Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VIII (1903)
- Issue
- Heft 23 (5.6.1903)
- Date
- 1903-06-05
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 23. JUdische Ruudscliau. Seite 229. Allerlei. Urthell über lüdfsche Dieben. Man soll Ihn ernstlich fragen, wird geurthcilt, ob er den christlichen Glauben wolle und den Tauf annehmen, ,will er das thun, so tauft ihn ein Priester bei dem Landgericht, und, nachdem er getauft Ist, so wird er verurtheilt, nach den Rechten zu dem Galgen, wie ein Anderer, so gestohlen hat und vorsteht. Will er ein Jud bleiben und den christlichen Glauben nicht annehmen, so wird er geurthcilt, wie folgt: Ich urtheile und dünkt mich recht, dass man diesem jüdischen Dieben einen besonderen Galgen aufrichte und ihn daran mit gebunden Händen und Füssen, an die Füsse 1 7. w ischen zwei w ii t h e n d c n oder heissenden! Hunden an ein Strick henk :־ zwischen Himmel und F.rde so hoch, dass unter ihm kein Laub und Gras wachsen möge, und allda den Hunden, auch den Vögeln des Lut'ts befohlen und dem Erdenreich entfernt werde; und ihr Herr Landvogt und Landrichter Leut und Wächter verordnen, um den Galgen zu verwachen und ihn zu verhüten, allda so lang, bis er am Galgen gestorben und verdorben, damit fiirohin weder Leut noch Gut von ihm beschädigt werde und wann das erstattet, dass dem Urtheil genug geschehen scyc. Nehme dann die Seel, wer Recht dazu hat. (Aargauische Strafrechtsquellen: Malefizgerl c'hts- Ordnung der Freien Aeniter, aus dem XVII. Jahrhundert oder früher. Zeitschrift für schweizcrisches Strafrecht VII. Seite 2*2.) * Aus der Entstehungsgeschichte des christlichen Rltualmordglaubens. (1041 n. Chr.) In Köln empfing ein Jude, dessen Vater bereits sich hatte taufen lassen, am Osterfeste den Leib des Herrn mit dem .Munde und verscharrte ihn nach seinem Austritt aus der Kirche auf dem Gottesacker. Ein Priester aber, der dazu kam una die Grube öffnete, fand die Gestalt eines Kindes, und als er diese zur Kirche zurfickbringeii wollte, erschien vom Himmel ein Lichtschein, mit dem sie seinen Händen entschlüpite und zum Himmel emporstieg. Aus der ״Kölnischen Königschronik“. (Chronica regia Colonicnsis. Rec. Georgius Waitz. Hannoverae 1880. Rec. L, codd. A. Seite 90). Aus Nummer 8 des ersten Jahrgangs des ״Kladderadatsch“ vom Jahre 1848 entnehmen wir: Interessante Notiz. Folgende Zahlen sind uns m i t g e t e i 11 worden. 1. Gesellschaft zur Beförderung des Christentums unter den Juden. Präsident: Exminister Thiele, ca. 8*4 000 Thlr. 2. Verein zur christlichen Fürsorge für jüdische Proselyten. Präsident: Tucke. Kammergerichtsrat.ca. 18 000 Thlr. 3. Berliner Frauen- und Jungfrauenverein für Bekehrung weiblicher Juden. Direktor: Dr. Couard .. . ca. 13 000 Thlr. 4. Jaenikische Missionsgesellschaft. Dir.: Dr. . Rücker♦. .ca. 60 000 Thlr. 5. Gesellschaft zur Beförderung des evang. Mission unter den Juden. Dir. Justizrat Göschei . ca. 24 000 Thlr. 6. Frauenvercin für christliche Bildung der Juden. Präs.: Madame Eichhorn .ca. 48 000Thlr. 7. Missionsverein für Jüdische Kinder. Direktor: Hefinig ............. ca. 8 000 Thlr. 8. Magdalenenstift. Gräfin Bohlen . . . . ca. 76 000 Thlr. 331 000 Thlr. Zum Verständnis dieser . Interessanten Notiz“ und ihrer Anführung ohne Kommentar im ״Kladderadatsch“ muss man wissen, dass die grossen Sammlungen für die Hinterbliebenen und Verwundeten der Märzkämpfe!׳ nur ICO 000 Thaler gebracht hatten: und man empfand die riesigen Summen, die damals wie heute für die Judenmission ausgqgcbcn wurden, als schreienden Widerspruch. Kleine Chronik 9 Der Vorstand des Vereins ״Jüdisches Genesungsheim Berlin“ (Eingetragener Verein* lftd seine Mitglieder zur O r ־ d e n 11 i c h e 11 Mitglieder -Versammlung für Montag, Jen 8. Juni 1903, nachmittags 6 Uhr. im Genesungsheim zu Lehnitz (Abfahrt vom Stettiner Vorort-Bahnhof: 3.40 nachm, oder 4.4n nachm.: Rückfahrt stündlich.) ein. Die Tagesordnung enthält folgende Punkte: 1. Geschäftliches. 