Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VIII (1903)
- Issue
- Heft 26 (26.6.1903)
- Date
- 1903-06-26
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 364. Ko. 26. JUdisclie Hundsciiau. Das 80. Jahresfest der Judenmtsslon wurde Sonntag Abend ln der Christuskirchc gefeiert. Schlossprcdigcr Lic. Dunkmann aus Stolp i. P. hielt die Festpredigt über Römer 11, 16—13, den Bericht erstattete Missionsprediger P. Bieling 1m Anschluss an Sacharja 12, 10. Das wichtigste Ereignis im letzten Jahre war für die Judcnmission die Eröffnung eines neuen eigenen Heimes in der Kästanienallec, das ein guter Stützpunkt fiir die Arbeit ist. Bei der Einweihung haben der Kaiser, die Kaiserin und die Kirchenbehörden ihr lebhaftes Interesse für die Juden* mission unter den besten Glückwünschen kuitdgegeben. Die Mission arbeitet in Berlin, Posen und W ien als Hauptstationen. In Wien hat sic in letzter Zeit ein viel grösseres Entgegen* kommen gefunden, als irühcr. Von den 53 Taufbcwcrberii wurden 20 zuriickgestcllt. Am Versöhnungstage fand hier wieder eine grosse Versammlung für Juden statt, ebenso wurden sechs Abendmahlsfeiern mit mehr als 10«*» Teilnehmern gehalten. Zu beklagen sei das Verhalten mancher Christen, die die jungen Judenchristen oft recht abstossend behandeln. — So der Bericht der .. K r c u 7. z e i t u n g “. Es ist doch wirklich bedauerlich, dass gewisse Christen noch immer nicht begreifen, dass man nur Ult getaufte Juden ..recht ab* stossend behandeln“ soll. Solche unvernünftigen Leute können das ganze Geschäft verderben. — Einer einzigen Nummer der ..Täglich e u R und* schau“ entnehmen wir folgende, wesentlich abgekürzte In* seratc: Nordseebad Amrum, Seehospiz. Christlich. Ostseebad Bansin, Pension Strandhaus. Keine Juden! Buckow, Bezirk Frankfurt (Oder). Christliches Erholungs* heim Wilhelmshöhe. Frankfurt a. AL, Kölner Hof. Jüdischer Besuch verbeten. Godesberg a. Rh., Christi. Familienpension. Haus Lichtenstein. Besitzerin M. Liidkc. Gross-Tabarz i. Thur. Wald, Pens. Hanna (Villa Voelcker). Vornhin. (Keine Jud.) Bad Kolbcrg. Christi. Faniilenpension. Elisabeth. Moltkestr. 5. nahe d. See*. Sool- und Moorb. Prsp. d. Elis v. Le nicke. Pyrmont. Richter’s christl. Kurpension. Sei! ierl.c (Harz). Haus Tannlieim. Pens. Christi. Haus. Haus liagenthal, Post Gernrode am Harz. Logierhaus und Pamilicnpeasion auf Grundlage christlicher Hausordnung ist vom 1. Mai an geöffnet . . . und so weiter. Am Fronleichnamsfeste umzingelten nnt helllichten Tage etwa 200 Personen das Haus des jüdischen Handelsmannes Langer In Bobrek bei Sielce id Russisch-Polen und brachten Kundgebungen gegen die Juden. Sechs junge Burschen drangen demolierend in das Haus. Man wollte ■einen Krawall, wie in Kischinew inszenieren. Als Länger die Situation infolge der aus^estossenen Drohungen überblickte, sprang er mit einem seiner Söhne zum Fenster heraus und holte Hilfe. Da cs kein russisches, sondern ein r0n1isch-katl101isch.es Fest war, und die Angreifer Polen, nicht Russen waren, so erschien sofort die Polizei, griff mit der Zuclitkuute ein und zerstreute die Menge. Zw ei der Eindringlinge wurden verhaftet. Der Polizeituciste.• im Grenzort Sosnowicc erfuhr gestern, dass die in der Kirche versammelten Leute Gewalttätigkeiten gvj!ca die Juden aus* führen wollten. Der Beamte besetzte die Kirche mit seinen Mannschaften und lrcss die Kirchcnhcsuchcr nur zu zweien heraus, sic erst fragend, wohin sie gehen. Sie mussten geradewegs nach Hause gehen, sonst w urden sic sofort durch einen der Wachleute nachd rück liehst angetricben. In E y d t k 1111 n e n ist die Nachricht von einer Juden- Verfolgung In Borsna im russischen Gouvernement 1* sehe rnigow eingetroffen. Bei den Ausschreitungen sollen Men* sehen getötet worden sein. ' Einzelheiten über die Vorgänge fehlen noch. Der. Jüdische Buch- und Kunstverlag In Brünn errichtet in Basel zur Zeit der Verhandlungen «es VI. Kongresses ein Korrespondenzburecvj, welches über die Koiigresssitzungen zweimal täglich.ausführliche Mitteilungen herausgibt und ver* sendet. Wir sind überzeugt, dass diese Neuerung allseits mit grosser Freude begriisst werden wird. Unser Unternehmen ist geeignet und berufen, das Interesse für den Kongress in die weitesten Schichten zutragen und diesen möglichst rasch zuverlässige und umfassende• Nachrichten zu vermitteln. Der Buch- und Kunstverlag in Brünn nimmt jetzt schon Abomieniciits entgegen. Der eingez.ahlte Betrag von 3 Rubeln für Russland, 6 Mark für Deutschland, berechtigt zum Bezüge der Kongrcssrnitteihmgen. welche zweimal täglich frankiert an die Abonnenten abgeschickt werden, so dass die .Interessenten sofort über die Verhandlimgui informiert sein werden. Be- Stellungen und Alxmnemcntsbeträge