Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VIII (1903)
- Issue
- Heft 14 (3.4.1903)
- Date
- 1903-04-03
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Er ha: viel getan, um in jeder Weise für sich Propaganda zu machen. Er hat es verstanden, seinen ersten mageren Jahresbericht in einer solchen Form abgefasst auf den Markt der Oeffentlichkeit zu werfen, dass man bei der Lektüre den Eindruck hat, wer weiss was für grosse laten und Erfolge des Hilfsvereins vor sich zu haben. Wir verzichten auf eine Kritik des Jahresberichtes. Aber wir verhehlen uns nicht, dass manche Organ!־ sation, die mehr wert ist als der Hilfsverein, von ihm lernen könnte, die Reklametrommel zu rühren. Die neueste Tat auf diesem Gebiete war die ln die Zeitungen lanzierte Meldung, dass die Vorstandsmitglieder des Hilfsvcrcins, Dr. Paul Nathan und James Simon, in einer Audienz dem deutschen Reichskanzler die traurige Lage der rumänischen Juden und die sich daraus ergebende Rückwirkung auf Deutschland geschildert hätten. ״Wir haben alle Veranlassung, dem Herrn Reichskanzler für sein Entgegenkommen dankbar zu sein". Es kann also niemand mehr an der politischen Hilfe zweifeln, die durch den Hilfsverein Deutscher Juden dem rumänischen Judentum zuteil wird. Wenn die Vorstandsmitglieder des Hilfsvereins alle Veranlassung haben, dem Herrn Reichskanzler fiir sein Entgegenkommen dankbar zu sein, so ist cs klar, dass die Leute in so verantwortungsvoller Stellung sich nicht durch die unserm Kanzler eigene Liebenswürdigkeit und diplomatische Gefälligkeit haben täuschen lassen, und seine Höflichkeit mit einem Erfolge ihrerseits verwechselt haben. Es konnte also gar nicht anders sein, als dass man erwaitcn musste, dass Graf Biilow nur auf eine Gelegenheit warte, um seine Meinung für die rumänischen Juden in die Wagschale fallen zu lassen. Hätte man siel» doch sonst sehr wohl gehütet, konservativen und judenfeindlichen Blättern aller Richtungen die billige Gelegenheit zu bieten, darüber zu klagen, dass der Reichskanzler und das Deutsche Reich mehr auf die rumänischen Juden als auf die deutschen Stammesbrüder in Ungarn rücksichtsvoll Bedacht nehme. Man konnte das ruhig mit in den Kauf nehmen, wenn tatsächlich auch nur in ganz winzigem Masse das Deutsche Reich gesonnen wäre, für die Aufrechterhaltung des von ihm verbürgten § 44 des Berliner Vertrages einzutreien. Nach der Enunziation, die offenbar auf Leute vom Hilfsverein zurückgeht, musste man aber mehr, viel mehr erwarten. Schien es doch danach, als ob der Reichskanzler sich irgend wo־ eine Interpellation schon bestellt habe, um seine Meinung über die rumänischen Zustände zu äussern. wie er beim Abgeordneten von Hertwig die Anfrage über seine Stellungnahme zur mazedonischen Frage ' bestellt zu haben schien. Man musste also auf die günstige Antwort gespannt sein, die dem Ersten zuteil werden musste, der die Frage des § 44 und der rumänischen Juden anschnittc. Das war der Abgeordnete Be rn stei n und nach ihm in derselben Sitzung vom 20. März der freisinnige Abgeordnetc Schräder. Sie beide, besonders Bernstein. | brachten das einschlägige Material zur Sprache und man musste billig erwarten, dass nicht nur der Abgcordnete O e r t e 1 ־ Sachsen vom Standpunkte der christlichen I.icbe diese Frage behandeln würde, sondem dass der Reichskanzler mit Freuden eine Erklärung abgeben würde, die man nach der Meldung, die da in allen Blättern zwischen Gänsefüsschen weitergegeben wurde, erwarten durfte: ״Wir haben alle Veranlassung, dem Herrn Reichskanzler für sein Entgegenkommen dankbar zu sein!“ Und was antwortete der Kanzler? War seine Antwort vielleicht nicht deutlich genug, war sie vielleicht diplomatisch verschnörkelt, hatte sie Klauseln, die den geraden Sinn abschwächten? Die Antwort des Reichskanziers Hess an Deutlichkeit in der Tat nichts zu wünschen übrig. Sie war so unzweideutig, dass gar kein Zweifel sein kann, wie man die Meldung hinzunehmen hat, dass die Vertreter des Hilfsvereins alle Veranlassung nahmen, dem Herrn Reichskanzler für' sein Entgegenkommen dankbar zu sein. Die dritte Lesung des Etats ging vorüber, und weder der Reichskanzler noch irgend ein anderer am Bundesratstisclie fand cs für nötig, auch nur mit ejnem einzigen Worte eine Antwort anzudeuten. Das ist in der Tat eine Antwort, die fiir den an Deutlichkeit nichts vermissen lässt, der da weiss. dass keine Antwort auch eine Antwort ist, und der die schroffe Ablehnung zu ermessen weiss,