Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VIII (1903)
- Issue
- Heft 24 (12.6.1903)
- Date
- 1903-06-12
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 24. 1 Seite 241. JUdisdie Rundschau. zerstörten wirtschaftlichen Existenzen zu ermöglichen, wieder in geordnete soziale Verhältnisse zu gelangen. Unsere Freunde dürfen namentlich nicht in dem Eifer erlahmen, für die Kinder der Ermordeten in Palästina eine gesicherte Heimstätte zu schaffen. — Für die Zwecke des Hillsvereins sind in diesen Tagen weitere 300 000 Mk. verfügbar geworden. Die verstorbene Frau Baroninvo 11 Cohn-Oppen 11 ei!11 hat ihrem Verwandten, Dr. Paul Nathan, dem Geschäftsführer des Hilis- Vereins in! Ehrenamte, testamentarisch 300 000 Mark vermacht mit der Auflage, dieselbe zu gunsten des Hilfsvereins zu verwenden. c, Aut Grund der Ergebnisse der letzten Volkszählung setzt sich die Bevölkerung des Deutschen Reiches nach Religionen fo.lgendermasscn zusammen: Von der gesamten Bevölkerung waren: am 1. Dezbr. 1900 Christen absolut % J. Evangelische . 35.231.HM 62.5 2. Römisch-Katholische . 20.321,♦Ml 36.1 zusammen Ruin, und andere Katholische 20.327.913 36.1 3. Andere Christen . 203.793 O.-t Juden. ...%. 586,833 1,0 Nicht ganz zwei Drittel (62,5 pCt.) der Gcsamtbcvülkerimg sind also evangelisch, etwas über ein Drittel (36,1 pCt.) katliolisch, OM andere Christen, 1 pCt. Juden. Das Verhältnis der einzelnen Bekenntnisse hat sich seit 1S71 folgcndcrmässcn gestaltct (in Prozentzahlen): Christen 1871 1880 1S85 IS90 1900 Evangelische . 62.3 62,6 62,7 62.S 62.5 Katholische . 36,2 35,9 35,8 35,8 36,1 Andere ........ 03 0,2 0,3 0,3 0,1 Christen überhaupt.•98,7 9S.7 98,8 9S.9 99,0 Juden .1,3 1,2 1.2 1.1 1,0. . . Absolut ist die Zahl sowohl der Evangelischen, der Kath״- liken, der anderen Christen wie der Israeliten seit 1S71 gestiogen. Der Anteil an der Gesamtbsvölkerung hat sich aber nur bei den Christen etwas — von 9S.7 auf 93 pCt. ־— erhöht, wahrend derjenige der Juden sich ein wenig — von 13 auf 1 pCt. verringert hat. Ein Rückgang der absoluten Zahl der jüdischen Bevölkerung hat noch nicht stattgefunden (1S90 würden 567,$84 Juden gezahlt.) Die schwer lastenden politischen und sozialen Verhältnisse bewirken den zahlenmassigen Rückgang der Judenheit. Auswanderung und Taufe tuen das ihrige. Berlin, 26. Mai. Eine Anklage wegen Beschimpfung der Jüdischen Religion sollte die 3. Strafkammer des Landgerichts I beschäftigen. 'Die Anklage richtete sich gegen den Schrift- Steller Paul Koch aus Rixdorf und den Rechtsanwalt Eduard Jüngst aus Charlottenburg. Es handelt sich um eine von Koch herausgegebene Druckschrift' über den Ritualmord. Koch beantragte die Ablehnung des ganzen Gerichtshofes wegen Befangenheit und begründete dies damit, dass nach den ihm gewordenen Mitteilungen die Regierung eine grosse Abrechnung mit den Antisemiten plane. Aus den Urteilssprficheii. die neuerdings in gleichartigen Fällen ergangen seien, schöpfe er den Verdacht, dass sämtliche Berliner Richter befangen seien. Die Verhandlung wurde zur Beschlussfassung über den Antrag vertagt. . MlttwekJa a. Sa. Am 29. Mai 1. J. feierte der ״Verein Jüdischer