Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VIII (1903)
- Issue
- Heft 22 (29.5.1903)
- Date
- 1903-05-29
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 22. Jüdische Rundschau. Seite 219. Infolge dieser Note sind sie durchgefallcn und werden zur Maturitätsprüfung nicht zugclassen. Nun trat aber der katholische Religionslchrcr, Pfarrer Öallowitsch, an den indischen Religionslchrcr heran und erklärte, diese zwei Schüler,seien vor drei Tagen zum katholischen Olaubch übergctrctc!» und deshalb sei er es, der ihre Religionskenntnisse zu klassifizieren habe, nicht aber der indische Religionslehrcr. Dagegen verwahrte sich nun dieser. Die zwei Schüler waren während der abgclaufenen Schulzeit bei ilun Religionsunterricht zu nehmen verpflichtet und folglich liege es auch an ihm, ihnen die ent* sprechenden Noten zu erteilen. Kr wies Öallowitsch nach, dass die beiden Schüler bisher die Note ,.ungenügend“ erhalten haben und folglich könne er ihnen auch jetzt keine andere geben. Der Piarrer protestierte, allein da der jüdische Religi* onslehrcr nicht von seinem Standpunkte abwich, so werden jetzt die beiden Schüler zur Matura nicht zugelasscn, da sie das Scmcstralzeugnis nicht besitzen. Selbstverständlich werdet! die Schüler an das höhere Forum appellieren und man darf ge• spannt sein, welche Kntschcidung der Kultusminister Herr v o n W l a s s i c s treuen wird. 3G msrram! —— Kleine Chronik. »1־p ■ Ti^rt וז^ין MiininnntfMm ' Drollige Berichte bringen die ״D c u t s c h c H o c h ־ wacht" und die ״Post“, zwei Berliner Blätter von gleicher Bedeutung und gleichem Werte, die beide von gleicher Liebe duicluirimgen sind. Die ״Deutsche Hochwacht".schreibt: ״D. Kinen Vorgeschmack von einem Judenstaat bekam man gestern in einer von zionistischer Seite einberufenen Hcbräerversammlung im Berliner Handwerkerverein. Die gesamte ״jüdische Schweiz” von Berlin hatte sich hier Rendezvous gegeben. Juden beiderlei Ocschlcchts und jedes Alters batten sich zusanuuengefunden. Ks war ein erbaulicher An• blick. Die geschwungenen Reden standen allerdings noch unter unseren, aui das, Mindestmass gespannten Krwartungen. Der Hauptreferent, DK K Icc. benutzte die Vorkommnisse in Kischincw, um ״nachzuweisen'*, dass die Juden überall dort, wo sie in der Minorität seien, in ihrer persönlichen Sicherheit bedroht sind. (!) Das jüdische Volk möge seine täglich dreimal durch Gebet ausgedrückte Sehnsucht nach Zion in die Tat umsetzen. Die Juden sind das ״älteste Kulturvolk (!) der Welt“ und müssten ihre Zusammengehörigkeit erkennen von den ״Godieldcrn" Alaskas bis zu den ״Goldfeldern" Transvaals. Sogar die Wüste würden die Juden mit den Hilfsmittcln der modernen Technik ״kultivieren", wenn Palästina zu klein würde. Die christlichen Heiligtümer, erklärte der Redner höhnisch, würde man den Christen überlassen. Die deutschen Juden aber, die ״Kraft" und Macht besüssen (ahaP mögen ihre Portemonnaies für die russischen Juden öffnen. — Herr Bö Jim erklärte in einem Genüsch von Hebräisch und Deutsch, dass er jedem Gegner, der sich in sein Haus dränge, mit der Axt nicderschlagen würde. Von dem ״Risches", d. h. dem Antisemitismus des deutschen Volkes hätten die Juden allerdings aui der Hut zu sein. (!) Kr befürchte für Berlin dieselben Szenen, wie in Kischincw. Während der Diskussion kam es zu argen Rädauszcnen, als man über einen Debattenschluss nicht einig werden konnte. Dr. Klee wurde mit lebhaftem Zischen begriisst. Die Juden schimpften tobend aufeinander los. Rufe: Raus mit den Kerls! Das wollen Juden sein, wurden laut. Krst nach langem Bemühen gelang es dem Redner, zum Worte zu kommen. — Juden unter sich —." Die gleiche Versammlung steht im Berichte der ״Post" folgender!nassen aus: Zu erregten Lärmszenen kam es in einer gestern von zionistischer Seite einberufenen Judenversammlung. Die Ver- Sammlung selbst bot einen erhebenden Anblick. An 20«• Personen orientalischer Abstammung hatten sich h[er ein Rendezvous gegeben. Auf gleicher Höbe wie das Gros der Anwesenden stand auch das von den Rednern Gebotene. Kine antisemitische Versammlung, in der Dinge wie hier, z. B. auf die Gegner mit der Ax: ioszugehen. zur Sprache gebracht worden wären, wäre, wie selbst ein jüdischer Redner namens L e v i in der Diskussion hervorhob. unweigerlich der polizeiliehen