pantschen» und falschen Propheten bereits, dreimal getaufte Wein. עוזר בן יחוף־ן Dsr VcröatvJsfag dar Lifterafiii’Vßre&a, *) welcher am 21. Mai in Cassels Hotel in Berlin getagt hat, nimmt unter den zahlreichen Versammlungen, welche die Interessen der deutschen Judcuheit nach verschiedenen Richtungen hin wahrnehmen, eine besonders hervorragende Stellung ein. Und das mit Recht. Mit Entstehung der Litteraturvcrcinc is; in vielen jüdischen Gemeinden eine geistige Zentrale geschaffen worden, die in keinem Gemeinwesen mehr fehlen sollte, das Anspruch auf allgemeine Bildung und speziell auf Anteilnahme an jüdischem Geistesleben erhebt. Der Bericht über die Vorhandlungcn hätte deshalb auch in breiterer Fassung, als bisher geschehen, publiziert werden dürfen, ohne für die gros>s:a Schichten des Publikums an Interesse einzubiissen. Demi gerade die Zunahme der Lnteraturvcreine an Zahl und Mitgliedern spricht am beredtesten dafür, dass sic Sammelpunkte für sonst ziemlich zersprengte Elemente innerhalb des Gemcindclebcns werden und schon geworden sind. Wenn trotzdem in vielen Städten von den leitenden Personen Klage darüber geführt wird, dass gerade sonst tonangebende Persönlichkeiten in den Gemeinden sich aus verschiedenen, selten stichhaltigen Gründen, von den Litteraturvereinen fernhalten, so bestätigt dies mir eine alte Erfahrung, dass gerade die Bildungsbedürftigsten sich am wenigsten zu Stätten hingezogen fühlen, wo sie, in welcher Weise immer, etwas lernen könnten. Die Scheu, sich mit etwa weniger günstig Situierten in dem ) Dieser Artikel, der uns aus den Kreisen der jüdischen Litteraturvcrcinc zugeht, verdient wohl wegen seiner richtigen Bemerkungen auch Beachtung in unserem Blatte, das die lk dcutung dieser Vereine bei weitem ־nicht so hoch eiuschätzt, w ie der Verfasser. Jtidi«el1e JR-undsolifiu v " *Vf®• * itf-k »**f *״* - "V \

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