Techniker4* das Fest seines einjährigen Bestehens. Nach langjährigen, unausgesetzten Bemühungen war cs endlich gelungen, die offizielle Erlaubnis für einen jüdischen Verein zu erhalten. Schon vor mehreren Jahren existierte indes hier ein jüdischer Verein, der aber polizeilich aufgelöst und dessen Bibliothek beschlagnahmt wurde, weil er eben die offizielle Erlaubnis nicht hatte erlangen können. Es galt also, das Werk von neuem beginnen. Und, wie das verflossene Wirkungsjahr zeigt, fiel der Samen auf nicht ganz unfruchtbaren Boden. Der Venein, der anfangs mit finanziellen Schwierigkeiten viel zu kämpfen hatte, konnte schon, in diesem ersten Jahre eine ziemlich reichhaltige Lesehalle gründen und ist jetzt eben daran, die Bibliothek in wünschenswertem Masse zu erweitern. Auch die öfters veranstalteten Vorträge und Diskussionsabende (hauptsächlich über die Judenfrage) riefen lebhaftes Interesse herVor. In der die Feier einleitenden Festrede führte der Präside J. Bojko die Gründe für die unumgängliche Notwendigkeit eines jüdischen Vereins für Mittwelda von nationalen, allgemein bildenden und geselligen Standpunkten an, und die allgemeine Zustimmung, die er bei seinen Ausführungen fand, lasst sicher darauf schliesscn, dass der Verein auch fernerhin seiner Aufgabe gerecht wird. Der darauf folgende musikalisch-litterarische Teil des Abends verlief hi jeder Weise harmonisch. Der Programmverkauf ergab für die KJschinewer Opfer ca. 30 Mk. In Hamburg hat die Eröffnung der seit längerer Zeit geplanten jüdischen Kinderhorte jetzt stattgefunden. Dank den» Entgegenkommen der Obcrschulbehörde stehen für den Mädchcnhort die Räume der Volksschule in der Mühlenstrassc zu» Verfügung, wahrend sich der Knabenhort in der Nemitz scher; Schule am Grindclhof befindet. Einem wie grossen Bedürfnisse diese Gründung entspricht, erhellt aus der Tatsache, dass sich zur Eröffnung mehr Kinder einfanden, als ursprünglich gemeldet waren und daher eine grössere Anzahl von Knaben zunächst noch zurück-gestellt werden musste. Auf grund eingellendster Prüfung wurden in erster Linie diejenigen Kinder berücksichtigt, deren häusliche Verhältnisse Ihre sofortige Aufnahme in einen Hort nötig erscheinen Hessen. So konnte denn der Mädchciihort mit 22 Mädchen, der Knabenhort mit 32 Knaben eröffnet werden. Die Leitung des crstcrcn hat die Lehrerin Fr!. Magnus, die des letzteren Herr Lehrer öhlfelder übernommen. Diesen bewährten Lehrkräften steht eine Reihe von Damen als Helferinnen zur Seite. Die Kinder haben in den Hörten zunächst ihre Schularbeiten anzufertigen, dann iolgt Unterhaltung und Spiel, auch wird ihnen als Erquickungsmittd Milch verabreicht. Jüdische Stimmen sind bei den Wahlen allen Parteien willkommen. Haben sich doch sogar die vereinigten Berliner Antisemiten und Konservativen ihre ״Köderjuden'* angeschaiit. um jüdische Stimmen ein/miaugcn. Aber auch. Freisinnige Volkspartei und Sozialdemokratie möchten nicht als judenfreundlich gehen und sind cs auch nicht. Dafür werfen sie sich je' nach den Umständen vor; entweder ״verjudet" oder ״antisemitisch“ zu sein. So berichtet der ״W e s t i ä 1 i s c 11 c A11 7. e i g e r“ aus einer