sind zu richten . an: Jüdischer Buch-, und Kunstverlag, Brünn. Im Rossini-Theater In Turin fand ein grosses Protestmccting gegen die Massacrcs In Kischinew statt. Das Meeting nahm eine scharfe Tagesordnung gegen die russischen Greuel an und votierte den Ausdruck der Sympathie für den Abgeordneten M o r g a r i, wegen dessen Rede gegen den Zaren in der italienischen Deputiertenkammer. Der russische Rubel hat in Serbien ein Königspaar gemordet. Er hat auch den antisemitischen Redakteur und Verleger, dem Hauptschuldigen von Kischinew. zum Märtyrerkianz-verholten. Aus St Petersburg wird berichtet: Der Verleger der antisemitischen Blätter Snamja in St. Petersburg und Bcssarahctz in Kischinew־, Kr uscli ewau. wurde heute nachmittag auf dem Ncwsky-Prospckt von einem Juden, augeblicli einem ehemaligen Studenten des Polytechnikums in Kiew, mit einem Messer gestochen und am Halse verwendet Die Verwundung ist nicht lebensgefährlich. Kruschewan hielt den Täter mit hülfe der Anwesenden fest. Das war am 17. Juni. Seitdem hat man mit dem besten Willen nichts Näheres erfahren können. Jedenfalls versteht Knischcwan sein Geschäft doch besser als sein evangelischer Parteigenosse in Berlin ־— Friedcberg-Arnswalde. — Das ..Alldeutsche Blatt" in Wien begleitet die Tatareimachricht mit der Bemerkung: So sehen die ..harmlosen“ Juden in Russland aus. Der christliche Wunderrabbi von Kronstadt, der Wundertätcr Propst Iwan (Johann) hat die erstaunlichste seiner Wundertateu vollbracht. — diesmal an sich selbst. N or kurzem iiat er einen oiienen Brief anlässlich der J u denket /. c. in Kischinew veröffentlicht, worin er die Mörder und Pinnderer samt ihren Anstiftern gcisselte. Der Brief war so scharf al gefasst, dass weder die ״Nowoj.• Wrcinja“, noch die aggressiv antisemitische ..Znamja“ es fiir möglich hielten, ihn zum Abdruck zu bringen. Der Briei wurde als Flugschrift in einer grossen Anzahl von Exemplaren in Kischinew verbreitet. . Nun hat sich aber der würdige Priester eines anderen bcsonnen. Soebcö veröffentlicht er bezeichnender Weise i;1 der dem Besitzer des ״Bessarebets“ Kruschcv.au gcUörgeu ..Znamja“ einen neuen Brief, i.1 dem wir das gerade Gegenteil lesen. Die Zeitung erzählt uns. es sei zum Propst tu an eine ״ehrwürdige Person" aus Kischinew gekommen und habe ihn über die ״wahre Sachlage“ aufgeklärt und der Eindruck sei so gross gewesen, dass er sich sofort an seinen Schreibtisch setzte und einen neuen Brief nicdersc’uricb. An moralischer Selbstvcriüchtung leistet dieser Brief Mensclicnmögiiche. Wer die ״ehrw ürdige Persern“ aus I'isc’.h ew war. erfahren wir nicht und können das nicht erraten, sicher aber ist, dass die Einiiüsse, die den Umschlag lierhGgefnkrt haben, nicht aus Kischinew, sondern aus leitenden Petersburger Kreisen, zu denen der Propst von Kronstadt notorisch sehr nahe steht, stammen. Deshalb ist der Brief doppelt interessant. In wortgetreuer Ucbersetzung lautet er: ״A11s den weiteren Zeitungsnachrichten (die den ersten folgten) habe ich die Ucbcrzcugtmg gewonnen, dass an den Ausschreitungen. Verstümmelungen u.id Mordtaten, die am 6. (19.) und 7. (20.) April stattgefunden haben, die Juden selbst Schuld waren. Ich habe die Sicherheit erlangt, dass es am Eudg die Christen waren, die den Schaden davon tragen, während die Juden für ihre Verluste und Verstümmelungen von ihren russischen und auswärtigen Glaubensgenossen reichlieh entschädigt wurden. Das weiss ich aus Privatbriefen, die an mich von aufrichtigen, seit langer Zeit in Kischinew' ansässigen, mit der Sachlage gut vertrauten Personen gerichtet wurden. Daher flehe ich die Kisehiucwcr Christen an: Verzeiht mir meine an euch allein gerichteten Vorwürfe wegen der begangenen־ Greuel. Jetzt bin ich überzeugt, dass man nicht die ganze Schuld den Christen allein zuschreiber! darf, die durch die Juden zu Ausschreitungen provoziert wurden, und dass die Hauptschuld daran die Juden selbst tragen. Den 23. Mal (5. Juni). Probst Iwan von Kronstadt. Das Blatt teilt zugleich mit, dass Probst lwä׳v bereits ansehnliche Beiträge an die Familien der in die Untersuchung verwickelten Christen übermittelt hat. (Erst 300 und dann 500 Rubel.) Mehr Reue und christliche Liebe £ann man von dem Priester wohl nicht verlangen. Mit grosser Gewissenhaftigkeit ahmen die modernen Anti- Senaten ihre Vorgänger vom deutschen Mittelalter nach, unter modernisieiicn Formen. Wie aus der gekreuzigten Hostie das gepeinigte russische Heiligenbild geworden ist, so iiat sich auch für die Bcsclrö'uigtmg der Brunuenvergiftung eine «neue Form gefunden :• - Amerikanische Entscliliessuugeii. Der amerikanische Botschafter' in London. Cüoalc, beriet laut einer Washingtoner Meldung des ..New-York Herald" am Sonntag mit dem Prä-