2. Geschäftsbericht (£ 15 der Satzungen). 3. An* trag der Revisoren auf Entlastung des Vorstandes bezüglich der Jahresrecluiung für das ahgeiaufene Kalenderjahr (§ 15). 4. Wahl des Vorstandes <§ 15) anstelle der ausscheidenden: Herren: Siegfried Brünn. S.-R. Maretzki. Louis Sachs. Martin Simon. H. Witkowski: Dame!.: Frau Rosa Meyer. Fr. S.-R.!Mühsam. Frau Herniine RaMicnau. Frau Dr. Wiosenthal. 5. Wahl von drei Revisoren Isj. 6. Allgemeine Angelegenbeiten. An die ..Ordentliche!Mitglieder-Versammlaug*’ s׳»ll sic!! eine Besichtigung des Hauses und ein Beisammenbleiben der Mitglieder und Freunde unseres Vereins anschiiessen. Schon wieder wird Eugen Richter v<»a der Reaktion gelobt. Die scharfmacherische ״Post** bespricht d e Ge* schichte der liberalen.Parteien und beweihräuchert dabei Eugen Richter u. a. mit (rügenden Worten: ״Beiden Teilen blühte 1k.•- kanntlicb nur Enttäuschung, den Sczessionisten aber besonders auch deshalb, weil Eugen Richter, ein Führer von Charaktcr und Willensstärke, wohl jedes •harte Wort gegen das Judentum vermied, aber doch keineswegs geneigt war. ihm die allein massgebende Rolle in der neu zusammeiigcschweissten freisinnigen Partei e i n z u r ä u ni e n." Hier wird also Eugen Richter, der unentwegte Vorkämpfer des Freisinns in Reinkultur, schon als Antisemit in Anspiuch genommen! Wie schnell es doch bergab geht auf der schiefen Ebene der Reaktion. (Nautnannsche ״Hilfe“.) Strassburg, den 25. Mai. Der Verein jüdischer Studenten iekfte am 16. Mai im ״Roten Haus“ seine Semestcr-Antrittskneipe, die einen schönen und würdigen Verlauf nahm. Neben den Philistern, die von hier und auswärts erschienen wäret!, konnte der jüngste V. J. St. mehrere Bbr. begrüssen, die es sch nicht nehmen Hessen, von Freiburg und Heidelberg herüberzukommen, um ihren neuen Bundcsbrüdern in Strassbürg persönlich ihre Semesterwünsche zu Überbringern X Cab e n eröffnete die Kneipe mit dem Kaiscrsalamandcr, begrüsstc die Gäste und legte in längerer Rede die Lage der (heutigen) Juden in Deutschland dar. Voll Begeisterung erscholl darauf das Bundeslied, in das sämtliche Anwesenden einstimmten. Eine wohlgelungene Tendenzrede hielt Bbr. Per- 1 i t z vom Münchener V. J. St. Nicht umhin können wir ferner der wirklich ergreifenden Worte des Herrn Dr. Stern, Baden- Baden, zu gedenken, der seiner eigenen Studienjahre gedachte, wo man cs nicht für nötig hielt, jüdische Verbindungen ins Leben zu rufen, wo mancher im Assimilationstmime! im Gegenteil sich glücklich fühlte, in einer christlichen Verbindung unterzukommen. Treuliche Woite aui den ״B.I.C.“ sprach A.H. Dr. W e s t h e i m e r; die Philister verherrlichte Bbr. Karl M e y e r. Zum Schluss verdient noch die launige Rede des Herrn Dr. Zolki Erwähnung, der die Lacher aui seiner Seite hatte. Da die V. J. St. beschlossen haben, auch ihr Scherflcin zur Linderung der Not in Kischincw beizutragen, wurde während des offiziellen Teils eine Kollekte veranstaltet, deren Ertrag zusammen mit der aus der Vereinskasse bewilligten Summe an die Zentralstelle, unseren Berliner Bundes verein, abgeführt wirde. Eine feuchtfröhliche Fidulitüt hielt die Bbr. bis in die späte Nacht zusammen. Ein Exburnmel nach Kehl, wo man Sonntags noch einige fröhliche Stunden bei einer Maibowle verbrachte, beschloss das schöne Fest. — Zu Chargierten wurden für dieses Semester gewählt: C a h e n X״ Bcrmann XX, Weil XXX. Die ״Berliner Zeitung" Ist eine der wenigen, die sich bemüht, die Wahrheit über Klschlnew zu sagen. Dass ihr dabei ״unter dem Strich“ kleine Irrtümcr passieren, darf man ihr nicht zu stark anrechnen. Sie schreibt in einem Brüsseler Feuilleton: ״Die Bluttat in Kischincw hat auch ein Opfer in Brüssel gefordert Als Edmond Picard, der bekannte antisemitische Romanzier, letzhln seine Vorlesung an der neuen Universität halten wollte, legten ihm die Studenten ein Packet Zeitungen