freisinnigen Wahlversammlung zu Ha nun folgende interessante Episode: Nachdem der als Referent gewonnene Redakteur der ״H a g euer Z c i t u n g“ seine Aufgabe erfüllt, fand eine Diskussion statt und in dieser erklärte der sozialdemokratische Kandidat Uecker unter anderem, dass die Freisinnige Volks- Partei g:;!d so arbeiterfreundlich sei, wie Hartenfels soeben r.i.s ׳. \d«;i habe. Sie nehme vielmehr die Gelegenheit wahr, der sozialdemokratischen Partei eins auszuwischan. Habe in.!;: doch in mehreren Wahlkreisen (auch in Berlin) bei der letzten Reiehstagswahl die Erfahrung machen müssen dass sich die verjudete Volkspartei mit allen Parteien, ja sogar mit ihren ärgsten Gegnern, den Antisemiten zusammenschloss; nur um die Wahl eines Sozialdemokraten zu hintertreiben. Hartenfels: Von Vcrfudung der Volksparte» solle Becker nicht sprechen (hier zitierte er die Sprichwörter: ,AVer im Glashause sitze, dürfe nicht mit Steinen werfen'* und ״Im Hause eines Erhängten spreche man nicht gern vom Strick“), denn die Freisinnigen hatten nur c i n.e n Juden, die Sozialdentok raten 18. ' Becker: Nur 8. Hartenfels: Ich setze eine 1 vor die S. denn die sögenannten konfessionslosen Juden der Sozialdemokratie sind und bleiben doch Juden. Und wenn er im ״Vorwärts" lese, welche Summen von Juden für den Wahlfonds gezeichnet würden, wünsclic er manchmal» die freisinnige Partei* hätte auch derartige Geldquellen, (liier nannte Herr Hartenfels einige Namen aus den Quittungen.) Dagegen wendet sich die ״F r e i s i n n i ge Z c i t u n g“ an die Berliner Juden, ja nicht den Sozialdemokraten zu folgen, und droht ihnen mit ״Nahrung des Antisemitismus“, wenn sie mit Ihnen gehen. Juden, die sozialdemokratisch stimmen, werden mit dem Ausdruck die ״Dummen" bezeichnet. Darm aber folgt folgender sehr intcressgnte Passus: ״Wie wir erfahren, ist das antisemitische Flugblatt der Sozialdemokraten, das wir neulich erwähnten, vielfach im Lande verbreitet. Exemplare davon zirkulieren jetzt auch in Berlin. In dem Flugblatt wird bekanntlich unter der Ucberschnift ״Der Geldsack und die Arbeiter“ ein jüdischer Herr auf einem Kutschbock dargestellt, wie er die Peitsche schwingt über Arbeiter und Arbeiterinnen, die seiner Equipage vorgespannt sind.“ Ja, gibt cs denn nun Parteien, die gar nicht in Antiscmitismus machen? — Vielleicht; aber ״Rischus" haben sic alle. Krakau. Gegen das Gesetz über die Sonntagsruhe fand י am 22. Mai eine Versammlung jüdischer Kaufbute unter dem Vor- :sitze des Kultuspräsidenten Dr. Leo Horowitz statt. Die Versammelten erklärten, dass sie die fnteressen ,der jüdischen Kaufmannschaft, welche beinahe 70 pCt. des galizischcn Handelsstandes bildet, durch die projektierte Aendcrung des Gesetzes fiber die Sonntagsruhe sehr gefährdet sehen, und bcschlossen, wenigstens eine sechsstündige Verkaufszeit zu v;rlangen und eine diesbezügliche Resolution an den Polenklub und die polnischen Abgeordneten zu senden. Helfen wird es Ihnen zwar nicht; das wird aber die jüdischen Trabanten des Polcnkhibs nicht hindern, polnisch zu schreien und weiter durch die Juden für die Herren P.olen die Kastanien aus dem Feuer holen zu lassen.