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Jüdische Rundschau · 1903-07-03 · Heft 27 (3.7.1903) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VIII (1903)
Issue
Heft 27 (3.7.1903)
Date
1903-07-03
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Wenn wir aber die Wichtigkeit in Betracht ziehen, die nun einmal unsere Stammesgenossen diesen, Wahlen auch für die Lage der .luden beimessen. und angesichts der Tatsache, dass sie vielfach falsche Schlussfolgerungen aus den Wahlresultateu ziehen, können wir doch nicht ganz achtlos an dem Wahlergebnis vorii!)ergehen. Es hat die jüdischen Abwehrblätter mit Freude erfüllt, dass die antisemitische Partei nur 9 Vertreter anstatt der 12 bisherigen in den Reichstag schickt. . Aber bei Lichte besehen haben die Antisemiten doch keine wirkliche Niederlage erlitten. Zwei ihrer verlorenen Wahlkreise liegen im Königreich Sachsen, sind also dort infolge der Verstimmung über die Vorgänge im Königshause von Sozialdemokraten erobert worden. Sind mm, so muss man doch fragen, die dortigen Sachsen etwa deshalb weniger antisemitisch geworden, weil sie diesmal wegen gewisser Ereignisse, die sic gewiss nicht ewig im Gedächtnis behalten werden, der schroffsten Oppositionspartei ihre Stimme gegeben haben? Und werden diese Wähler, falls sie wirklich nicht zu den Antisemiten zurückkehren sollten, nicht die Judenfeindliehe Strömung in der Sozialdemokratie verstärken? Bezeichnend für sächsische Verhältnisse ist es jedenfalls, dass von den .ר bürgerlichen Kandidaten, die überhaupt noch mit den Sozialdemokraten zur Stichwahl kamen, einzig unter ihnen der Parteiantisemit, und dieser sogar mit einer grossen Majorität und mit Unterstützung der freisinnigen Volkspartci gewählt wurde. Die Wahl In Giessen ist, wie selbst ein jüdisches Abwehrblatt bemerkt, nur dadurch zu Ungimsten der Antisemiten ausgefallen1, dass Gicsscns antisemitischer Vertreter. Köhler, fast alle Reichstagssitzungen geschwänzt hatte. Gleichwohl wäre er unfehlbar gewählt worden, wenn er bei der Hauptwahl nur 100 Stimmen mehr gehabt hätte und so anstatt des Nationalliberalen mit dem Sozialdemokraten in die Stichwahl gekommen wäre. So haben in drei verschiedenen Wahlkreisen besondere Umstände die Niederlage der Antisemiten herbeigeführt, und mehr als drei Mandate haben sie ja überhaupt nicht verloren. Nimmt man nun hinzu, dass die Christlich-Sozialen ausser ihrem bisherige!! Vertreter Stöcker jetzt noch einen zweiten in den Reichstag senden, so haben die Antisemiten sogar eigen(־ lieh noch einen Gewinn zu verzeichnen. Entschiedene Fortschritte haben die Antisemiten im Osten gemacht. Bemerkenswert ist besonders Friedeberg-Arnswalde. Dort erhielten bei der Hauptwahl Brulm (Antis.) 6!37. Obst (Soz.) 3I70. Schacper (B. d. Landw.) 2537, Barth (ireis. Vgg.) 593 Stimmen, bei der Stichwahl Brulm 10 531. Obst 3077 Stimmen. Danach baten also bei der Stichwahl nicht nur die Anhänger der freisinnigen Vereinigung (!) für Bruhn gestimmt, sondern es sind auch Sozialdemokraten selbst von ihrem eigenen Kandidaten zum Helden von Könitz fibergegangen,. Be* zeichnend für unsere Lage ist es auch, dass gerade im Nachbarwahlkreise von Könitz, in Schlochau -Fiatow. zum erstenmal ein Antisemit gewählt wurde. Auch Könitz selbst hätte zweifelsohne antisemitisch gewählt, bestände daselbst nicht die Feindschaft zwischen Deutschen und Polen: es ist dort ein Pole erkoren worden. Das Hauptresultat der jetzigen Reichstagswahlen ist neben dem Anwachsen der Sozialdemokratie die schwere Niederlage der Freisinnigen, deren völlige Auflösung mir noch als eine Frage der Zeit erscheint. Damit wird aber d i c Partei aus dem Reichstage schwinden, die trotz mancher judenfeindlichen Vorgänge in ihr selbst doch wenigstens zuweilen noch als Beschützerin der Juden auftrat. Dass es mit den Freisinnigen trotz allem Schreien nach Reformierung des Liberalismus unerbittlieh zu Ende geht, hatten ja die Juden schon vor den Wahlen erkannt, und diesem Umstande ist cs auch wohl hauptsächlich zuzusclireiben, wenn sie jetzt in Scharen für die sozialdemokratischen Kandidaten gestimmt haben. Dass der Ucbcrgang zahlreicher Juden zur Sozial-' detnokratie erfreulich wäre, wird man nicht gerade sagen können. Wurden die Juden schon von Stöcker In seinen ersten antisemitischen Rede» (1878) als die Begründer der Sozialdemokratie angegriffen, so ist dies bewährte Hetzmittel nicht wieder aus dctu Repertoir der Antisemiten geschwunden und um so häufiger hervorgeholt worden, je mehr Juden als Führer in die Sozialdcmofcratie eintraten. Der Hass der Bourgeois gegen die Sozialdemokratie schwillt ja schon in gleicher Weise an. wie diese Partei selbst anschwillt, und dieser Hass wird sich mit um so grösserer Schärfe gegen uns kehren, je mehr wir der Sozialdemokratie Führer und Mannschäften stellen werden. Aber selbst diesen Hass und seine Folgen würden wir vielleicht noch ertragen, wenn wir im sozialistischen Zukunitsstaatc eine Besserung

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