Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VIII (1903)
- Issue
- Heft 22 (29.5.1903)
- Date
- 1903-05-29
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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I . i Abonnementspreis (Zusendung Inbegriffen) Vierteljährlich!!.durch dlo Expedition: a) in Berlin M. -,90. b) nach auswärts M I,— * c) für das Ausland M. 1.5a I. im Postabonnemont M 1,25 I. bei Sammolbozug durch die Ortsgruppe M. —,60. Postzoitungsllsto No. 3944. Inserate : die viergespaltcnc Petitzeile 25 Pf. Inseratonbellagen 15 M »!0. 22. Organ der . Zionistischen Vereinigung (Ür ErseUeiut jeden Freitag•. 111 ו«■ ויי uLm, m 1 aig 1■ 1 m ■1 j*«11* ■n<111 י« *1— ׳ an111׳«1 ־Wa1T,«11»n^M״—mmii».w» Berlin, 29. Kai 1903. 3. Siv/an 5663. SinaHM■1 f-1 1 Adresse für Geldsendungen und Bestellungen: Perlag SQdisdtc Rundschau, E. O. m. b. H. Berlin II54, Buguslstrasse nr. 49 a. Sprechstunden: v. 4—5 Uhr nachmittags. Redaktion: Dr. Hclnrldt tieewe, Berlin nW. 40, üehrlerstrasse 14/15. Sprechstunden: Montag und Donnerstag 4—6 Uhr. VIH. Jahrgang. MWNeiww’iiwitfuw^*»*^־**׳.־ווו ווי‘ 1 ■וווזוויד««ד־**יזז" l I t § i i i I t { l r! L I I r ► Das Ghetto-Problem. Mir war ps immer peinlich, ja zuwider, Dinge in der Oeffentlichkcit wiederzukäuen, die schon unzählige Male gesagt worden sind. Und dennoch ist es höchst unpraktisch, sich mit einem vornehmen: ״dixi et salvavi animam meam“ zu begnügen, wo es sich um die Aufklärung einer Volksmasse handelt, deren ganzer Ideenkreis sieh für gewohnlich tim die Frage dreht, ob cs heute oder morgen Brot mit Zwiebeln zum Essen geben würde? — Will man einem solchen Menschen materiell klar machen, dass es ausser der Brotsorge noch Dinge gibt, die dem Leben überhaupt einigen Wert verleihen, so muss man ihm u!1verdrossen ein und dasselbe cintrichtern, wie dem Rekruten den militärischen Drill, dem Spruche treu: ״Steter Tropfen höhlt den Stein.“ Folgende unzweifelhafte Sachlage liegt vor: es gibt in der Gegenwart etwa 7 S Millionen Ohettojuden, deren allergrösstcr Teil in dem fürchterlichsten Elend und der .aüergrössten Not lebt; eine sehr geringe Quote davon hat sichere Existcnzmittel, aber auch nicht mehr, lind nur einige wenige sind wohlhabend, ja reich und begiitert. Es ist für die nächste Zukunft und — so die Vergangenheit eine Lehrmeistern! ist auch noch für eine fernere lange Zeitperiode, nicht abzusclicn, dass das Elend der jüdischen Volksmassen geringer w erde, indem die Wirts- Völker, unter welchen sie leben, durch drakonische Gesetzgebungen und Massregclungcn jeglicher Art dafür ehrlich sorgen, dass es eben nicht anders werde, und indem ferner die Auswanderung der Juden nach anderen freien Himmelsstrichen lange nicht so gross ist, um die jüdische Volksvcriuehrung innerhalb des Ghetto wett zu machen, abgesehen davon, dass ein jeder auswandernde Jude die unglückselige Judenfrage mit in seinem Ränzel führt und überall aufrollt, wo er hingerät. . .. Die Judenmisirc ist so auffällig, dass sic von niemandem, nicht von Feind und Freund, geleugnet, w ird. Wie einst in Aegypten, ist gerade jetzt das Stadium eingetreten, wo die Ghetto-Juden für ihre Gastgeber nicht nur Ziegel brennen, sondern auch noch das Stroh dazu . herbeisehafien müssen. . Dieser traurigen Sachlage gegenüber verhalten sich diejenigen Kreise des Judentums, welche wohl etwas tun könnten, um dem Massenelend zu steuern, auf ganz verschiedene Weise. Der eine Teil, der entweder an nichts, oder an seinen eignen, ihm teuren Gott denkt, sagt: ״was geht mich die ganze Bagage an? mir fehlt, Gott sei gelobt und gedankt, nichts, und wenn ich sterbe, so ist aucli für meine Erben gesorgt; arme Leute gab's von jeher und wird cs geben; trachte« ein jeder, der dastcht, dass er nicht falle.“ ... Wenn so manchem unter ihnen der ״gelbe Fleck“ unbequem wird oder der Druck von aussen einige Magenbeschwcrden verursacht, so lässt er sich taufen, tauft respektiv seine Kinder und schneidet auf diese Weise den Gordischen Knoten auf einmal entzwei. Mit solchen Abfällen und Ab gefallenen haben wir weiter nicht zu rechten. . .. Ein zweiter Teil 'des massgebenden Judentums, dem ein lebhaftes Mitgefühl mit seinen leidenden Brüdern nicht abzusprechen ist, der zur Milderung der momentanen Not auch so manches unternimmt und tut, sagt: ״die Judem’rage sei eine der vielen, vorläufig noch ungelösten sozialen Fragen, deren Lösung man der Zeit, der fortschreitenden Kultur überlassen!misse. Es werden und müssen bessere Zeiten kommen. Die Juden wurden ja einst aut Scheiterhaufen verbrannt und auch sonst zu hunderttausenden abgcschlaehtct; jetzt dagegen geschieht es höchstens, dass man hie und da Judenkrawallc anstiftet, bei denen bloss einige wenige totgeschlagen und einige Hundert Familien brotlos gemacht werden: also ist ein offenbarer Fortschritt zum Besseren nicht zu leugnen. Der Jude existiert in der Diaspora seit 2000 Jahren und ist nicht zu gründe gegangen; wird daher auch ferner existieren und nicht zu gründe gehen. Abwarten! ruhig abwartej!!“ Der dritte Teil des denkenden und fühlenden Judentmns, der sich zionistisch nennt, behauptet dagegen, dass das Zusehen, das Abwarten, das Sichverlassen auf die alleinseligmachende Kultur, einen Aufschub ad ealendas graccas bedeute. Der Krug gehe zu Wasser, bis er bricht. Das laisser faire, laisser passer habe bloss Sinn, wo von Schutzzoll oder Freihandel die Rede sei; in unserer Frage dagegen bedeute es die phisische und moralisclic Entartung eines ganzen Volkes. Das positive Experimenticren mit dem Zuschauen und Abwarten, bis die christlichen Völker die Juden als ebenbürtig in ihre Mitte aufnehmen werden, erinnere an das passive Experiment des armen jüdischen Fuhrmanns, der sein mageres Pferddien kaum noch zu füttern in der Lage war, und auf den plötzlichen Einfall geriet, dasselbe durch Futtercntziclumg