Auflösung verfallen. Der Hauptredner des Abends. Dr. Klee, schlachtete die gewiss bedauerlichen Vorfälle in Kischi-! new in unglaublicher Welse für das Judentum aus. Das jüdische Volk möge seine Sehnsucht nach Zion, der cs täglich dreimal im Gebete Ausdruck gebe, zur Tat umsetzen. Die Juden in Argentinien bezcichnete er als ״KuUurpiouicrc“. Das israeti* tische Volk wäre das älteste Kulturvolk der Welt. Die Juden müssten ihre Stammeszusammengchörigkeit erkennen von Alaskas ״Goldfeldern" bis zu den ״Goldfeldern” Transvaals, also von einem Goldfeld zum andern. Der Redner erläuterte alsdann unter lebhaftem Beifall, wie schön es sei, wenn erst IW. dann 11*00, dann 10 000, dann 100 000, endlich Millionen Juden nach Palästina zurückzögen. Wenn Palästina für die gesamte Judcnscliaft zu klein ist. würds man mit den modernen Hilfsmitteln der Technik die Wüste kultivieren. Die Christliehen Heiligtümer, worin die christlichen Konfessionen ihre Streitigkeiten ausfcchtcn, erklärte der Redner höhnisch, würde man den Christen lassen Kine offenbare Kntglcisung passierte dem Vorkämpfer fiir Zion, als er erklärte, dass die Juden hie! in Deutschland, wo sie Kraft und Macht (also doch!) hesüssen, ihre Portemonnaies fiir die russischen Juden Öffner» mögen. Der zweite Referent. B ö h m, eröffnete seine Rede, wie die ״St. B. Ztg.“ berichtet, mit einen! wilden ücschimpi auf die ״Kreuzzeitung“. Auch diesem Redner passierte eine höchst originelle Kntglcisung, als er Kischincw mit Könitz verwechselte. Des weiteren erklärte dieser streitbare Makkabäer, dass die Juden ihre Gegner mit der Axt niederschlagen sollte 11. Aus seiner Rede sprach, wie e: selbst eiugestaud. eine grosse Angst vor dem ״R i s c 11 e s", d. 11. vor dem A n t ä s c m i t i s m u s. Kr fürchtete fiir Berlin dieselben Szenen wie in Kischincw. 111! Vc 1 lauf der Diskussion kam es zu einem argen Skandal, da man sich über einen Pebattcnsc’nluss nicht einige!! konnte. Pr. Klee wurde bei seinem Schlusswort mit andauerndem Zischen empfangen. Die Juden sdiimpr.cn wütend auf einander los. Rufe: ״Sclnr.cisst die Kerls raus!" wurden laut. Krst nach mehrmaligem vergeblichen Versuchen kam der Redner zum Wort." — — — I Die seh! würdevoll verlaufene Versammlung zu stören.! ist den Antisemiten wirklich nicht gelungen. Wir begreifen i daher ihren Jammer. Wir konstatieren aber mit Vergnügen. | dass mit dem zweiten Referenten ״L c v i" und ״B ö h m" unser Redakteur Dr. Heinrich I. oewc gemeint sein muss, dessen ..grosse A n g s t“ tatsächlich sich in einer derben Faust ausdrückt. Fiir die Antisemiten ist cs jedenfalls von Wert zt< wissen, dass er ganz der Mann ist. seine Versprechungen nicht nur i2b i I d l i c h" zu halten. Die Feigheit, siel! dahinter zu verkriechen, ״er habe es nur bildlich gemeint,“ überlässt c! : der edleren Rasse!! Kleine Mitteilungen. $ 1 Dem Geheimen Regierungsrat Witt Ing den! früheren Oberj bürgermcister von Posen und jetzigen Direktor der National-! bank für Deutschland, sind von Bürgern der Stadt 20 000 Mk. t zur Krrichtung einer ״Witting-Stiftung“ übermittelt worden, i Herr Witting bat dieses Kapital jetzt dm!1 Deutschen Ostniarkcnvcreiu überwiesen. Ks wird als besondere ״Witting• | Stiftung" nach Art des ״StipenJionfonds". der Dr. Ferdinand ׳ v. Hansemann-Stiftung" und der ״Bismarck-Stiftung", also getrennt vom übrigen Vcrcinsvcrmögen, verwaltet werden. Die | Zinsen des Kapitals sollen zur Förderung der d e u t ־ sehen Sache im Osten, insbesondere zur Untcrstüzuug Deutscher aus der Stadt Posen ״ohne Unterschied der Konfession" verwendet werden. ,^! Herr Witting. der früher einmal Wittkowsky hicss, und wie sein Bruder Harden jetzt evangelisch ist, ist ' gegen den Unterschied der Konfession. Kr hat seinerseits eben 1 darum diesen Unterschied aufgehoben.! Hamisracti heisst die neue hebräische Monatsschrift, welche | die orthodoxen Zionisten Russlands, ״ M i s r a c 11 i " heraus•׳ '1 geben. Das Blatt wird in Krakau erscheinen und unter der; Oberleitung des bekannten Rabbiners J. Reuters aus Licla : stehen. -־ J? - * Die erste jüdische Schule ln China in der Stadt Shanghai,! wo zahlreiche indische und chinesische Juden wohnen, ist be- | reits in voller Wirksamkeit. Vier Lehrer, zwei bezahlte und ' zwei freiwillige, unterrichten englisch und hebräisch. 0